Geschichte mit der Gegenwart verflechten

STUHLFLECHTER

Der 1968 geborene Fred Willamowski beherrscht nicht nur die Stuhlflechterei mit Achteck-, Sonnen (und Halbsonnen-), Stern- und Fertiggeflecht, sie macht ihm erkennbar auch Spaß und verschafft ihm jene philosophische Ruhe, die er liebt. Klassische Musik, vor allem Schumann, die er laufen lässt, scheint genau das Richtige dafür zu sein. Wenn er sie hört, kann er auch vergessen, wie schwer oft die Arbeit ist; „Nach fünf oder sechs Stunden merke ich auch das Kreuz. Da helfen mir die Musik und das Denken.“ Wenn man ihn beim Arbeiten zum Sprechen und Erzählen bringt, flicht er immer wieder auch geradezu philosophische Überlegungen ein. Als er mir erklärte, wie er Kundinnen und Kunden erreicht und für sie arbeitet, sagte er: „Wer zwei Augen hat und die Menschen ansieht, ist niemals doof. Er kann sie verstehen. Das sollen sie auf dem Marktplatz, wenn sie mich arbeiten sehen, auch spüren.“ Vielleicht ist das auch ein Grund, warum er trotz seines sehr selten gewordenen Handwerks immer Menschen findet, oder sie ihn, die ihre Stühle reparieren oder völlig neu geflochten haben möchten. Es muss sich herumgesprochen haben, denn er wird immer wieder angerufen.

Begonnen und gelernt hat er dieses Handwerk in seiner ersten eigenen Wohnung in Bad Doberan. Als er sich einrichtete, hatte er einen alten Stuhl mit kaputtem Geflecht gefunden, den er wieder herstellte. Das war auch ein Teil seiner Ausbildung als Flechter: „Sicherlich war es nicht so gut, aber ich kann mich hineindenken und lernen.“ Das Flechten gehört zweifellos zu den ältesten Techniken und Handwerken der Menschheit. Fischreusen aus Birken- und Lindenreisern, sind zumindest seit der Mittelsteinzeit belegt. Stühle und Schemel, deren Sitzflächen geflochten waren, gab es schon im alten Ägypten. An die adligen Höfe kamen sie wohl im 18. Jahrhundert, und mit der Biedermeierzeit auch in die bürgerlichen Haushalte. Sie wurden und werden noch immer aus Rattan, der inneren Rinde der Rohrpalme, einer tropischen Kletterpalme, geflochten. Es sind vor allem solche Stühle, die in den Familien erhalten blieben. Für die und Liebhaber sind sie nach wie vor etwas, das sie erhalten, und eben von Fred Willamoski erhalten und erneuern lassen möchten. Er selbst schätzt sie ohnehin nicht nur, weil er davon lebt, sondern da ihre Kunstwertigkeit ihn beeindruckt: „Wenn ich so ein kleines Handwerk mache, muss ich alles hineinbringen, aber ich erlebe auch die Freude dabei.“ Und dann wird er erneut philosophisch und lacht: „Warum werden so viele Menschen nicht glücklich? Es sind die Gier und das Unvermögen an Schönem und ihrer Geschichte zufrieden zu sein.“

Fred Willamowski
Stuhlflechterei
Neustrelitzer Straße 22
18109 Rostock
Tel.: 0173 9044543
fredow@freenet.de