André Brie

Dritter Weltkrieg?

Dass die unterschiedlichsten Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehsender und Verlage in diesem Jahr umfangreich über den Ersten Weltkrieg, der vor einhundert Jahren ausgelöst wurde, etwas weniger über den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges durch das deutsche Naziregime vor 75 Jahren, berichteten, ist verständlich und notwendig. Am heutigen Tag, ich schreibe meine Kolumne am 11. August 2014, hat die Neue Zürcher Zeitung eine ganze Seite über Ypern unter der Überschrift „Die Todesfelder von Flandern“ gebracht. Eine halbe Million Soldaten sind allein dort gefallen. Es gibt noch sehr viele Menschen, die sagen „nach dem Krieg“ und meinen nach 1945. Und da beginnt mein Problem. Ja, wir hatten seit 1945 in Mitteleuropa keinen Krieg mehr. Das ist nach den Jahrhunderten voller entsetzlicher Kriege, Abermillionen Toten, Verstümmelten, Verwaisten und unendlichen Zerstörungen, erst recht nach dem nazistischen Vernichtungskrieg und der Shoa ein zivilisatorischer und geradezu epochaler Fortschritt, der immer wieder bewusst und gehütet werden muss.
…Doch „nach dem Krieg“? Vielleicht hätte ich einer solchen Formulierung bis 1990 nicht widersprochen. Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes jedoch kam es nicht zu der versprochenen und gehofften „Friedensdividende“, sondern zu immer häufigeren Kriegen. Dass von Deutschland nie wieder Krieg ausgehen sollte, wurde ebenso verraten. Jugoslawien wurde auch von der Bundesrepublik angegriffen, ebenso Afghanistan. Der zweite Golfkrieg der USA und Großbritanniens wurde mit Milliarden unterstützt. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.
Ich möchte jedoch noch weitergehen. Während wir über den ersten und zweiten Weltkrieg zu Recht diskutieren, schreiben und veröffentlichen, frage ich mich, ob wir nicht ebenso über den dritten Weltkrieg reden und empört sein müssten, von dem jedoch nirgendwo die Rede ist. Natürlich hat dieser Weltkrieg einen anderen Charakter als jene, die historisch nummeriert wurden. Es gibt nur selten Massenschlachten, keine gemeinsamen und klar bestimmte Bündnisse und Alliierte. Es gibt kein zeitlich absehbares Ende (im Nahen Osten muss man inzwischen von einem fast hundertjährigen Konflikt und zahlreichen Kriegen sprechen), es gibt keine Sieger, keine Kapitulation. Was es gibt, sind viele Millionen Tote im Irak, im ehemaligen Jugoslawien, in Afghanistan, Libyen, Syrien, Mali, Zentralafrika, im Nahen Osten und anderswo. Es ist auch nicht wahr, dass diese Kriege und Konflikte nicht weltpolitisch verknüpft sind. In den meisten Fällen sind sie vom sogenannten Westen ausgelöst worden (einige sind auch immer noch Folgen des Kolonialismus), in praktisch jedem Fall, wurden durch die Politik und die Interventionen des Westens Ursachen für Bürgerkriege, staatlichen Zerfall und soziale Not hervorgerufen. Wer genauer hinsieht, wird auch feststellen, wie sehr die anhaltende Ausbeutung und Unterentwicklung des „Südens“ oder der kulturelle Imperialismus des Westens reaktionäre und terroristische Gegenreaktionen sowie Fundamentalismus auslösen.
Nicht selten fühle ich mich machtlos und habe keine ehrliche zuversichtliche Antwort. Natürlich müssen wir aufbegehren gegen diese Politik und die Kriege, viel lauter, öffentlicher, nachhaltiger als nur in Erklärungen oder Abstimmungen und möglichst mit Millionen Menschen gemeinsam auf der Straße. Eine wirkliche Lösung oder zumindest Eindämmung würde eine völlig andere weltwirtschaftliche Entwicklung zugunsten des Südens und seiner gesellschaftlichen und kulturellen Selbstbestimmung erfordern. Vielleicht eine Art eines völlig anderen Marshallplans. Doch dazu ist der Westen und seine Konzerne und Banken nicht bereit. Anders als im ersten und zweiten Weltkrieg sind die Opfer weit von den westlichen Staaten entfernt.

(Kolumne für «Disput»)