Rolf Kuhn wendet sich gegen Bauwahn auf der grünen Wiese und setzt dabei Blick- und Standpunkte

Das Haar trägt er lang. Künstler, Architekt eben. Wenn er spricht, reden seine Hände lebhaft mit. Doch es sind die fröhlichen Augen, die mich nicht loslassen. Prof. Dr. Rolf Kuhn, Kopf und Chef der Internationalen Bauausstellung (IBA) „Fürst-Pückler-Land“, muss viel Freude in seinem Leben gehabt haben. Und er gibt sie weiter. Er ist glücklich, dass zum erstenmal eine IBA nach ihrer offiziellen Beendigung weiterlebt. Im Studierhaus, das er zu einem Wissensspeicher, Lern- und Arbeitsort machen möchte, können die Ergebnisse der mehr als zehnjährigen Arbeit eingesehen und genutzt werden. Studentinnen und Studenten und ihre Hochschullehrer aus Kaiserslautern, Weimar und natürlich aus Cottbus und Senftenberg, aber auch aus mittel- und osteuropäischen Ländern und China, machen Gebrauch davon und entwickeln neue Projekte. „Es ist schön“, sagt Kuhn, „wenn junge Leute mit jungen Augen Ideen haben, auf die ich nicht gekommen bin.“ Deshalb hat er auch den IBA-Studierhaus e.V. initiiert und ist dessen Vorsitzender.

Prof. Kuhn wurde in Thüringen geboren, studierte an der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar Gebietsplanung und Städtebau, forschte und lehrte an der Bauakademie der DDR zur Stadtsoziologie, kehrte zurück an die Weimarer Hochschule, machte sich rasch einen Namen in der Wissenschaft und der Praxis. Die Ideen der Bauhausarchitekten und –künstler waren ihm früh vertraut. Das konnte in Weimar nicht anders sein. So war es folgerichtig, dass er 1987 zum Direktor des Bauhauses Dessau berufen wurde. Als nach 1990 eine weitreichende Deindustrialisierung begann, mit ihrer besonderen ostdeutschen Dimension, aber ihrem grundsätzlichen Ausdruck veränderter wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Perspektiven, wendete er den Anspruch der Bauhauskünstler aus den 1920er Jahren, die Industrialisierung ästhetisch und sozial zu qualifizieren, und forderte eine Qualifizierung der Deindustriealisierung. „Mein Credo ist“, meint Prof. Kuhn: „Die Form in’s Museum, den rebellischen und kreativen Geist in die Arbeitsräume!“ Als ich ihn danach frage, wie diese Bauhaustradition der IBA sich mit dem Namen „Fürst-Pückler-Land“ vertrage, antwortet er: „Eben dadurch. Fürst Pückler war in seiner Zeit ein moderner, weltoffener, internationalistischer und kühner, beharrlicher und planerischer Mann, der künstliche Landschaften auf den Cottbusser Sand setzte. Ich habe mich dagegen gewehrt, dass seine Formen in den IBA-Projekten zitiert werden, aber diese Haltung lässt sich auch heute produktiv machen.“

Gemeinsam mit westdeutschen Kollegen versuchte er zu verhindern, dass die städteplanerischen Fehler der alten Bundesrepublik wiederholt würden, doch gegen den Bauwahn auf der grünen Wiese „standen wir auf verlorenem Posten.“ Immerhin konnte er dazu beitragen, dass das alte Gasviertel in Dessau und das Industrieviertel in Wittenberg-Piesteritz nicht abgerissen, sondern zu neuer Nutzung geführt wurden, und in Gräfenhainichen aus Industrieanlagen das Ferropolis entstand. Auch diese Philosophie eines „industriellen Gartenreichs“ traf zunächst auf Widerstand, doch Dessau und die ganze Region wurden damit zur „Korrespondenzstadt“ der EXPO 2000. „Damit war es für mich aber auch gelaufen. Ich hatte immer zehn Jahre am Bauhaus arbeiten wollen. Nun waren es elf, und ich war Anfang 50, in einem Alter, wo man noch einmal etwas Neues anfangen kann und vielleicht sollte.“

Bei einer Vorlesung an der Brandenburger Technischen Universität erhielt er viel Zustimmung für seine Planungsideen und deren konzeptionelle Grundlagen. Auf der Rückfahrt aus Cottbus dachte er zum erstenmal, dass das Neue für ihn die Lausitz sein könnte. Von der kannte er bis dahin nur den Spreewald von einer lange zurückliegenden studentischen Kanutour. Als er die Ausschreibung las, stand sein Entschluss sofort fest: „Ich konnte durch meine bisherige Arbeit und ihre Ergebnisse das Gefühl vermitteln, Erfahrung, Ideen und Erfolge zu haben. Natürlich war das Ausmaß des industriellen, bergbaulichen, landschaftlichen und städtischen Wandels in der Lausitz ein ganz, ganz anderes.“

Am 1. April 1998 war er das erstemal in Großräschen. Manches empfand er als trostlos, viele Menschen mutlos: „Ich bin Planer. Ich lebe in einer Zukunft, die es noch gar nicht gibt. Andere kennen und können das nicht. Es war oft schwer, sie von den Ideen zu überzeugen. Ich hatte Einladungen zu Vorträgen nach Rom oder Paris. Aber jede Veranstaltung und Diskussion in Vetschau oder Senftenberg war mir genauso wichtig. Es ging nur, wenn die Menschen hier einbezogen und überzeugt wurden. Am Anfang waren wir für nur Spinner. Wir haben ja auch viele Projekte realisiert, von denen wir wussten, dass sie zunächst nur funktionierten, weil wir sie zum Funktionieren brachten. Für ihre nachhaltige Zukunft fehlten nicht selten die Kraft, das Geld, die Infrastruktur. Als wir die Förderbrücke F-60 in Lichterfeld aufstellten, hielten viele das nicht für finanzierbar für die kleine Gemeinde. Jetzt jedoch blüht der Ort mit der F-60 auf. Wir haben mit jährlich 25.000 Besuchern gerechnet. 70.000 sind es geworden.“ So ist es mit vielen anderen der 30 IBA-Projekte gelungen, der Lausitz fortwirkende „Akupunkturstiche“ zu versetzen. Unternehmen und Kommunen griffen die Möglichkeiten auf. Arbeitsplätze und Vertrauen entstanden: „Als wir die schwimmende Tauchschule in Lasow projektierten, erlebte ich dieses Vertrauen“, erzählt Rolf Kuhn: „Dort sagte mir ein Mann: Mir ist es egal, was ihr macht, aber wenn es die IBA macht, dann wird es auch.“

Eines bleibt ihm zu tun: zu sichern, dass von den IBA-Terrassen und dem Studierhaus weitere Impulse ausgehen. Aber wenn Prof. Kuhn das macht, wird es auch.