André Brie

Aber Licht in einem Buch

Gulwali Passarlay, Am Himmel kein Licht, Rezension für das Neue Deutschland

Wer in diesen Monaten denkt nicht nach über die Flüchtlingskrise, spricht nicht, liest nicht in Zeitungen, sieht nicht im Fernsehen darüber? Die Meinungen, wir wissen und erleben es, sind extrem unterschiedlich. Leserinnen und Leser des ND sind natürlich solidarisch. Doch auch uns sollte klar sein, selbst wenn wir uns für sie einsetzen, sie treffen und befragen, wir denken und reden darüber, wie Karl May über das „wilde Kurdistan“ schrieb – er war nie da.

Gulwali Passarlay flüchtete als Zwölfjähriger aus Afghanistan nach Europa, nachdem sein Vater, ein Arzt, von amerikanischen Soldaten umgebracht worden war. Seine Mutter schickte ihn und seinen Bruder aus dem Land, um sie vor den Besatzern und den Taliban gleichermaßen zu retten. 8000 Dollar zahlte die Mutter den Schleppern. Wer Gulwalis Buch „Am Himmel kein Licht“ liest, wird doch ein wenig „da“ gewesen sei, mitleiden können und müssen, verstehen, was es für die Flüchtlinge bedeutet, ihre Familie, Heimat und eigene Kultur verlassen zu müssen. Mit diesem Bericht über „die lange Reise eines kleinen Jungen, der allein aus Afghanistan fliegt“, so der Untertitel, lässt sich verstehen, warum sie keine Alternative zur Flucht haben, was sie erleben, auch wie sehr sie sich verändern müssen. Persönlich war es mir wichtig zu spüren, welche Veränderungen es Gulwali Passarlay erfordert hat, seinen Umgang mit Frauen, seine Haltung zu ihnen, sein Verständnis für sie zu akzeptieren. Nein, große Achtung für Frauen gibt es auch bei den meisten Männern in Afghanistan, Syrien oder im Irak. Doch zu erleben und zu akzeptieren, dass sie ganz andere Rechte haben, sich nicht verschleiern, mitten in der Gesellschaft eine zentrale Rolle spielen und arbeiten können, verlangte dem Jungen lange Zeit sehr viel ab. Gulwali Passarlay hat dieses Buch gemeinsam mit Nadene Ghouri in Großbritannien sieben Jahre nach dem Beginn seiner Flucht und fünf Jahre nach seiner Ankunft in Großbritannien geschrieben. Da war er 21 Jahre alt war und hatte an der Universität in Manchester Politik studiert. Im gesamten Buch aber wird jeder spüren können, wie sehr diese Flucht ebenso wie die zu Hause gebliebene Familie, Freunde und ihre Kultur ihn geprägt haben, wie er sie gehütet und doch mit Freude er völlig Neues aufgenommen hat.

Das Buch hatte mich so gefesselt, dass ich nur wenige Stunden zum Lesen benötigte. Wer wirklich begreifen und fühlen möchte, was in der Welt, in Kriegen und Fluchten los ist, was jene Menschen erleben, die dort leben oder flüchten müssen, für sie sollte dieser authentische Bericht ein Muss sein. Immer wieder dachte ich beim Lesen, wenn die Anhänger der AfD und jene, die nur eigene Ängste und Unverständnis haben, ihn selbst läsen, müssten sie ihre Haltung überwinden. Aber sie werden es nicht zur Kenntnis nehmen. Und wenn die EU-Verantwortlichen noch einmal über ihre milliardenteure und prinzipienlose Vereinbarung mit der Türkei über die Abschiebung der Flüchtlinge nachdenken sollten, wäre es sicherlich wirksam, wenn sie mal nachliesen, wie es Flüchtlingen in türkischen Gefängnissen ergeht. Um dieses Neugier auf Buch zu machen, möchte ich drei Aussagen zitieren. Abgesehen davon, dass ich es keinesfalls besser beschreiben könnte, mögen sie auch dieses Buch und seinen Autor charakterisieren, um die Motive der Flüchtlinge, ihre furchtbaren Opfer und die Situation in ihren heimatlichen Ländern zu begreifen. Das dritte Zitat, ich greife vor, würde ich am liebsten auch der Bundesregierung für ihre Politik und die aktuelle Diskussion um „sichere“ Herkunftsländer um die Ohren hauen.

Im Prolog schreibt Gulwali Passarlay: „Nein. Ich wollte nicht aufgeben. Ich war seit fast einem Jahr unterwegs. In dieser Zeit hatte ich jede kindliche Unschuld verloren. Ich hatte unaussprechliche Demütigungen und Gefahren erlitten. Ich hatte zugesehen, wie Männer zusammengeschlagen wurden, war aus einem rasenden Zug gesprungen, war tagelang in glühend heiße Lastwagen eingesperrt gewesen, war zu Fuß über halsbrecherische Bergpfade gewandert, um Grenzen zu überqueren, hatte zweimal im Gefängnis gesessen und war von Soldaten beschossen worden. Kaum ein Tag war vergangen, an dem ich nicht erlebt hatte, wie unmenschlich Menschen einander behandeln.“ Das zweite Zitat verkürze ich sehr, aber es fasst sehr viel zusammen: „Wir verloren unsere Menschlichkeit – sie wurde uns genommen. Das war vielleicht der eigentliche Preis dieser Reise.“ Doch ich beruhige mögliche Leser. Letzten Endes bewahrten Gulwali Passarlay wie sehr viele der anderen Flüchtlinge, die er traf, eben doch und gerade ihre Menschlichkeit.

Und wenn ich noch immer nicht für dieses Buch genügend geworben haben sollte, es kann nicht viel Humor in diesem Buch sein, wahrscheinlich werden auch Frau Merkel oder die Herren Obama, Cameron oder Hollande diesen Witz auch nicht verstehen, aber er gehört einfach und vollständig an das Ende meiner Rezension: „Also , George Bush, Tony Blair und Hamid Karzei kommen in die Hölle. Sagt Bush zum Teufel: ‘Hey, Teufel, ich muss Dick Cheney anrufen und hören, wie der Krieg läuft.’ Sagt der Teufel: ‘Klar, George. Macht eine Milliarde Dollar.’ Bush ist sauer, aber er zahlt und ruft an. Dann kommt Tony Blair zum Teufel: ‘Hey, Teufel, ich muss die Queen anrufen – nur mal hören, wie der Krieg so läuft.’ Sagt der Teufel: ‘Kein Problem, Tony. Macht eine Milliarde Dollar.’ Tony will auch nicht zahlen, aber es bleibt ihm nichts anderes übrig. Schließlich geht unser toller Präsident Hamid Karzai zum Teufel. ‘Hey, Teufel, ich muss mal in Kabul anrufen und hören, wie die Besatzung läuft.’ Sagt der Teufel: ‘Klar, Hamid. Das macht 50 Cent.’ Als Hamid ans Telefon geht, stürmen George Bush und Tony Blair zum Teufel: ‘Teufel, warum müssen wir eine Milliarden Dollar zahlen, und Karzai nur 50 Cent? Das ist nicht fair!’ Da sagt der Teufel zu George und Tony: ‘Klar ist das fair. Ihr telefoniert nach Washington und London, das sind Ferngespräche. Aber Hamid macht nur ein Ortsgespräch.’“ Diese Ortsgespräche können die Betroffenen sowieso auch im Irak, in Syrien, Libyen, Jemen, Mali, Eritrea, Somalia, Nigeria oder Palästina führen. Die Mächtigen im Westen allerdings werden unverändert immer nur Ferngespräche haben.