André Brie

Abschied vom «Disput»

Rede zur Verabschiedung von Stefan Richter in Berlin

Lieber Stefan,

wie man so meint, es ist alles gesagt, nur nicht von allen. Das einzige, das ich nun tun kann, ist sehr persönlich zu werden.

Du hast ja vor ein paar Wochen gedacht, dass Du meine letzte Kolumne für Deinen „Disput“ bekommen hättest. Doch ich habe noch eine für Dich geschrieben, die du heute erhältst.

Ich kenne dich lange und habe verfolgt, wie du den Pressedienst zu einem wirklichen Kommunikationszentrum der Partei und später aus „Disput“ eine echte, gute und lesbare Zeitschrift gemacht hast. Und Du hast mich begleitet, mir Freiraum gestattet. Jetzt, lieber Stefan, wo du sicher in Freiheit bist, kann ich es ja erzählen: Du hast mich besonders ermutigt, wenn ich mich kritisch geäußert habe. Solche Unterstützung habe ich sehr gebraucht.

Du hattest klare Urteile, aber trotz Deines Namens warst Du nie ein Richter. Na gut, gelegentlich hast Du mich verurteilt, endlich zu liefern, doch es war immer auf Bewährung. Karl Kraus schrieb, dass Richter richten, damit sie nicht selbst gerichtet werden. Doch für Dich, lieber Stefan, war das nie ein Motto. „Nichts ist so selten wie ein eigenes Urteil“, meinte Helvétius vor fast dreihundert Jahren. Vielleicht hat es sich bis heute nicht wirklich geändert, doch du warst dazu fähig.

Wenn ich schon bei Deinem Namen bin, nach dem Etymologischen Wörterbuch bedeutet „richten“ nicht nur Recht sprechen, sondern auch Krummes geradezumachen, in eine gerade Lage, Stellung, Richtung zu bringen, auf ein Ziel zu lenken, in Ordnung zu bringen. Genau das habe ich durch Dich erlebt. Im Althochdeutschen hieß Richter „rhitäri“ und war nicht nur Richter, sondern auch Leiter. Und Du warst eben der „Disput“-Leiter.

Lieber Stefan, als Gerd Gampe aufgehört hat, schrieb ich ihm, dass ich zum ersten Mal für die Verlängerung des Rentenalters sei. Das wiederhole ich auch für dich. Ich habe öfter gesagt, dass die damalige PDS ohne Gregor Gysi nicht überlebt hätte. Doch es stimmt nicht ganz. Es lag auch an jenen, die lernen konnten, unsere gesamte Politik verändert haben, den Stalinismus und andere ismen hinter sich ließen. Und sie haben gebrannt, so dass die Menschen auch die neue Wärme dieser Partei erleben und spüren konnten.

Und genau das will ich heute noch loswerden. Wenn unsere Partei, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, unsere Funktionäre und Abgeordneten nicht brennen, mutig, kreativ und auch wieder überraschend sind, werden wir unsere Verantwortung nicht wahrnehmen. Ich hoffe einfach, lieber Stefan, wenn du jetzt aufhörst, dass es Menschen geben wird, die genau das bei dir, bei Gerd Gampe, Bernd Ihme, Lothar Hoffmann und bei Tanja Behrend, die es heute für dich organisiert hat, gelernt und begriffen haben. Ohne Feuer kommen allenfalls Verwalter aus, die Menschen, für die wir uns einsetzen wollen, und Die Linke nicht. Danke, lieber Stefan.»