André Brie

Ein weiterer Schritt vorwärts

Rezension für das „Jahrbuch Extremismus & Demokratie 2013 – Band 25“; zu: Christian Lannert: „Vorwärts und nicht vergessen“? Die Vergangenheitspolitik der Partei DIE LINKE und ihrer Vorgängerin PDS, Wallstein Verlag, Göttingen 2012

„Wenn Geschichte, von welcher Seite auch immer, zur Rechtfertigung einer bestimmten politischen Agenda instrumentalisiert wird, führt dies in der Regel zu unzulässigen und bisweilen unseriösen Vereinfachungen historischer Abläufe und zur Konstruktion von Geschichtsmythen“, schreibt Christian Lannert in der Einleitung seiner Studie zur „Vergangenheitspolitik der Partei DIE LINKE und ihrer Vorgängerin PDS“. Von einer Instrumentalisierung und Vereinfachung blieb er frei. Das trifft auch auf seine theoretische Begründungen von Erinnerungs- und Vergangenheitsbewältigung weit über die Fragen der PDS und der Linken hinaus. Er legte eine empirisch differenzierte, detaillierte und aussagenreiche Untersuchung zu einer immer noch umstrittenen und in der Tat widersprüchlichen Entwicklung vor. Streit und Widersprüche betreffen bei weitem nicht nur die Analysen und Veröffentlichungen von Historikern, zeitgeschichtlichen Institute und politische Kontrahenten der Linken und der früheren PDS oder noch fortwirkende innerdeutsche Debatten, sondern auch die Äußerungen und Auseinandersetzungen innerhalb der Partei selbst, auch wenn deren Intensität nach dem Zusammengehen von PDS und WASG und der Bildung der Linken deutlich nachgelassen hat.

Angesichts der Verantwortung nicht nur der PDS, sondern auch der neuen Partei, sich mit den gravierendenden Defizite und der Verbrechen der SED weiter auseinander zu setzen und des wahrlich immer noch nicht leichten Anspruches, linke und sozialistische Politik politisch, theoretisch und praktisch zu erneuern und wiederzugewinnen, wäre ein solches Nachlassen weniger für die Gesellschaft als für die Partei selbst riskant.

In dieser Hinsicht möchte ich dem Autor auch kritisch entgegentreten. Eben die geschichtliche Verantwortung und der aktuelle politische Anspruch, sind nach meiner Überzeugung die „besondere Bedeutung“ für „die Aufarbeitung der Geschichte und die Selbstverortung in historischen Kontexten“ und nicht das Selbstverständnis, wie Lannert schreibt: „Als Partei mit marxistisch-leninistischer Denktradition ist der historische Materialismus Teil ihres Geschichtsverständnisses.“ Abgesehen davon, dass sich allenfalls noch einzelne Mitglieder auf dieses Selbstverständnis berufen würden, wird in Lannerts Quellen, Darstellungen und Einschätzungen letztlich deutlich, dass sich die PDS gerade in den historisch-politischen Äußerungen strikt von jenem ideologischen Wissenschaftsanspruch befreite, der die Positionen der SED, der staatskommunistischen Positionen und den „historischen Materialismus“ nicht zuletzt und mit besonderem ideologischen Nachdruck in der Geschichtspolitik prägten. Dass diese Veränderung gegenüber der SED in der ersten Zeit nicht selten innerhalb der PDS orthodox bekämpft wurde, vermag nicht überraschen. Axiome des Marxismus-Leninismus und seines wissenschaftlichen und Wahrheitsanspruch waren tief verwurzelt. Vergangenheits- und Geschichtsbeurteilungen bestimmen zudem nicht nur zwischen- und innerparteiliche sowie gesellschaftliche Auseinandersetzungen, grundsätzliche Deutungshoheiten und politische Orientierungen, sondern in elementarer Weise auch eigenes Leben, Selbstbewusstsein und Selbstdefinition von Lebensläufen.

