André Brie

Frieden lässt sich nicht kriegen!

Meine Mutter hatte den Bombenangriff am 13. Februar 1945 auf ihre Stadt als sehr junge Frau direkt in Dresden erlebt. Daraus und aus vielem anderen hat sie unendlich viel gelernt. Als Germanistin wusste sie zudem, woher Worte kommen. Uns Söhnen brachte sie immer wieder bei, sorgfältig zu sein. Wenn wir darum baten, noch Kartoffel oder ein Stück Schokolade zu kriegen, forderte sie uns auf „bekommen“ oder „erhalten“ zu sagen.

Nach 1990 bin ich nicht selten in Konfliktregionen und Kriege gereist. Aus der Literatur und aus dieser Erfahrung weiß ich, dass Kriege sich praktisch nur lange vorher und durch einen fortwährenden Widerstand verhindern lassen. Das Nein allein und selbst klare Bevölkerungsmehrheiten, wie zum Beispiel gegen die deutsche Beteiligung am Afghanistankrieg, reichen nicht aus. Auch wenn nach den Umfragen, siebzig Prozent der Bürgerinnen und Bürger gegen die Kriegsbeteiligung sind, werden wohl an die neunzig Prozent jene Parteien wählen, die ihn unterstützen und beschlossen haben. Erst als die Gegnerinnen und Gegner jahrelang auf den Straßen waren und gegen ihn kämpften, wurde die US-Administration gezwungen, den barbarischen Angriff auf das vietnamesische Volk zu beenden.

Eines habe ich überall begriffen, in Israel und Palästina, in Serbien, im Kosovo, in Bosnien-Herzegowina, im Irak und in Afghanistan, Frieden kann man, wie es meine Mutter verstand, tatsächlich nicht kriegen, sondern nur bekommen, erhalten, entwickeln und letztlich bewahren – durch den eigenen, innergesellschaftlichen zivilisatorischen, kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen, menschenrechtlichen, freiheitlichen und demokratischen Prozess. Er kann von außen und durch die internationale Gemeinschaft unterstützt werden, muss es durch Veränderungen der internationalen Politik und Wirtschaft sogar, aber exportieren lässt es sich nicht, schon gar nicht durch Interventionen und Kriege.

Arrogant, verlogen und gefährlich erlebe ich die Politikerinnen und Politiker sowie die Medien in unseren westlichen Gesellschaften, wenn sie bei den fürwahr notwenigen Veränderungen und Umwälzungen in Tunesien, Libyen, Ägypten, Afghanistan, im Irak oder aktuell in Syrien von Freiheit, Demokratie oder arabischem Frühling schwadronieren. Der wird kommen! Doch zunächst ginge es um andere Dinge. Um soziale und Zukunftschancen für die Menschen, Gerechtigkeit, ein Minimum an Sicherheit, Beteiligung oder gesellschaftliche Stabilität. Doch der Westen tönt am liebsten von Menschenrechten, Freiheit und Demokratie. Seit nach dem Ende des Ostblocks und der Sowjetunion eine Friedensdividende erhofft und versprochen wurde, haben sich nur die Kriege vergrößert. Aus der „Friedensdividende“ wurde die Insolvenz des Friedens. Doch, ob Bush Senior oder Junior, Obama, Blair, Schröder oder Fischer: die von ihnen geführten Kriege wurden mit wohlfälligen und verlogenen Argumenten begründet. Aus Jahrtausenden Kriegsgeschichte haben die herrschenden Politiker nicht lernen können oder wollen: Bevor der erste Gegner erschlagen, erschossen, wegbombardiert, getötet wird, wurde und wird im Krieg seit eh und je die Wahrheit erschlagen, erschossen, wegbombardiert, getötet. Schließlich aber zeigt sich, dass die Kriege bis heute, auch im Irak, in Afghanistan, in Libyen, Mali oder Syrien, geführt werden, um zu kriegen: Erdöl, Vorherrschaft und Macht.

Nein, es gibt in den meisten Fällen noch immer keine einfachen Lösungen. Dass die Diplomatie jetzt in Syrien doch noch eine Chance bekommen soll, ist wahrlich nicht Verdienst Obamas, sondern Putins, auch wenn er keine pazifistischen Ambitionen hat. Es ist zu hoffen, dass der internationale Angriff auf Syrien verhindert werden kann. Den Krieg im Lande selbst wird das jedoch nicht ändern. Wer sich darüber informiert, wie das Land und seine unterschiedlichen Truppen international aufgerüstet und im direkten Sinne demoralisiert worden sind, als unter anderem die USA bewusst ihre Gefangenen zur Folter nach Syrien exportiert haben, wird keine Illusion darüber haben, wie bitter der Weg für die Syrierinnen und Syrer noch sein wird. Widerstand gegen diesen Krieg muss sein, aktiv und beständig werden. Er muss vor allem auch Widerstand gegen die Politik des internationalen Westens werden.

(Kolumne für »Disput«)