Gesichter und Gesicht der Lausitz im Wandel

Linke-Vordenker André Brie und Kunstfotograf Alexander Schippel packen eine
nachdenkliche und emotionale Liebeserklärung in 13Porträts und 71 Fotos.

Von Tilo Berger

Sächsische Zeitung vom 8. Oktober 2011

Neu auf dem Buchmarkt: 128 Seiten Lausitz

André Brie als Buchautor? Der Linke ist doch eher für seine tiefgründigen Gedanken über Politik bekannt. Gedanken, die durchaus nicht jedem in der Linkspartei gefallen. Er war wissenschaftlicher Berater der DDR-Delegation in der Genfer Abrüstungskonferenz, saß für die damalige PDS im Europäischen Parlament, streitet heute für die Linke im Landtag von
Mecklenburg-Vorpommern. Und dieser André Brie, geboren 1950 in Schwerin, hat also ein Buch geschrieben?

So fragt nur, wer nichts über seine Kinderbücher, Kabarett-Texte und Aphorismen weiß. Der Mann kann schreiben, und wie! Einfühlsam und freundlich, ohne ins Kitschige abzurutschen. In einer klaren, verständlichen Sprache, ohne den Leser zu unterfordern. Einfühlsam und verständlich porträtiert er dreizehn Lausitzer. Gebürtige wie solche, die im Laufe ihres
Lebens dazu wurden oder sich als Lausitzer fühlen. Wie Rolf Kuhn. „André Brie kam sehr gut vorbereitet zu mir“, erinnert sich der ehemalige Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung „Fürst-Pückler-Land“ (IBA), die 2010 in der Lausitz zu Ende ging. „Er war neugierig und konnte gut zuhören.“

Nuancen in Schwarz-Weiß

André Brie sprach auch mit dem Bergmann und dem Pfarrer, der Gastronomin und dem Theaterintendanten, dem Umweltschützer und dem Geldverwalter. Mit der Wasserwirtschaftlerin und dem Berufspolitiker. Mit dem Künstler und dem
Kohlegegner, dem Naturparkranger und dem Konzernchef. Er ließ seine Gesprächspartner zum Beispiel erklären und schrieb auf, warum es ohne Braunkohle nicht geht oder gerade ohne Braunkohle gehen muss; letztere Auffassung teilt er erst in einem mehrseitigen Essay am Ende des Buches.

„Ich bin heute dankbar, dass ich diese Porträts schreiben musste“, sagt Brie. Musste? Ja, das Buch „Lausitz – Landschaft mit neuem Gesicht“ war nicht seine Idee. Sondern die von Alexander Schippel, Jahrgang 1979. Der studierte Kunstfotograf aus Berlin wollte eine Landschaft im Wandel festhalten.

Was bot sich da besser an als die Lausitz? Seit 2007 war er mit seiner Großbildkamera aus dem Jahre 1970 zwischen Spreewald und Muskauer Heide unterwegs. Er fotografierte etwa eine Halle des Kraftwerkes Boxberg und das
Besucherbergwerk F 60 aus Blickwinkeln, die selbst dort Arbeitende staunen lassen. In der Dunkelkammer entlockte Schippel seinen 71 schwarz-weißen Fotos Nuancen, die digitale Farbbilder nie preisgäben.

Der Fotograf bat André Brie, mit dem er schon einige Kalender über Mecklenburg-Vorpommern gestaltet hatte, um die Texte für das neue Lausitz-Buch. Es erschien im hessischen Michael Imhof Verlag, einem der führenden Kunstverlage Deutschlands und mit der Lausitz vertraut. Das Vorwort schrieb der Kunsthistoriker Horst Bredekamp von der Berliner
Humboldt-Universität. Zitate des singenden Baggerfahrers Gerhard Gundermann (1955 – 1998) runden das Buch ab.

André Brie & Alexander Schippel: Lausitz – Landschaft mit neuem Gesicht; 24 x 30 cm, 128Seiten,
ISBN 978-3-86568-538-4, 19,90 Euro; www.imhof-verlag.de

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