Dr. Gregor Gysi und Frieder Otto "schlagen" die modernen 95 Thesen an die Schaufenster der Deutschen Bank-Filiale in Wittenberg (Foto: Hanno Harnisch)

Erneut eine Reformation aus Wittenberg

Fast vier Jahre hatte ich darüber nachgedacht, was in unserer Gesellschaft los ist. Nein, es ging mir nicht um gesellschaftliche Forderungen. Die sind vorhanden. In einem Artikel von Professor Wolfgang Merkel in der FAZ („Krise? Krise!“) war ich 2013 auf jene Frage gestoßen, die auch mich immer mehr beunruhigte. Menschen, die sozial benachteiligt und ausgeschlossen sind, gaben auf und beteiligten sich nicht an den Wahlen. Merkel sprach davon, dass wir auf dem Weg zur zweidrittel oder gar halbierten Demokratie seien. Jene, denen es mehr oder weniger gut geht, entscheiden, jene, die betroffen sind, geben auf. Doch schon bei der Landtagswahl in Brandenburg, lange bevor die Flüchtlingsfrage in den Mittelpunkt rückte, zeigte sich eine neue Tendenz. Die sozial Benachteiligten entdeckten ein Ventil für ihren Unmut – die AfD, die keine Alternativen bietet. In Sachsen-Anhalt wurde es noch deutlicher. Lange vor Brexit, dem Wahldesaster in Mecklenburg-Vorpommern oder Trump schlug ich Gregor Gysi vor, etwas zu tun, um Menschen wieder Hoffnung zu machen, ihnen eine tatsächliche Alternative anzubieten, indem wir uns jener zentralen Frage zuwenden, die Demokratie, Gesellschaft, Europa, die globalen Verhältnisse beherrscht und gefährdet – die Finanzmärkte. Ihre Vorgänger, die Fugger, Welser, Peruzzi und Bardi waren es zu Luthers Zeit, die mit dem Ablasshandel Päpste und Kaiser finanzierten und Martin Luther zum Widerstand forderten. Gregor war sofort dafür.

Mit meinem Bruder, Michael Brie, und dem Vorstandsvorsitzenden der Nichtregierungsorganisation Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung – WEED, Peter Wahl, hatte ich sofort hoch kompetente Mitstreiter für einen Entwurf. Peter Wahl war es auch, der die Idee hatte, Luthers 95 Thesen mit ebenfalls 95 Thesen fortzusetzen. Die Mehrheit der Menschen kennt allgemein die Rolle der Finanzmärkte und der Großbanken, und sehr viele erleben die tiefe, sich zuspitzende und bedrohliche soziale Spaltung der Gesellschaft, Europas und der Welt. Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Rudolf Hickel, der Theologe Prof. Ulrich Duchrow, Gregor Gysi, Ingrid Mattern und der stellvertretende SPD-Vorsitzende, Ralf Stegner, bearbeiteten und redigierten schließlich den Entwurf. In unserer ersten These verweisen wir auf den gefährlichsten Irrsinn: „Die 8 reichsten Männer der Erde besitzen ebenso viel wie die 3,6 Milliarden der armen Hälfte der Menschheit.“ Es mögen viele diese Zahl nicht kennen, aber den daraus folgenden sozialen Alltag spüren Millionen in Deutschland, hunderte Millionen in Europa, Milliarden in der Welt umso mehr. Wir mussten in unseren Thesen fachlich genau sein. Das begrenzte die Popularität der Thesen, aber durch aktive Öffentlichkeitsarbeit, kreative Aktionen, einen kurzen Flyer und eine eigene Homepage wollten wir es kompensieren.

In These 2 heißt es beispielsweise: „War es vor 500 Jahren die Käuflichkeit des Seelenheils der Gläubigen durch den Ablasshandel, die Ausdruck einer großen Krise war, ist es heute die Käuflichkeit der Politik und ihre Unterordnung unter die Vorgaben der Finanzmärkte.“ These 7 zitiert Papst Franziskus: „Diese Wirtschaft tötet.“ In These 51 wird gesagt: „Luther forderte vor fast 500 Jahren: ‘Man müsste dem Fugger und dergleichen Gesellschaft einen Zaum ins Maul legen.’ Das hat an Geltung nichts für die Ackermanns und dergleichen Gesellschaft verloren und muss erneuert werden.“ Die Autorinnen und Autoren sind aber überzeugt, dass diese Veränderungen von der gesamten Gesellschaft und den Menschen getragen werden müssen. So enden sie auch ihre Thesen: „95. Nur durch den Druck aus der Gesellschaft und bürgerschaftliches Engagement wird es möglich sein, die Reformblockade im politischen und gesellschaftlichen System zu überwinden.“

Als wir uns Anfang Dezember trafen, hatte Gregor die geniale, witzige oder wahnsinnige Idee, für die 95 Thesen auch 95 Erstunterzeichnerinnen, -unterzeichner zu gewinnen. Ich habe etwa zweihundertfünfzig Menschen angeschrieben oder mit ihnen gesprochen. Viele antworteten nicht, zwei- oder dreimal erhielt ich eine Ablehnung, doch dafür auch ganz individuelle und sehr ermutigende Briefe oder E-Mails. Mir selbst war es wichtig, eine gesellschaftliche und europäische Breite zu erreichen. Ohne sie lässt sich nichts schaffen. So waren es Politikerinnen, Politiker aus vier Parteien, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Künstlerinnen und Künstler, Theologinnen und Theologen aus beiden großen Kirchen, ein irakischer Theaterregisseur, aber auch Arbeiter, eine Tischlermeisterin und schließlich tatsächlich 95 Menschen aus Deutschland, Österreich, Dänemark, der Schweiz, Griechenland, Italien und der Tschechischen Republik, die bis zu unserem Start in Wittenberg am 23. April unterschrieben.

In all diesen Monaten an den Thesen und der Auftaktveranstaltung hatte ich Freude, nicht nur bei vielen Antworten, sondern vor allem an der kollektiven Arbeit mit Tanja Behrend, Daniela Dahn, Barbara Thalheim, Hannelore Heider-Harnisch meinem Bruder, dem Kreisvorstand in Wittenberg und dem Landrat, Lothar Hoffmann, meinen Freunden Uwe und Maik Weber, und der Landesgeschäftsführung in Brandenburg. Und es gab nicht selten Tage, in denen ich verzweifelte. So sah es am Mittag des 23. wieder aus. Die Musiker konnten ihre teuersten Instrumente nicht aus dem Auto holen. Barbara Thalheim sah keine Möglichkeit bei diesem Wetter zu singen. Willy Brandts Sohn, Peter Brandt, hatte erkältet absagen müssen. Doch dann kam tatsächlich Sonne, und es waren wohl mehr als 250 Menschen da (die zweihundert Flyer, die Daniela Dahn geschrieben hatte, mussten wir nicht verteilen, sie wurden uns allesamt aus den Händen gerissen), und Barbara Thalheim sang doch. Die Texte von Luther kannte ich, die Musik nicht, und Barbara sang sie modern und fesselte das Publikum ebenso wie Frieder Otto Wolf und Gregor. Als Gregor, Frieder, Wulf und Birke die 95 Thesen an die nahe Deutsche Bank klebten, kamen fast alle mit. Auf der neuen Homepage zu den Thesen www.perestroika.de, die wir kaum bekannt machen konnten, haben in einer Woche 600 Menschen die Thesen bereits unterschrieben. Und wir machen weiter.