André Brie

»Man sieht nur mit dem Herzen gut«

Bewerbungsrede auf der VertreterInnenkonferenz der Partei DIE LINKE Mecklenburg-Vorpommern

Liebe Genossinnen und Genossen,

kürzlich habe ich gefunden, dass es eine antifaschistische Widerstandsorganisation gab, die sich 1943 „Europäische Union“ nannte.

Die meisten ihrer Mitglieder wurden von den Nazis ermordet. Ihr Kopf und Gründer, Robert Havemann, überlebte.

Da ist alles versammelt, was mich politisch bedrückt und motiviert, auch meine für viele oft schmerzvolle Kritik an unserer untergegangenen Politik, aber auch der Reichtum linker Traditionen und ihre Zukunftsmöglichkeiten.

Und für mich ist das alles auch eine ganz und gar persönliche Angelegenheit. Mein Vater war und ist als jüdischer und deutscher Kommunist 1946 nach Schwerin gekommen und lebt bis heute seine kritischen Überzeugungen.

Ich galt vor der Wende als SED-Reformer und war zugleich inoffizieller Mitarbeiter des MfS. Das habe ich 1992 von mir aus, wenngleich sehr spät, veröffentlicht und seitdem mich immer wieder damit auseinandergesetzt. In Hunderten Fernseh-, Rundfunk-, Zeitungsinterviews, Büchern, Veranstaltungen, im Gegenüber auch mit fast allen DDR-Oppositionellen, vor allem aber mit mir selbst.

Das ist meine bleibende Verantwortung. Es ist auch eine Quelle für alle meine Überlegungen, wie Sozialismus nicht sein darf, und wie er sein muss.

Über nichts denke ich mehr nach als über diesen Zwiespalt, den ich gelebt habe.

Wenn ich darüber nachsinne, warum bin ich damals trotz kritischer und realistischer Einsichten und Konzepte für demokratische Reformen und einen demokratisierten Sozialismus den persönlichen Konsequenzen dieser Überzeugungen nicht gefolgt bin, dann bin ich bei meiner entscheidenden Schlussfolgerung.

Für sie, und ihre Übertragung in konkreteste Politik, auch auf Gebieten wie Europa, Verbraucherschutz oder Friedenspolitik, mit denen ich mich besonders intensiv beschäftigt habe, trete ich vor allem an.

Ich hoffe, dass mir niemand sagen muss, wie wichtig Theorie, Strategien, Konzepte, Programme sind. Aber mir wurde etwas Anderes noch viel wichtiger.

Meine Überzeugungen zu leben.

Natürlich zuerst für mich, dann aber auch mit den Menschen um mich herum, für die ich und wir alle Politik machen möchten.

Ich möchte, dass Menschen das mit mir erleben können. Dass sie von mir und von uns wissen und so persönlich wie möglich erfahren, dass wir hier und heute für sie eine solche Politik machen und machen können.

Ich lebe, arbeite, feiere zusammen mit Menschen in einer Gemeinde, in der nur eine Minderheit einen wirklich existenzsichernden Arbeitsplatz hat. Abgesehen von Rentnerinnen und Rentnern sind sie im Niedriglohnsektor beschäftigt, werden im Winterhalbjahr aus den Restaurants und Hotels entlassen, fahren zur Arbeit nach Holland oder sind in persönlicher Insolvenz und Hartz IV.

Ich habe große und konkrete Visionen, die Dutzende Male publiziert wurden, aber ich bin es leid, Menschen, die nur ein einziges Mal leben, für die es nur jetzt und nicht in irgendwelchen Zukünften Chancen gibt, darauf zu vertrösten. Ich möchte, dass sich jetzt etwas für sie ändert.

Wie schwer das oft ist, wissen wir alle. Aber wenn wir bei uns selbst anfangen, dann ist es vielleicht auch leichter und überzeugender.

So ist mir Antoine de Saint Exupery nahe gekommen, sein „Kleiner Prinz“, so möchte ich Menschen linke Politik nahe bringen, seine Kritik zum einen an unserer Gesellschaft, die kein Soziologendeutsch auch nur annähernd erreichen kann:

„Der Fuchs verstummte und schaute den Prinzen lange an. ‚Bitte zähme mich’, sagte er.
‚Ich möchte wohl’, antwortete der kleine Prinz. ‚Aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muss Freunde finden und viele Dinge kennenlernen.’
‚Man kennt nur Dinge, die man zähmt’, sagte der Fuchs. ‚Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr.’“

Und seine Schlussfolgerung zum anderen, wie man leben, also auch Politik machen sollte:

„Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen. Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen sie euch nie über das Wesentliche. Sie fragen euch nie: Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er am meisten? Sammelt er Schmetterlinge? Sie fragen euch. Wie alt ist er? Wie viel Brüder hat er? Wie viel wiegt er? Wie viel verdient sein Vater? Dann erst glauben sie ihn zu kennen.“

Die Geschichte von „Kleinen Prinz“ ist ein Lied auf eine Welt des Bemühens und der Verantwortung um- und füreinander, auf Freundschaft und Solidarität, auf die Schönheit.

Alles, was für die Menschheit bedeutsam ist, wird auf einfache Weise durchschaubar: Verletzbarkeit, Machtanspruch, Liebe, Stolz, Eitelkeit, Gier, Untertanengeist, Abhängigkeit, Reue, Scham, Überheblichkeit, Furcht, Gemeinsamkeit.

Die Sehnsucht eines Kindes, das erwachsen werden will und staunend seine Erfahrungen mit der Welt macht. Ein Kind, das unbeirrt seinen Weg geht, auch bei anderen kein Ausweichen duldet und so lange Fragen stellt, bis es eine Antwort bekommt.

Liebe Genossinnen und Genossen, verzeiht bitte, dass ich nicht auf einzelne politische Fragen eingegangen bin. Dafür hatte ich viele andere Gelegenheiten.

„Adieu“, sagte der Fuchs zum kleinen Prinzen. „Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“

Das heute, jetzt zu sagen, für mich und für uns Linke, war mir zu wichtig.