André Brie

«Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!»

Jugendweiherede

Liebe Eltern, Großeltern, Geschwister, liebe Verwandte, Freunde, vor allem aber liebe Mädchen und Jungen,

es ist heute Euer Tag. Dazu gratuliere und wünsche ich Euch, dass dieser Tag für Euch besonders schön wird.

Dieser Tag, das ist die Idee, soll Euch sagen, dass die Kindheit hinter Euch liegt und das Erwachsensein beginnt. Gott sei Dank, werdet Ihr vielleicht sagen. Kindheit kann manchmal ganz schön ätzend sein.

Erwachsensein ist aber auch nicht immer schön. Abgesehen davon, dass es auch Verantwortung bedeutet, benötigt Ihr Ausbildung oder Studium und dann einen Arbeitsplatz. Vor allem aber benötigt Ihr immer gute und verlässliche Freundinnen und Freunde. Eure Eltern, da bin ich sicher werden es immer für Euch sein. Erwachsen werden heißt auch, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu fällen, die eigene Zukunft in die Hand zu nehmen. Ihr wisst längst, dass nicht jede Eurer Entscheidungen richtig sein wird. Habt dennoch keine Angst davor. Nicht immer ist der erste Weg der bessere. Manchmal ist er nur der bequemere. Auch Umwege können interessant und lehrreich sein und können auf überraschende Weise zum Ziel führen.

Es wäre super, wenn Eure eigenen Wünsche in Erfüllung gingen. Es ist wichtig, das eigene Leben zu leben. Aber Ihr wisst auch, dass es für viele nicht leicht ist, überhaupt einen Ausbildungsplatz und später eine Arbeit zu finden, vom Traumjob ganz zu schweigen. Und in den Beziehungen zu Freundinnen und Freunden, zu den Eltern, sogar zu den eigenen Kindern gibt es viele, viele schöne Stunden, aber gelegentlich auch handfesten Zoff. Dagegen gibt es keine Rezepte, aber Zuhören hilft, miteinander reden, den anderen genauso achten, wie man selbst geachtet sein will.

Ich möchte Euch eben beides sagen: Ihr sollt leben, wie Ihr es wollt,  Ihr sollt sein, wie Ihr seid, aber Ihr sollt auch wissen und achten, dass das nur schön ist mit anderen Menschen gemeinsam, und wenn andere es auch können.

Auch wenn Tag und Anlass dazu angetan sind, ich will nicht nur vom Erwachsensein reden. Zu den Wünschen, die ich für euch habe, gehört auch noch ein anderer:
Eure Eltern mögen mir verzeihen – seid wenn es nötig ist auch aufmüpfig, seid  manchmal starrköpfig, stellt kritische Fragen, gebt mutige Antworten. Vertraut auch weiterhin auf die Erfahrungen der Älteren, holt ihren Rat, wenn Ihr ihn braucht, bittet sie um Hilfe, wenn Ihr sie nötig habt.

Noch eins ist mir sehr wichtig, und ich wäre glücklich, wenn Ihr es ähnlich seht. Jeder hat eine persönliche Verantwortung, nicht nur für sich, nein, auch seinen Mitmenschen gegenüber. Wenn wir nicht alle gemeinsam darauf acht geben, wird zerstört, was diese Welt erst lebenswert und liebenswert macht. Hier in Grimmen, in der eigenen Familie und ebenso in der ganzen Welt. Wir alle reden oft, über jene Menschen, die zu uns nach Deutschland geflüchtet sind. Wir haben Sorgen, ob wir es schaffen, und ob sie es schaffen bei uns und in unserer anderen Kultur. Natürlich ist es für uns alle und für sie eine riesige Herausforderung. Aber egal, was ich jemals gemacht habe, war es entscheidend nicht nur zu lesen, darüber zu reden, sondern auch bei den betroffenen Menschen zu sein – bei Menschen, die arbeitslos sind oder nur Hartz IV haben, bei Menschen, die behindert sind oder von unserer Gesellschaft behindert werden und ebenso bei jenen Menschen, die in Kriegen leben, bedroht sind, flüchten mussten.

