André Brie

»Es geht um nicht weniger als um unsere Toleranz«

Rede auf dem Jüdischen Friedhof von Lübz zur Gedenkveranstaltung des Reichsprogroms von 1938

 

Liebe Lübzerinnen und Lübzer, liebe Freundinnen und Freunde,
Danke, dass Sie heute auf diesen jüdischen Friedhof gekommen sind. Es ist für uns alle wichtig, dass wir uns der Geschichte bewusst sind. Anders können wir aus ihr nicht lernen für heute, für uns gemeinsam. Selbst dieser kleine jüdische Friedhof in Lübz kann uns einen Eindruck davon geben, wie sehr unsere Städte und unser Land einmal beeinflusst und geprägt worden sind von Jüdinnen und Juden. Geschichte, geistiges Leben, Bildung und Kultur unseres Landes sind ohne sie nicht denkbar und nicht zu verstehen.

Heute vor 74 Jahren wurden durch ein Pogrom in Deutschland Hunderte jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger durch deutsche Mitbürger totgeschlagen, 300.000 sind in den folgenden Tagen in Konzentrationslager verschleppt worden. 53 jüdische Friedhöfe wurden geschändet oder zerstört, Synagogen und jüdische Gemeindehäuser niedergebrannt. An vielen Orten in der Bundesrepublik sind sie bis heute nicht mehr findbar.

Dass dieser Friedhof in Lübz noch besteht, ist für uns eben daher eine besondere Chance und Verantwortung, Geschichte und Verluste zu begreifen. Wenige Monate vor diesem Pogrom 1938 hatte mein jüdischer Vater, dessen Familie schon Jahre vorher nach Prag emigriert war, den Besuch seines Großvaters. Auf den Vorschlag, dass doch auch er Deutschland verlassen sollte, antwortete er, dass Deutschland ein zivilisiertes Land sei, und den Juden nicht so etwas geschehen werde, wie früher in Russland oder Polen. Dabei hatten er und alle anderen Jüdinnen und Juden in Deutschland schon 1933 und wieder 1935 erste Pogrome, Morde und schließlich die grauenhaften, rassistischen „Nürnberger Gesetze“ erlebt. Letzten Endes hat abgesehen von der vierköpfigen Familie meines Vaters niemand von ihnen das „nationalsozialistische“, faschistische Deutschland überleben können.

Die antisemitischen Pogrome vom 7. bis 13. November 1938 waren nicht nur eine erkennbare Einleitung auf den Zweiten Weltkrieg, sondern auf die Shoah, die grausame und grausam vorbereitete, organisierte und industriell durchgeführte Vernichtung von sechs Millionen europäischer Jüdinnen und Juden durch die Nazis. Die Reichspogromnacht war ebenfalls professionell vorbereitet worden. Drei Wochen zuvor waren bereits 5000 Judensterne genäht worden.

Im Auftrag des Bundestages hat vor einem Jahr das Innenministerium einen Bericht über heutigen Antisemitismus in der Bundesrepublik vorgelegen. Es ist erschreckend, dass nach dieser Studie auch heute noch 20 Prozent der Menschen „bis weit in die Mitte der Gesellschaft“ latent oder offen antisemitische Positionen einnehmen. Erschreckend für mich hat der Auftraggeber, der Bundestag, ein ganzes Jahr gebraucht, den Bericht vor kurzem endlich zu diskutieren. Es kann auch daher nicht überraschend sein, wenn Juliane Wetzel von der Technischen Universität Berlin, eine der Autorinnen der Studie, bitter feststellte: „Bei manchen fehlt es vielleicht an der notwendigen Sensibilität.“

Wenige Wochen zuvor, in diesem Jahr, wurden in Berlin ein jüdischer Rabbi, der an seiner Kippa erkennbar war, zusammengeschlagen und eine Woche später eine Gruppe jüdischer Schülerinnen angepöbelt.

Die Erscheinungen des aktuellen Antisemitismus in Deutschland sind unterschiedlich. Neben solchen Angriffen gibt es auch rassistische, rechtsextreme und antisemitische Äußerungen in Fußballstadien und entsetzliche Sätze wie „Juden gehören in die Gaskammer“, „Auschwitz ist wieder da“ und „Synagogen müssen brennen“, doch auch fortgesetzte antijüdische Vorurteile, antiisraelische Haltungen, und damit ist nicht die notwendige und mögliche Kritik israelischer Regierungspolitik gemeint, oder Gleichgültigkeit gehören dazu.

Die faschistischen Pogrome und die Vernichtung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden bis 1945 bleiben das furchtbarste Verbrechen. Es hat das jüdische Volk entsetzlich getroffen. Letzten Endes sollten wir uns aber auch der Tatsache bewusst bleiben, wie arm wir uns selbst gemacht haben. Wir sollten uns klar sein und bleiben, dass wir uns die jüdische Kultur, die Literatur, Wissenschaft, Wirtschaft, Musik, Malerei, Architektur, Bildung, die damals vernichtet werden sollten, bewahren und wieder gewinnen müssen. Es bedeutet, dass wir menschlichen Reichtum bewahren und sichern müssen.

Es ist selbstverständlich, dass wir gegen Antisemitismus aufbegehren, Widerstand leisten, Auseinandersetzung führen müssen. Doch es geht auch um Forderungen an uns selbst, Anforderungen an unsere Menschlichkeit, Rechts- und individuelle Sicherheit, unsere eigene politische und menschliche Kultur und um Demokratie für alle Menschen in der Bundesrepublik und in der Europäischen Union.

Ja, es geht um nicht weniger als um unsere Toleranz miteinander. Und Toleranz bedeutet bei Weitem nicht nur, andere sollen sein, wie sie sind und sein wollen. Toleranz bedeutet Achtung, Interesse, Verantwortung, Selbstbewusstsein, unseren menschlichen Reichtum, Nachdenklichkeit, Wissen und Bildung dafür, dass wir alle unterschiedlich sind und gemeinsam alle Menschen sind.

Es war der wunderbare jüdische und deutsche Dichter Heinrich Heine, der vor fast zweihundert Jahren sich schon darüber bewusst war, als er in seinem frühen Drama „Almansor“ erstaunlicherweise gerade die Verbrennung eines islamischen Koran zum Beispiel seiner so furchtbar wahrwerdende Voraussage nahm: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher/ Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Dass wir zusammen am heutigen Tag auf dem jüdischen Friedhof von Lübz sind, soll daher nicht nur hier, sondern auch hinter dem Zaun dieses Platzes, mitten in unseren Städten und unserer Gesellschaft bedeuten, dass wir Heines Mahnung begriffen haben und Verantwortung mit Sensibilität immer wieder und täglich wahrnehmen.