Warum der westdeutsche Jürgen Kropp im Osten den Widerstand organisiert

Jürgen Kropp wurde 1956 in Aachen geboren. Das große Rheinische Braunkohlenrevier ist nicht weit entfernt. Doch er kannte den Braunkohletagebau nur vom Hörensagen, bis er 1991 in den Osten kam. Es war, sagt er, fast eine Flucht. Aus persönlichen Gründen wollte er soweit wie möglich fort. Da war der östliche Osten gerade der richtige Platz. Man muss Jürgen Kropp kaum etwas fragen. Er erzählt, er möchte erzählen, freimütig und uneitel. Ein energisches „Das geht doch nicht“, ist zumindest in unserem Gespräch seine häufigste Formulierung.

In Aachen war er Kundendienstleiter für die Automobilfirma Jaguar. Ein Bekannter, der ursprünglich aus dem Spreewald kam, bot ihm an, mit Plattenbauten in Cottbus Immobiliengeschäfte zu machen. Doch der hatte keine Ahnung von den Geschäft und wollte nur schnelles Geld machen. Jürgen Kropp verließ daher die Firma und kaufte sich in Heidemühl einen alten Dreiseitenhof, wie er in der Lausitz weit verbreitet ist. Mit der Wende, wurde ihm erklärt, sei die Gefahr, dass das Dorf abgebaggert würde, gebannt. Sein Bett stellte er unter einen Apfelbaum und begann, das baufällige Haus auszubauen. Anderthalb Jahre musste er auf einen Telefonanschluss warten. So etwas war ihm völlig unbekannt: „Aber es war ein Paradies. Als ich das erstemal hinfuhr, kamen mir nur zwei Autos entgegen. 2500 Menschen lebten im Dorf. Ihr Zusammenhalt war stark. Jeder kannte jeden. Man unterstützte sich, auch mich,den Zugezogenen aus dem Westen. Der Mann, der mir das Grundstück verkauft hatte, kam jeden Sonntag. Er wollte mir einfach helfen. Das war schon Klasse.“

1993 gab es die ersten Gerüchte, dass der Ort doch weichen müsse, und ein Jahr später den offiziellen Bescheid. Jürgen Kropp gehörte zu jenen, die den Widerstand organisierten. In Heidemühl gab es einige, die zuvor bereits aus anderen weggebaggerten Gemeinden umgesiedelt worden waren. Doch nur wenige schlossen sich dem Verein für den Erhalt Heidemühls an. Jürgen Kropp, der ihn leitete, meint aus heutiger Sicht: „Wir haben es nicht geschafft, die Menschen zu motivieren. Die meisten waren mutlos, hatten wenig Selbstbewusstsein. Ich hatte aber auch zu wenig Zeit für diese Arbeit. Damals baute ich meine Computerfirma auf.“ Immerhin gewann der Verein bei der Kommunalwahl vier Mandate im Gemeinderat. Als das Gesetz zum Schutz des sorbischen Lebensraumes zugunsten der Braunkohleindustrie geändert wurde, war Heidemühls Schicksal jedoch besiegelt. Noch heute spürt man Kropps Enttäuschung über Manfred Stolpe, der sich ursprünglich so stark gemacht hatte für sorbische Interessen.

Was ihnen blieb, war ein allgemeiner Forderungskatalog für die Umsiedlung, der weitgehend durchgesetzt wurde. Ansonsten aber verhandelte jeder für sich selbst. Die Beziehungen zwischen den Menschen lockerten sich schnell. Es gab auch Missgunst. Man schielte darauf, was der andere bekommt. Er selbst verhandelte fast drei Jahre mit der LAUBAG beziehungsweise Vattenfall. Es war, erzählt er, ein zäher Vorgang, fast alles musste einzeln durchgesetzt werden. Er wurde gut entschädigt, bekam ein neues Grundstück und ein Haus mit mehr Komfort als in dem alten: „Aber es war mein Kampf, mein Geschick, und das hat nicht jeder. Es geht doch nicht, dass es von der persönlichen Cleverness abhängt, wie man entschädigt wird!“

Die meisten Einwohnerinnen und Einwohner zogen gemeinsam in eine neue Siedlung. Jürgen Kropp mochte das nicht. Das sei es fast wie in einer Großstadt, wenige Beziehungen zwischen den Menschen. Er wohnt heute in Annahütte, bei Schipkau. Dort ist er heimisch geworden, genießt die Ruhe und die Wälder. Vorbehalte zwischen „Wessis“ und „Ossis“ hat er schon lange nicht mehr erlebt: „In Aachen könnte ich nicht mehr leben. Ich habe das Gefühl, ganz Westdeutschland besteht aus Beton und Autos. Es ist schwer, in der Lausitz sein Geld zu verdienen. Für mich nicht. Als Webdesigner habe ich mehr Aufträge, als ich eigentlich machen möchte.“

Jürgen Kropp klingt etwas resigniert. Er hat so viel Kraft, Zeit und Ideen investiert, auch in eine Internetseite über Heidemühl, die noch immer rege besucht wird „doch es waren so wenige Erfolge da, so wenige Partner.“ An den großen Auseinandersetzungen um den Erhalt von Dörfern mag er sich nicht mehr beteiligen, auch wenn er ganz entschieden sagt: „Was nicht geht, ist Umsiedlung. Das können die sich doch gar nicht vorstellen, was das für Menschen bedeutet!“

Jürgen Kropp will lieber die kleinen und realistischen Schritte, und seine Zeit widmet er lieber seinen Kindern. Doch wirklich kleinmütig ist er nicht. Ihn bewegen die großen Probleme der Gegenwart und der nächsten Jahrzehnte, die Herrschaft der Finanzwirtschaft über die Gesellschaft, die Situation der Menschen in Afrika, der Klimawandel. Er will eine nachhaltige Energiegewinnung aus Sonne und Wind. Seinen eigenen Strom, da eben hat er seine realistische und persönliche Möglichkeit, bezieht er von einem Ökostromanbieter. „Wir haben so viele Chancen, etwas zu machen“, sagt er: „Natürlich habe ich meine Zweifel, was geht, was nicht geht. Aber wir leben doch nicht mehr in der Steinzeit. Auch Vattenfall sollte sich darum kümmern. Eigentlich bin ich ein Mensch, der sagt: lasst mich in Ruhe. Ich lass euch doch auch in Ruhe. Aber der Staat macht es ja auch nicht mit mir. Oft funktioniert er gar nicht mehr.“