Ich war in den letzten Jahren in fast allen Kriegsgebieten dieser Erde. Was ich gesehen und erlebt habe, wird mir nie Ruhe lassen. Ihr, liebe Mädchen und Jungen, werdet viele eigene Probleme haben. Aber versucht, ein offenes Herz und einen offenen Verstand für die Probleme anderer Menschen und anderer Völker zu behalten. Und keiner soll mir sagen, dass der Einzelne da gar nichts tun kann.

Ich war erst vor wenigen Wochen wieder im Irak und bei jenen Menschen die Krieg erleben und bei Zehntausenden Menschen, die in Flüchtlingslagern leben müssen. Wichtig, das möchte ich sagen, für das Zusammenleben, für ein friedliches Miteinander ist, ein Verantwortungsgefühl für einander zu haben, es, wenn möglich, einander kennenzulernen. Was wir kennen, ist uns nicht mehr fremd, was wir verstehen, macht uns keine Angst mehr, was wir lieben, wollen wir beschützen. Und diese Welt muss beschützt werden: vor Krieg und Gewalt, vor Gleichgültigkeit und Intoleranz, vor ökologischem Wahnsinn, vor Ungerechtigkeit, Hunger und Not.

Erlaubt mir bitte Euch aus einem Buch, das ich vor kurzem gelesen habe, eine Stelle zu zitieren. Geschrieben hat es ein Mann, der als Zwölfjähriger au Afghanistan fliehen musste. Er schrieb über diese Flucht, die bei ihm zwei Jahre gedauert hat, bis er in Großbritannien eine neue Heimat fand:
„Nein.
Ich wollte nicht aufgeben.
In dieser Zeit hatte ich jede kindliche Unschuld verloren. Ich hatte unaussprechliche Demütigungen und Gefahren erlitten. Ich hatte zugesehen, wie Männer zusammengeschlagen wurden, war aus einem rasenden Zug gesprungen, war tagelang in glühend heiße Lastwagen eingesperrt gewesen, war zu Fuß über halsbrecherische Bergpfade gewandert, um Grenzen zu überqueren, hatte zweimal im Gefängnis gesessen und war von Soldaten beschossen worden. Kaum ein Tag war vergangen, an dem ich nicht erlebt hatte, wie unmenschlich Menschen einander behandeln.“

Was ich Euch sagen wollte und Euch von Herzen wünsche, hat ein Schriftsteller, den ich besonders liebe, schon vor Jahrzehnten viel besser gesagt, und ich möchte Euch ein Zitat aus dem wunderschönen und wundersamen Märchen „Der Kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry ans Herz legen: „Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen. Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen sie euch nie über das Wesentliche. Sie fragen euch nie: Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er am meisten? Sammelt er Schmetterlinge? Sie fragen euch: Wie alt ist er? Wie viel Brüder hat er? Wie viel wiegt er? Wie viel verdient sein Vater? Dann erst glauben sie ihn zu kennen.“

Der kleine Prinz zeigt einem, dass man Dinge nicht oberflächlich und nur nach dem äußeren Schein beurteilen darf. Und er verachtet diejenigen, bei denen alles zum Geschäft wird. Seine Geschichte ist ein Lied auf eine Welt des Bemühens und der Verantwortung um- und füreinander, auf Freundschaft und Solidarität, auf die Schönheit. Alles, was für die Menschheit bedeutsam ist, wird auf einfache Weise durchschaubar: Verletzbarkeit, Machtanspruch, Liebe, Stolz, Eitelkeit, Gier, Untertanengeist, Abhängigkeit, Reue, Scham, Überheblichkeit, Furcht. Die Sehnsucht eines Kindes, das erwachsen werden will und staunend seine Erfahrungen mit der Welt macht. Ein Kind, das unbeirrt seinen Weg geht, auch bei anderen kein Ausweichen duldet und so lange Fragen stellt, bis es eine Antwort bekommt. Solche Kindheit solltet Ihr Euch bewahren, wenn Ihr erwachsen werdet, und wir alle sollten es behalten.

„Adieu“, sagte der Fuchs zum kleinen Prinzen. „Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“

Ich wünsche Euch fröhliche Stunden, die weit über den heutigen Tag hinausgehen mögen, und viel Neugier. Adieu.