Ich bin mein eigener Chef

Die Schneiderin

Sibylle Kessler lernte ihren Beruf als Herrenmaßschneiderin in den siebziger Jahren. Beim Leistungsvergleich in Schwerin schloss sie mit der Note 1 ab. Bis zur Wende arbeitete sie im VEB Dienstleistung Parchim. Mit dessen Ende musste sie Neues suchen. Sie war Zeitungs- und Eisverkäuferin, fand einen Job in der Konservenfabrik,  war schließlich sie auch ein Jahr arbeitslos, bis sie doch wieder in ihren alten Beruf zurückfand und dreizehn Jahre lang in einer Parchimer Firma nähte. Doch 2009 war auch das vorbei. Gemeinsam mit ihrem Mann entschied sie, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. „Mut brauchte ich nicht“, sagt sie, „aber Unterstützung, um mit den Verwaltungen und der Bürokratie zurecht zu kommen.“ Die fand sie vor allem bei der Handwerkskammer, die ihr beim Unternehmenskonzept und der Liquiditätsplanung half und bis heute zur Seite steht.

Vom Land erhielt sie ein Mikrodarlehen für die Existenzgründung. Der Kredit für die Näh- und die Stickereimaschine wird in Kürze abgezahlt sein. Sie arbeitet aber auch immer noch gern mit einer „Veritas“-Nähmaschine aus DDR-Zeiten. Ihr wirkliches Kapital aber waren und sind ihre Kunden, die schon lange ihre Arbeit schätzten und ihre beste Werbung waren, Visitenkarten verteilten und vor allem über „Mundpropaganda“ weitere Aufträge vermittelten. Bereits am Tag der Geschäftseröffnung kamen sie von morgens bis abends, viele mit Blumen. „Meine Frau macht alles, sie scheut vor nichts zurück“, erzählt Roland Stahl, „nicht vor dem Reißverschluss im Rucksack, nicht vor zerrissenen Jeans oder dem Ausfüttern von alten Lederjacken.“ Zu älteren Kunden kommt sie auch in die Wohnung und liefert die fertige Ware an.

Sibylle Kessler näht sehr gern, auch wenn der Schwerbehinderten die körperliche Belastung manchmal zu schaffen macht. Sie ist froh, jetzt ihr eigener Chef zu sein: „Das motiviert mich. Ich bin zufrieden. Ich weiß jeden Tag, was ich schaffen muss.“ Sie näht die Kostüme für den Goldberger Karnevalsverein, gerade den Mantel für einen Weihnachtsmann und Hochzeits- und Abiturkleider. Ein Abiturkleid, erzählt sie, hatte die Mutter eines Mädchens selbst nähen wollen, aber es war so misslungen, dass die Tochter weinte. Sibylle Kessler trennte es auf und begann praktisch von neuem. Bei der ersten Anprobe sah sie dann schon ein Lächeln, und das Kleid wurde schließlich so, wie es sich das Mädchen erträumt hatte. Neben dem Nähen ist es die Stickerei für Firmen- und Sportbekleidung, die sie für sich entdeckt hat. Auch die Gestaltung am Computer und die Programmierung der Stickmaschine gehören zu ihrer Arbeit. Tatsächlich, Sibylle Kessler macht alles.

Sibylle Kessler
Schneiderei und Stickerei
Fritz-Reuter-Straße 9
19386 Lübz
Tel.: 038731 25404