André Brie

Bettina Flitner: „Mestlin goes Mestlin. Was ist die DDR für Dich?“

Rede zur Eröffnung der Ausstellung der Fotografin Bettina Flitner: „Mestlin goes Mestlin. Was ist die DDR für Dich?“

Liebe Freunde, liebe Damen und Herren, liebe Bettina Flitner,

als ich heute Morgen in meinem Brockhaus suchte, fand ich Mestlin nicht. Mein Vater, der als junger Kommunist und Jude aus der Emigration nach Deutschland zurückgekommen war, obwohl dort außer seinen Eltern und seiner Schwester die ganze Familie und Verwandtschaft umgebracht worden war, wollte mitwirken, ein anderes Deutschland zu schaffen, und war in Schwerin gelandet. Wenn er mit uns Kindern über das Land fuhr, zeigte er uns oft und stolz Mestlin, wo er seine Vision verwirklicht sah, Stadt und Land gerade auch durch Kultur und Kunst näher zu bringen. Das Mestliner Kulturhaus und die Veranstaltungen dort kannten fast alle Menschen im damaligen Bezirk Schwerin.

Nach 1990 schien das riesige Kulturhaus in einem kleinen Dorf nicht mehr in die neue Gesellschaft und schon gar nicht auf den Wirtschaftsmarkt zu passen und erwies sich als große und zu große finanzielle Belastung für die Gemeinde. Bevor ich jedoch zu der heutigen Ausstellung und zu Bettina Flitner spreche, möchte ich ganz besonders dem Verein Denkmal Kultur Mestlin danken. Rund um Takwe Kaenders haben sie es tatsächlich geschafft, diesem Kulturhaus ein neues Leben einzuhauchen und immer wieder großartige und vielfältige Kunst und Kultur nach Mestlin zu holen. Dass Takwe Kaenders in der Nähe von Köln aufgewachsen ist, sich mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern dermaßen um das Mestliner Kulturhaus gekümmert hat, zeigt wohl auch, dass das, was zusammengehört, auch tatsächlich zusammengewachsen ist, um das berühmte Zitat von Willy Brandt zu benutzen. Ich habe mir in dieser Woche bei der Vorbereitung dieser Ausstellung auch ansehen können, wie sehr die Mitglieder dieses Vereins nicht nur Initiativen und Ideen haben, sondern wie viel Zeit sie sich auch praktisch und handwerklich engagieren, damit so etwas möglich wird.

Damit bin ich eben bei dieser Ausstellung, den Fotos von Bettina Flitner, ihrer Frage „Was ist die DDR für Dich?“ und den Antworten, die sie erhielt. Als ich sie selbst fragte, wie sie denn auf Mestlin gekommen sei, erzählte sie mir, dass sie ursprünglich jene Menschen noch einmal fotografieren und befragen wollte, die sie beim Fall der Mauer vor einem viertel Jahrhundert in Berlin getroffen und fotografiert hatte. Doch sie wieder zusammenbekommen, erwies sich als unmöglich. Stattdessen wurde sie auf Mestlin verwiesen. So kann eine Künstlerin eben auch ohne Brockhaus und ohne im Bezirk Schwerin gelebt zu haben nach Mestlin kommen. Im vergangenen Jahr hat sie hier Menschen treffen, befragen und fotografieren können, und sie ist offen aufgenommen worden.

Sie selbst hat geschrieben: „Wo genau sitzt eigentlich die Erinnerung? Vorne? Hinten? Tief drinnen?“ Hier am Marx-Engels-Platz darf ich vielleicht Rosa Luxemburg antworten lassen: „Die wirkliche Geschichte ist, wie die schaffende Natur, viel bizarrer und reicher in ihren Einfällen als der klassifizierende und systematisierende Pendant.“ Aber das muss man Bettina Flitner nicht sagen. Ich habe diese Fotografien und die Textzusammenstellungen genau so verstanden. Sie wollte diesen Reichtum, die Vielfalt und die Differenzen finden und gestalten. Man kann auch mit Hegel sagen: „Wenn man über sich nachdenkt, sich erinnert, dann zieht man den Reichtum hervor, der an sich in Einem ist..“

Die Bilder und der erwähnte wundervolle Text haben mich eine Fotografin kennenlernen lassen, die mit Neugier, Achtung und offenem Blick, Geist und Herzen nach Mestin gekommen, gesehen und zugehört hat und das Vertrauen der Menschen in Mestlin gefunden hat.

„Was ist die DDR für Dich?“ Es war natürlich sehr Unterschiedliches, Widerspruchvolles, auch Gegensätziches. Das zeigen die Fotos und Aussagen. So wie Menschen eben sehr verschieden sind und sehr Verschiedenes erlebt, gehofft und erwartet haben.

Es bewusst zu machen, ist für uns alle auch nach 25 Jahren immer noch wichtig. Anders können wir alle nicht sinnvoll leben und lernen. Nicht im Osten, auch nicht im Westen, schon gar nicht in einem gemeinsamen Land und einer gemeinsamen Gesellschaft. Natürlich war ich bei den Zitaten auch ein wenig erschrocken, wie wenig junge Menschen noch über die DDR wissen. Klaus Mann, den ich so verehre, meinte in seinem Buch „Der Wendepunkt“: „Erinnerungen sind aus wundersamem Stoff gemacht – trügerisch und dennoch zwingend, mächtig und schattenhaft. Es ist kein Verlass auf die Erinnerung, und dennoch gibt es keine Wirklichkeit außer der, die wir im Gedächtnis tragen.“

Uns allen, unseren Lehrerrinnen und Lehrern, auch den Jugendlichen hier in Mestlin möchte ich Kästners Verse an das Herz legen:
„Die Erinn’rung ist eine mysteriöse
Macht und bildet die Menschen um.
Wer das, was schön war, vergisst, wird böse.
Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm.“

Ihnen, Bettina Flitner, dem Verein und den Menschen in Mestlin, die sich geöffnet hatten, möchte ich herzlich danken für diese Ausstellung und die Möglichkeit zu sehen, zu streiten, nachzudenken und weder böse noch dumm zu sein.