Das betrifft nicht nur die von Adorno (und von Lannerts zitierte) so zutreffend beurteilten Defizite und Selbstschutzes (eingeschlossen: „Notorisches“) persönlichen Umgangs mit der Vergangenheit in der jüngeren Geschichte, sondern lässt sich über Vieljahrhunderte zeigen. Goethe wies auf zwei der Widersprüche in„Wilhelm Meisters Wanderjahre“ hin, wenn er einerseits meinte: „Über Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich selbst Geschichte erlebt hat.“, aber an anderer Stelle auch: „Besieht man es genauer, so findet sich, dass dem Geschichtsschreiber selbst die Geschichte nicht leicht historisch wird…“ Historiker, Wissenschaftler mögen und müssen sich darüber erhöhen oder entfernen, die so persönlich betroffenen Menschen, die Subjekt wie Objekt eben dieser Geschichte waren, gelingt das nicht selten überhaupt nicht.

Wie wenig die Diskussionen und innerparteilichen Angriffe auf einander daher, wie vom Verlag behauptet, „allzu oft mit aberwitzig geführten Debatten“ zwar zutreffend bezeichnet, aber ganz und gar nicht unerwartend sind, wird wohl auch vom Autor selbst nicht immer beachtet. Leider schließt er auch einige der entscheidenden, intensivsten und charakteristischsten Kontroversen aus seiner Analyse, Darstellung und seinen Quellen aus, so insbesondere die heftige Diskussion um den Brief Gysis und Biskys an den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (1998) oder um den Beschluss des PDS-Vorstandes zur Menschenrechtspolitik (beziehungsweise zur entsprechenden Haltung gegenüber Kuba). So umfassend Lannerts Quellen politologischer und geschichtswissenschaftlicher Literatur über die Politik der PDS beziehungsweise der Linken (jedenfalls bis etwa 2009) sind, Primärliteratur wäre aus meiner Sicht erweiterungsfähig und –notwendig gewesen. Wer immer einmal eine solche Untersuchung fortsetzen möchte, wäre auch gut beraten, einmal eine Analyse der jeweiligen Leserbriefveröffentlichungen in „Neues Deutschland“ (bis heute) vorzunehmen.

Wahrscheinlich hätte Lannert dann auch nicht von der im Untertitel des Buches behaupteten „die Vergangenheitspolitik“ der Partei geschrieben. Auch seine eigenen Beschreibungen und Einschätzungen lassen eher den und durchaus nicht homogenen Plural von „Vergangenheitspolitiken“ der Partei zutreffender. Ob der von Lannert stereotyp verwandte von unterschiedlichen Kreisen, Persönlichkeiten oder Politiken in der PDS und der Linken mit dem Begriff „marxistisch“ oder „Marxisten“ traditionell und aktuell den Realitäten zutrifft, scheint mir auch ebenso mehr als fraglich, wie seine allzu enge Begrenzung der ideologischen Gegensätze zwischen PDS und WASG in der Fusion beider Parteien. Wenn ausgerechnet dem früheren Vorsitzenden der Partei, Lothar Bisky, seine ausgesprochen allgemeine Aussage „Wir stellen die Systemfrage.“, als eine Absage gegen das parlamentarisch-demokratische System der Bundesrepublik“ unterstellt wird (schon in der Einleitung der Vorbemerkung des Buches), verlässt Lannert seinen eigenen realistischen und gründlichen Anspruch, bevor er ihn in der Folge nahezu konsequent betritt. Der Sorgfalt, den Lannerts Buch und seine Auseinandersetzung mit der PDS und der Linken ansonsten auszeichnen, hätte gerade Lothar Biskys langjähriges Ringen um diese Parteien, neue linke Politik und seine eigene Position sehr wohl verdient. Das Scheitern und der Untergang der SED und der DDR hat gerade er als jene Aufgabe gesehen und genutzt, „Impulse daraus zu bewahren und umzusetzen“, wie er sie Lannert zurecht als Erfordernis der Linkspartei in dem Transformationsprozess nach 1989 und das Ringen um ihre Geschichtsbilder sieht.

Trotz solcher Einschränkungen ist Christian Lannert jedoch eine lesbare, nachdenkliche und wohltuend differenzierte Arbeit gelungen, die nicht nur der bundesdeutschen, sondern auch besonders auch der kritischen Diskussion in der Linken gut tut.