Mit Speck fängt man Kunden

Der Fleischer

Rudi Meyer wurde auf einem Bauernhof am Rande von Lübz geboren. Dort lebt er noch immer. Als ich ihn frage, warum er Fleischer wurde, stutzt er: „Ach, du meine Güte. Das weiß ich gar nicht mehr. Das ist doch schon so lange her.“ Seine Lehre begann er 1966, natürlich auch in Lübz. Aber ganz so zufällig war es wohl doch nicht. Sein Vater war Landwirt, und Rudi Meyer hält noch immer Kühe, Schweine, Pferde und baut das Futter für sie auf fünf Hektar Acker selbst an. Natürlich wurde zu Hause auch geschlachtet: „Da hat mich das Wurstmachen einfach interessiert.“ Er hatte kaum ausgelernt, als sein damaliger Meister sagte, er habe nun keine Lust mehr, Rudi Meyer solle das Geschäft weiterführen. Das ist inzwischen fast vier Jahrzehnte her. Damals wurde im Laden jedoch nur verkauft. 1990 übernahm er ihn, richtete die Räume für die Wurstherstellung, das Räuchern, die Küche für seinen Mittagstisch und den Partyservice ein. Als Fleischverkäufer, riet man ihm und wusste er selbst, würde er keine Chance gegen die Supermärkte haben. Inzwischen ist er der einzige private Fleischer in der Stadt. 1996 hat er seinen Meister gemacht. Er wollte es, aber die Gesetze verlangten es auch.

Gut einhundert Mittagessen gehen am Tag über den Tresen. Drei Euro kostet das Stammessen. Wer in Lübz gut und Hausmannskost „wie bei Muttern“ essen will, weiß, dass er zu Rudi Meyer gehen muss. Touristen bekommen diesen Tipp auch. Wenn sie aus den alten Bundesländern sind, bekommt er manchmal zu hören: „Das ist doch viel zu billig.“ Aber er weiß, dass viele seiner Kunden wenig Geld haben, und dass er sie mit höheren Preisen verlieren würde. „In Zukunft“, meint er, wird das Problem noch größer. Die künftigen Rentner werden niedrigere Einkommen haben. Viele von ihnen waren nach der Wende lange arbeitslos oder leben schon jetzt von Hartz IV. Und die jungen Leute ziehen weg.“

Mehr als 70 Prozent der Fleisch- und Wurstwaren im Laden kommen aus eigener Produktion. Nicht wenige kommen, um seinen Speck oder Schinken zu kaufen. Die werden noch traditionell gepökelt, nicht einfach nur gespritzt, und naturgeräuchert. Seine Leberwurst, die Mettwurst, den Leberkäse oder die Jagdwurst macht er so, wie er es vor mehr als vier Jahrzehnten gelernt hat, „wie zu Hause“, betont er. Wenn er mal Wurst zukaufen muss, protestieren die Stammkunden: „Nein, die wollen wir nicht.“ Dann warten sie lieber bis Freitag, wenn er wieder seine eigene Wurst macht. Das sind besonders lange Tage, und an den Sonnabenden, manchmal auch am Sonntag ist sein Partyservice gefragt. Rudi Meyer weiß nicht, ob einer seiner Angestellten, den Betrieb einmal übernehmen wird. Es ist viel Stress und nicht einfach, sich gegen die massive Werbung der Supermärkte und deren abgepackte, bequeme Produkte zu behaupten. Als die Straße, in der sein Laden liegt, fünf Jahre lang für unkoordinierte Baumaßnahmen gesperrt war, verlor er nicht wenige Kunden. Doch der Speck, der wirklich noch in der Salzlake lag und im echten Holzrauch hing, hat viele zurückgebracht.

Fleischerei
Rudi Meyer
Plauer Straße 45
19386 Lübz
Tel.: 038731 22537