Ein ganz anderer Ministerpräsident

Helmut Holter ist Ministerpräsidentenkandidat der LINKEN. Er ist Mecklenburger von Geburt und Wesen. Kein Dickkopp. Dickköpp sind die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern ohnehin nicht. Aber beharrlich, ruhig, bodenständig. So spricht er auch. So ist er aufgewachsen und geblieben. Gerd Schneider, der erste Direktor des NDR-Landesfunkhauses in Mecklenburg-Vorpommern, sagt über ihn: „Dem politisch anders Denkenden zuhören, seine Meinung ernst nehmen und den sachlichen Diskurs darüber führen – das hat unsere Gespräche immer ausgezeichnet und zur gegenseitigen persönlichen Wertschätzung beigetragen.“

Fritz Reuter meinte bestimmt zu Recht, als „uns’ Herrgott de Welt erschaffen ded, fung hei bi Meckelnborg an“, und Gott war damit natürlich mehr als zufrieden. Helmut Holter wurde in Ludwigslust geboren und wuchs in Malliß als Sohn eines Sägewerksarbeiters und einer Landarzthelferin auf. In bescheidenen Verhältnissen, würde man etwas altmodisch sagen, und in einer Region die „griese Gegend“ heißt. Von der allerdings meinte Reuter: „Michael (der Erzengel) namm dat Lübtheener Amt un Grabow un Däms (Dömitz), äwer’t würd ok dornah (aber es wurde auch danach). Na, Lihrwark is keen Meisterstück.“ Dem würde Holter dann doch etwas leidenschaftlicher als sonst widersprechen. Als Kind „ströperte“ er gern durch den Wald („Kennst du den Begriff?“, fragt er mich), war Tag um Tag an der frischen Luft. Oft arbeitete er auf dem Feld mit. „So etwas fehlt mir heute. Wenn wir Zeit haben, sitzen wir auf der Terrasse vor unserem Reihenhaus. Es ist schön, die Vögel zu hören. Oder, aber das ist auch viel zu selten, wir fahren zum Spazierengehen an die Ostsee.“

Mecklenburg-Vorpommern blieb immer sein Zuhause, aber von hier aus ging er auch in die Welt. Er studierte Baustofftechnologie in Moskau und heiratete seine armenische Frau. Das tragische Schicksal des armenischen Volkes beschäftigt ihn sehr. Wenn er mit seiner Frau allein ist, sprechen sie nur Russisch. Ob auch dabei sein niederdeutscher Akzent zu hören ist, weiß ich nicht. Als Abgeordneter und Minister lernte er die Arbeit der Europäischen Union in Brüssel kennen, und heute besucht er regelmäßig seine Tochter in London: „Das ist das Wichtigste in meinem Leben: meine Frau und meine beiden Töchter. Wir sind immer füreinander da.“

In den Medien wird gern behauptet, Holter sei ein großartiger Politiker, aber in der falschen Partei; eigentlich sei er ein typischer Sozialdemokrat. Das bekommt er auch von einigen Genossen in der eigenen Partei gelegentlich zu hören. Dann kann er verletzt, auch niedergeschlagen oder wütend sein. Aber das würde niemand mitbekommen. Nur seine Frau kann das spüren. Sie macht ihm Mut, kritisch zu bleiben. Der Gedanke, seine Partei zu verlassen, ist Helmut Holter nie gekommen. Er hat die Perestroikazeit in Moskau erlebt. „Wie ein Schwamm sog ich die neuen Gedanken auf. Es war eine Befreiung. Aber als ich 1987 in Neubrandenburg Mitarbeiter für die Bauwirtschaft in der Bezirksleitung der SED wurde, erfuhr ich den immer größeren Realitätsverlust zu Hause. Das Bild, das die Führung malte, entsprach überhaupt nicht den Tatsachen, die ich erlebte. Wie groß unsere Defizite wirklich waren, habe ich aber erst später begriffen.“ Helmut Holter war dabei, als 1989/90 die Parteidokumente in Wäschekörben abgegeben wurden. Auch für ihn war das Ende der DDR ein Verlust von Werten und Überzeugungen, für die er gelebt hatte. Doch er empfand auch Gewinne, die Möglichkeiten von Freiheit und Demokratie, und sozialistische Politik auf solchen Grundlagen völlig zu erneuern und zurückzugewinnen.

Helmut Holter spricht achtungsvoll von der SPD und den Menschen, die er dort als Oppositions- wie Regierungspolitiker kennen gelernt hat. Aber das ist nicht seine Partei. Seine Achtung schließt scharfe Kritik daran ein, dass die SPD sich letztlich der Herrschaft großer Konzerne und Banken über die Gesellschaft untergeordnet hat, nicht zu konsequenter Antikriegspolitik bereit ist und die soziale Spaltung in der Bundesrepublik und in Mecklenburg-Vorpommern nicht nur hinnimmt, sondern aktiv mit betreibt. Zu seinen Freundinnen und Freunden gehören nicht wenige Menschen, die arbeitslos sind und Hartz IV beziehen. So schön und so viel reicher als zu damaligen Zeiten Mecklenburg-Vorpommern ist, Fritz Reuters Zorn ist für Holter hochaktuell und sein eigener: „Mecklenburg, du bist in sozialer Beziehung das Land der Extreme, du hast Güter, auf denen man darauf studieren muss, die Erträge eines Tages nicht in einem Jahre aufzuessen, und du hast Büdnereien, in denen man darauf studieren muss, die Erträge eines Jahres nicht in einem Tage aufzuessen…“ Doch Holter will mehr als Protest. Er will verändern. Für die und mit den Menschen, nicht nur in einer fernen Zukunft, sondern heute und im Alltag. Das hält er für möglich. Das tut er. Das hat er in der Opposition so gehandhabt und als Minister. Da ist er ganz Mecklenburger und ganz Sozialist.