André Brie

Neue Reformation aus Wittenberg?

Kolumne für „Disput“

Natürlich würde ich auch gern über die Thesen „Gemeinsam wider die Herrschaft der Finanzmärkte über Demokratie, Gesellschaften, Europa und die globalen Verhältnisse. 95 Thesen und 95 Unterschriften. Zeit für eine neue Reformation“ schreiben, die Gregor Gysi, Frieder Otto Wolf und Peter Brandt am 23. April vor der Schlosskirche in Wittenberg vorstellten. Doch wen es interessiert kann, unter www.perestroika.de darüber lesen. Genug vom Werbeblock.

Was mich anhaltend bewegt, war und ist das Erlebnis von einem Jahr kollektiver Arbeit und Diskussion mit Politikerinnen, Politikern (aus vier Parteien), Theologinnen, Theologen, Künstlerinnen, Künstlern, Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftlern, Arbeitern, einer Tischlermeisterin oder einem Schuldnerberater aus ganz Deutschland und Europa und vielen Freundinnen und Freunden. Und obwohl wir kaum Möglichkeiten haben, die Homepage bekannt zu machen, es geht weiter. Zu den 95 Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichnern haben sich in einer Woche weitere mehr als 600 Menschen gesellt, auch mit Fragen, Vorschlägen oder Kritiken.

Als wir monatelang die 95 Unterschriften aus der Breite von Gesellschaft und Europa sammelten, schrieb ich etwa 250 persönliche Briefe. Oft erhielt ich keine Antwort, zwei- oder dreimal eine Absage, doch beglückend waren oft sehr individuelle und herzliche Briefe, die ich von sehr prominenten Künstlerinnen, Künstlern oder Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler, Theologinnen und Theologen aus beiden großen Kirchen oder dem irakischen Theaterregisseur Ihsan Othmann erhielt. Es gab auch Fälle, wo ich dreimal nachfragen musste, genervt war. Ein sehr bekannter, im übrigen westdeutscher, Schriftsteller schrieb sofort, dass er „mit Leidenschaft“ unterschreibe, ein anderer, diesmal aus dem Osten: „Natürlich unterzeichne ist, es ist mir eine Ehre.“. Diese Antwort erhielt ich auf einer Postkarte schon drei Tage, nachdem ich selbst geschrieben hatte. Einige schrieben nicht nur, sondern schickten sogar eigene CDs, Bücher und Radierungen. Ich werde keine Namen nennen, mit einer Ausnahme, und der Theologe Eugen Drewermann wird nichts dagegen haben, wenn ich aus seinem handschriftlichen Brief etwas preisgebe: „Lieber Herr Brie, endlich komme ich dazu, wieder die Post zu bearbeiten, darunter Ihren engagierten Aufruf, für den ich Ihnen danke und den ich gern unterstütze. Gerade wird der 2. Bd. von ‘Geld, Gesellschaft und Gewalt’ fertig, der es u.a. auch mit dem Finanz- und Kriegskapitalismus zu tun hat, ganz in Ihrem Sinne.“

Gelegentlich suchte ich Menschen auf, um sie zu gewinnen. Obwohl die Thesen auch sehr fachlich sein mussten, um zum Beispiel von den Medien ernst genommen zu werden, ging es mir darum, nicht nur Prominente zu gewinnen. Dann gab es lange Gespräche über die Thesen, den Finanzkapitalismus, die sich bedrohlich zuspitzende soziale Spaltung, die AfD, Kriege und eigentlich über Gott und die Welt. Anders als Briefe werde ich es nicht dokumentieren können, doch es war wunderbar, so direkt und von Gesicht zu Gesicht sprechen und kommunizieren zu können. Die Erfahrung war die gleiche wie über Briefe, Postkarten, Telefongespräche oder E-Mails: es gibt ein so großes Potential, so unterschiedlicher Menschen, die sich nicht abfinden und etwas ändern wollen. Man muss nur eins – aus dem eigenen Saft herauskommen.

Sicherlich, es war sehr viel Arbeit, es gab große Enttäuschungen (gute Freundinnen und Freunde wissen, dass sie mich wieder aufrichten mussten, auch dafür habe ich ihnen zu danken), und nichts konnte abstrakt oder formal funktionieren. Immer war es sehr individuell, emotional und mit konkreten Kenntnissen über den jeweiligen Menschen. Doch wenn es klappte, war es auch wirkliches Glück für mich selbst. Jene, die wissen, das solches Glück nicht häufig ist, werden auch verstehen, dass ein solcher Satz für mich eigentlich ein Superlativ ist.