Ein Leben für Bücher

Der Buchbinder, Buchkünstler

Am 11. September 2011, morgens halb neun, saß Henry Günther in jener U-Bahn, die vor der Einfahrt in das New Yorker World Trade Center gestoppt wurde. Wie fast alles in seinem Leben, hatte auch diese Fahrt mit einem Buch zu tun. Er war verabredet mit John Ashbery, einem der berühmtesten Dichter der USA, um mit ihm und für ihn eines der Künstlerbücher für seine Edition Balance zu vereinbaren. Vierzigtausend Kilometer, einmal um die Erde, fährt und fliegt Günther im Jahr zu Malern, Grafikern, Schriftstellern. Manche seiner Bücher brauchen sechs Jahre bis zur Fertigstellung, eines dauert nun schon 20 Jahre. Es sind Unikate mit Originalen oder anspruchsvoll gestaltete Erstdrucke in Auflagen von 50 oder 100 Stück, begehrt bei Sammlern und bei leidenschaftlichen Verehrern der Künstler und haben es sogar in die „MoMA“, das Museum of Modern Art in Manhattan, The British Library London oder das Lindenau Museum Altenburg geschafft. 10 bis 15 Prozent seiner Bücher gehen in die USA. In Mecklenburg-Vorpommern hat er bisher nur einen einzigen Kunden.

Henry Günther wurde 1948 in Halle geboren. Er lernte Motorenschlosser und sagt, dass er auch daher keine Probleme mit dem Verhältnis von Handwerk und Kunst habe. Er studierte am Literaturinstitut in Leipzig und wurde Mitarbeiter des Schriftstellerverbandes der DDR. Wie viele andere musste es sich 1989/90 eine neue Arbeit suchen. In das Machen von Büchern sei er „reingerutscht“, doch Zufall kann es nicht gewesen sein: „Eigentlich habe ich mein ganzes Leben mit Büchern verbracht. Und so soll es auch bleiben.“ Er wusste aber auch gleich, dass er trotz seiner guten Kontakte zu Schriftstellern mit einem der üblichen Verlage kaum eine Chance auf dem hoch kommerzialisierten Büchermarkt haben würde. Er gründete in Berlin die Edition Balance für aufwändige Erstdrucke und Künstlerbücher und ließ sich im Handsatz, Papierschöpfen und Buchbinden ausbilden. Seit einigen Jahren wohnt und arbeitet er in Mecklenburg. Wenn man mit ihm spricht, spürt man, wie sehr er von seiner Arbeit und ihren vielen und so unterschiedlichen Facetten begeistert ist.

Heute macht er „nur“ noch die Konzepte, die Gestaltung, Typografie, den Vertrieb und natürlich das sorgfältige Binden der Bücher von Hand selbst. Die von Hand geschöpften Papiere lässt er sich liefern, den Handdruck vergibt er an erfahrene Werkstätten. Er ist Mitglied der „Internationalen Vereinigung der Meister der Einbandkunst“ und sagt von sich selbst, dass er Perfektionist ist. Das verlangt er auch von anderen. Das Messer, das Falzbein, die Buchbinderpappschere, eine einhundert Jahre alte Stockpresse, Heftlade, Ahle und Nagelbohrer sind seine wichtigsten Werkzeuge beim Binden der neuen Bücher oder der Restauration alter Bände.

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Henry Günther
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