André Brie

Hoffnung machen!

Kolumne für „Disput“

Reden wir Klartext. „Hoffen auf Hoffnung“ überschrieb der Chefredakteur des „Neuen Deutschland“ seinen Beitrag über die Wahlstrategie der Partei Die Linke. Sprechen wir lieber nicht über das Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern, das so ausfiel, wie die dortige Wahlstrategie und der konzipierte Wahlkampf es geradezu „anstrebte“. Ja, in Berlin haben wir zugelegt. Wie dort mit einander und mit den Wählerinnen und Wählern kommuniziert wurde, war es durchaus zu erwarten. Auch jedes linke Plakat, das ich an den Straßen sah, legte den Finger auf die Berliner Wunden, sprach die konkreten Sorgen und Forderungen der Menschen an.

Aber bleiben wir beim Hoffen. Wer Wahlkämpfe vorbereitet, muss natürlich öffentlich Zuversicht verbreiten. Doch unter uns sind wir zum Realismus verpflichtet. Wenn wir uns nicht selbst in die Tasche lügen, wissen wir, dass Die Linke nach der nächsten Bundestagswahl nicht mehr auf Platz drei abschneiden wird. Abgesehen davon, dass sich die Grünen offensichtlich erholt haben, wird vor allem die AfD noch stärker als in den bisherigen Landtagswahlen. Es gibt in der Gesellschaft aus guten Gründen sehr viel Unzufriedenheit, Mutlosigkeit, Pessimismus. Wer die Landtagswahlen in Brandenburg, lange vor der Flüchtlingsfrage, sorgfältig analysiert hatte, bekam einen Eindruck davon. Lange waren viele von ihnen Nichtwähler, in den neunziger Jahren konnten sie ihren Protest auch mit der Stimme für die PDS ausdrücken. Doch jetzt haben sie ein völlig anderes Ventil – diffus, zerstritten und nicht selten reaktionär und fremdenfeindlich. Doch das schwächt die AfD bislang überhaupt nicht. Wer darauf hofft, dass sie sich wie die Piraten zerlegt, oder, dass die Menschen spüren, dass sie keine Antworten hat, wird enttäuscht werden. Wie ein Reifen, benötigen sie lediglich ein geöffnetes Ventil, damit die Luft entweichen kann.

Berlin hat den Gedanken an eine andere, eine rot-rot-grüne, Bundesregierung wachsen lassen. Aber abgesehen davon, dass sie numerisch gegenwärtig kaum vorstellbar ist, ist sie in der Gesellschaft niemals vorbereitet worden. Eben das war unter Brandt und Scheel (auch unter Schröder/Lafontaine und Fischer) völlig anders. Aber ohnehin muss man erst einmal für einen eigenen Wahlerfolg kämpfen. Und jetzt möchte ich wirklich Klartext reden und bitte die Angesprochenen um Verständnis. Die ND-Überschrift „Hoffen auf Hoffnung“ ist ironisch. Doch Katja Kippings Aussage „Berlin macht Mut für linke Mehrheiten im ganzen Land“ und Matthias Höhns Überzeugung, „diese politische Option kann 2017 mobilisieren“, ruft ebenso meinen Widerspruch hervor, wie Sahra Wagenknechts Forderung mit mehr Protest, Wähler von der AfD zurückzuholen. Sie hat völlig Recht, wir gelten für die Wählerinnen und Wähler längst als etablierte Partei, doch das werden wir auch mit radikalstem Protest nicht ändern. Nein, liebe Katja, lieber Matthias: Mut macht nicht eine Berliner Regierungsbeteiligung, sie mobilisiert auch nicht. Hoffnung muss man, müssen wir, selbst machen, Mut muss man, müssen wir, selbst machen, mobilisieren müssen wir selbst. Wer, wenn nicht wir! Kennen wir es noch?

Dafür helfen uns auch die besten Papiere, Programme, Parlamentsanträge, Reden, Plakate nicht. Karl Marx wusste: „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.“ Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen, die sich mit der AfD zeigen, verweisen nach meiner Überzeugung, dass Die Linke (aber genauso andere demokratische Parteien und Organisationen) mehr als nur inhaltliche Antworten finden muss. Bewegung verlangt höchste Kreativität, einen offenen Kopf, ein offenes Herz und ein Rückgrat, das die Menschen öffentlich auch erleben können. Kurz gesagt eine linke Kultur, die uns mitten in die Gesellschaft springen lässt, wo die Menschen mit ihren Sorgen real sind und uns genau so erfahren können.