André Brie

Heraustreten!

Kolumne für „Disput“

Bei einem treffen in einem ostdeutschen Stadtteilzentrum, und es spielt keine Rolle, wo das gewesen war, erzählten mir die wenigen Beschäftigten und die weitaus mehr ehrenamtlich tätigen Frauen von den Kindern und Jugendlichen, die zu ihnen kamen, ums die sie sich kümmerten. Ich war beeindruckt von den Frauen, ihrer Leidenschaft, ihrem Einsatz und ihrer Kompetenz. Doch bei den Berichten hätte ich manchmal die Tränen zurückhalten dürfen. Sie sprachen von Kindern, die ich in den Hort gehen, weil die Eltern das Essen dort nicht bezahlen konnten oder sich scheuten oder nicht fähig war, die Anträge für die Unterstützung auszufüllen. Eine sagte: „Es ist eine Stigmatisierung der Kinder, wenn die einen zum Essen, die andere in eine andere Richtung gehen.“ Ja, wir alle kennen solche Probleme, aber es zu wissen oder zu lesen, ist immer etwas anderes als es von Betroffenen zu hören. In diesem Fall, waren es Menschen, die durch ihre Arbeit und ihren Einsatz es erleben. Da ich auch spüren konnte, dass sie einfach nicht aufgeben, fühlte ich auch keine Hilflosigkeit.

Die aber kenne ich gut, wenn ich ein Mädchen höre, die zu Hause nicht eingelassen wurde, weil ihr Vater betrunken war, Kinder, die von den Eltern vernachlässigt werden, oder wenn mein Zorn auf solche Eltern ebenso auf die Politik überhaupt nichts nützt, die so etwas zulässt und zum beträchtlichen Teil zu verursacht. In dem erwähnten Gespräch sagte die Geschäftsführerin: „Wenn arbeitsmarktpolitisch nicht endlich etwas passiert, wird es sozial dramatisch, zumal sich die Langzeitarbeitslosigkeit trotz sonstiger positiven Entwicklung für Hunderttausende verfestigt hat und an viele ihrer Kinder praktisch vererbt. Wir haben sie jeden Tag bei uns im Zentrum, aber wir müssen gegen jene Situation, in der sie leben, arbeiten und manchmal auch gegen ihre Eltern, statt das wir mit ihnen arbeiten könnten.“ Empört und rhetorisch fragte sie: „Wie entrückt sind unsere Politiker?“

Ja, wie entrückt sind sie? Über die Bundes- und meine eigene Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern müssen wir nicht sprechen. Doch mich selbst werde ich, werden wir uns selbst befragen müssen. Seit langem beschäftigt mich, dass Die Linke an die sogenannten Nichtwählerinnen und Nichtwähler verliert, obwohl wir in den Parlamenten uns für sie den Arsch aufreißen, uns ihre Situation in Presseerklärungen und Reden intensiv beschäftigten, aber sie viel zu wenig real erreichen, um ihnen unsere Alternativen, unseren Protest und Zuversicht nahe zu bringen. Doch so sehr es mich bedrückt, dass wir solche Stimmen verlieren, noch mehr die Bedingungen für Gefahren für die Gesellschaft, erst recht für diese Menschen, am meisten für die betroffenen Kinder.

Wo jedoch sind unsere kreativen und ungewöhnlichen Aktionen unserer Partei, um die medialen und politischen Grenzen gegen die gesellschaftlich Ausgeschlossenen zu durchbrechen? Hatten wir das nicht einmal zumindest versucht? Kommerzielle Werbung, traditionelle Medienarbeit, Plakate (wenn sie überhaupt ansprächen) oder Flugblätter sind dafür nicht ausreichend. Ich weiß, dass ich auch an dieser Stelle nicht zum ersten mal darüber schreibe, doch es ist höchste Zeit mit glühendem Kopf, brennender Leidenschaft und unlöschbarem Mut weiter zu gehen, deutlich weiter. Ich weiß, dass die Partei weniger Geld als in den Vorjahren hat, doch dafür würde es allemal reichen: Heraustreten aus der Gewohnheit, aus dem Konvention, dem Alten. Neues entwickeln. Hin zu jenen Menschen, die eine fröhliche und kluge Linke dringend benötigen und erleben müssen. Von dem Wahlkampf der Linken in Hamburg kann die ganze Partei viel lernen. Jetzt!