Manfred Stolpe und die Lausitz

Manfred Stolpe lernte die Lausitz bereits zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn Anfang der sechziger Jahre als Mitarbeiter der Evangelischen Kirche intensiv kennen. Ihm musste niemand sagen, welche landschaftlichen Schönheiten die Lausitz auch jenseits des Spreewaldes besitzt, welchen kulturellen Reichtum, welch spannungsreiche Geschichte. Aber er merkte schnell, dass davon in Berlin oder dem märkischen Brandenburg viel zu wenig bekannt war. Das Bild der Region war auch damals schon bei vielen Menschen von der Braunkohle und ihrem rabiaten Eingriff in die Natur, von den rauchenden Schloten der Kraftwerke und Brikettfabriken bestimmt. Sein damaliger Chef, der Bischofvertreter, mahnte: Wir müssen darauf achten, dass die Lausitz nicht das Aschenputtel Berlins und Brandenburgs ist.“ Stolpe, in Stettin geboren und sicherlich dem märkischen Brandenburg näher als der Lausitz begriff, dass „die Landschaft und der Menschenschlag dort anders als im Rest Brandenburgs sind. Es sind standhafte, in der Regel nicht schwatzhafte Leute. Wenn sie etwas sagen, dann ist es auch so.“

Schnell und immer wieder musste er sich mit den menschlichen Folgen der sich rasch ausdehnenden Tagebaue befassen. Oft hatten Menschen, die mit ihren Dörfern der Kohle weichen mussten, keinen anderen Ansprechpartner und keinen anderen Interessenvertreter als die Kirche: „Es war bitter, Menschen in schon fast völlig verlassenen Dörfern zu treffen, die uns anflehten: Helft uns gegen die Kohle.“ Das erlebte er auch in den späten achtziger Jahren in Horno, das für den Tagebau Jänschwalde „überbaggert“ werden sollte, ein technischer Begriff, der bis heute für die Auslöschung jahrhundertealter Gemeinden gebraucht wird. Doch diese Geschichte holte ihn überraschend und auf eine völlig andere Weise wieder ein.

Das Ende der DDR hatte den Hornoern nicht nur Hoffnung gegeben, dass ihr Dorf nicht mehr gefährdet sei, sie waren sich sicher, dass die exzessive Braunkohlegewinnung und das gewaltige Kraftwerk Jänschwalde keine Zukunft mehr haben würden. Blühende Landschaften, nicht tief in die Erde und bis über den Horizont gerissene braunschwarze Löcher und sandige Abraumhalden bestimmten die Zukunftshoffnungen der Meisten. Die Diskussion und die Überzeugung, den Braunkohleabbau in der Lausitz ganz zu stoppen, ging über alle Parteigrenzen hinweg. Manfred Stolpe wurde der erste Ministerpräsident des neuen Bundeslandes Brandenburg: „Nun traf ich in Horno Menschen wieder, die ich bei ihren Eingaben an Erich Honecker unterstützt hatte.“

Die Situation hatte sich grundlegend geändert, auch für Manfred Stolpe. Er war nicht mehr Anwalt, er musste entscheiden. Die großen Erwartungen, die mit der deutsch-deutschen Vereinigung, Demokratie und Marktwirtschaft verbunden waren, gingen gerade in der Lausitz mit schnell um sich greifender Massenarbeitslosigkeit einher. Tagebaue, Brikettfabriken, Maschinenbau-, Glas- und Textilwerke machten dicht. Manfred Stolpe, erinnert er sich, musste sich nicht nur zwischen den eigenen widerstreitenden Gefühlen und Überzeugungen entscheiden, sondern Entscheidungen für die ganze Lausitz treffen, für Hunderttausende Menschen, für oder gegen Horno und seine Einwohnerinnen und Einwohner, für oder gegen die verbliebenen Beschäftigte in der Braunkohleindustrie, für oder gegen Naturschutz, Kultur- und Geschichtsdenkmäler. In Neubaugebieten seines Cottbuser Wahlkreises, die man heute Plattenbausiedlungen nennt, traf er auf Ehepaare, die fast gleichzeitig, ihre Arbeit verloren hatten, er im Tagebau, sie in der Textil- oder Glasindustrie: „Als Helmut Kohl bei einem Besuch der Region sagte, ohne die Kohle sei die Region endgültig verloren, bestärkte ich ihn, in der gesamtdeutschen Energiewirtschaft der Lausitzer Braunkohle eine Chance zu geben, zumal ihre Energieeffizienz höher war als jene am Niederrhein.“

Es wurde Vieles andere unternommen: die Bildung der Technischen Universität in Cottbus, die Entwicklung der Windkraftindustrie, Milliardeninvestitionen in die Rekultivierung und die Erschließung der neuen Landschaften für den Tourismus, doch Stolpe ist bis heute fest davon überzeugt, dass die Lausitz ohne die Fortführung der Kohlegewinnung und Verstromung eine „tote Region“ geworden wäre: „Das war kein Hirngespenst.“ Die Gefahr sieht er inzwischen als gebannt an, die sozialen, wirtschaftlichen und demografischen Probleme blieben jedoch ernst.

Die Weichenstellung für die Fortführung des Braunkohlebergbaus in der Lausitz traf die Politik. Die Wirtschaft, so Manfred Stolpe, war durchaus auch interessiert daran, wenngleich damals weniger aus kommerzieller Sicht. Angesichts des öffentlichen Widerstandes in Nordrhein-Westfahlen gegen die Braunkohletagebaue, hätte die Beendigung in Ostdeutschland ihre Chancen weiter verschlechtert. Aber  Manfred Stolpe musste nun den Menschen in Horno gegenüber zu treten, die so viele Hoffnungen in ihn gesetzt hatten. Die Wirtschaftlichkeit des Tagebaus Jänschwalde brauchte den Abbruch, sagt er. Er diskutierte stundenlang mit den Verantwortlichen und vor allem mit den Einwohnern, ob die Überbaggerung angesichts der Hornoer Erfahrung aus der DDR-Zeit, wirklich erforderlich sei. „Selten habe ich so lange und so oft mit Menschen gesprochen. Ich litt selbst unter meiner Entscheidung, aber ich sah keine andere Möglichkeit für die Wirtschaft in der Lausitz. Damals habe ich wohl auch meine ersten grauen Haare bekommen.“

Zu seiner Vision für die Region gehören weiter die Braunkohle und ihre Verstromung, vor allem aber die Nutzung neuer wirtschaftlicher Chancen, die Wissenschafts- und Technologieentwicklung, der Tourismus und, das betont er mit Nachdruck, die Nachbarschaft zu Polen. Die Lausitz, ist er sicher, ist keine verlorene Region: „Sie ist durch die Braunkohle umgebrochen worden, buchstäblich, und jetzt ist sie längst wieder in einem Umbruch.“