Michael Gromm und der Widerstand in der Lausitz

Dort, wo der Prenzlauer Berg zu einem Wohnviertel für junge Menschen geworden ist, Berlinerinnen und Berliner ebenso wie Touristen durch die alten Straßen ziehen und sich in den vielen Kneipen, Restaurants, Imbissstuben tummeln, ist auch, in einem Hinterhof, die Wohnung von Michael Gromm. Leise ist Klaviermusik von Liszt zu hören, aber Michael schaltet sie aus. In den nächsten anderthalb Stunden wäre sie ohnehin nicht zu hören gewesen. Nun hat nur er noch das Wort. Selbst die Sekunden für meine Fragen muss ich mir fast erzwingen. Er redet temperamentvoll, mit lebendigen Details und anschaulich, als wären seine Erlebnisse in der Lausitz gerade erst passiert. Lebhaft, ausdruckstark widerspiegeln sich seine Geschichten und die Empfindungen in seinem Gesicht. Dabei liegt das meiste schon mehr als anderthalb Jahrzehnte zurück.

Michael Gromm ist Engländer, so spricht sich auch sein Vorname aus, so ist er in den Auseinandersetzungen um die „Überbaggerung“ von Horno nicht nur in Brandenburg bekannt geworden: Maikl, könnte man es aussprechen. Sein Buch „Horno ein Dorf in der Lausitz will leben“ berichtet davon, aber er kann noch viel, viel mehr davon erzählen. Seit 1974 lebt er in Deutschland. Im Grunde sei der Deutscher, sagt er. Ein Interesse am deutschen Pass habe er jedoch nicht, oder nur alle zehn Jahre, wenn er es mit der konsularischen Bürokratie bei der Erneuerung seines britischen Passes zu tun bekomme. Auf Guben stieß er bereits 1982, als er sich mit dem Zeigerfinger auf der Landkarte einen Ort für einen Roman suchte, der auch den Ursprüngen seiner einst sorbischen Familie nachspüren sollte. Guben/Gubin – das klang gut und sorbisch. Wilhelm-Pieck-Stadt Guben – das hatte sogar etwas Exotisches. So nannte er seinen Großvater im Manuskript auch Joseph Gubin.

Als er nach der deutschen Wende in einer Londoner Zeitung von einem polnischen Markt in Guben las, riet ihm ein Reporter der BBC: „Da musst du hin. Schreib darüber.“ Ihn selbst reizte es sowieso wegen der Nähe zu dem Ort, in dem sein Großvater geboren worden war. Im September 1992 kam er zum erstenmal nach Guben. Leben, das stand für ihn fest, wollte er dort nicht. Doch in der „Zeit“ las er von einem Dorf, das gegen seine Abbaggerung kämpfte, und fuhr hin. Nun war er In Horno. Über die Braunkohle, über Energie- und Umweltpolitik wusste er damals wenig. Ihn interessierten Menschen.

Horno gefiel ihm. Rasch lernte er die Menschen im Dorf kennen, viele alte unter ihnen. Als der Ministerpräsident Brandenburgs Manfred Stolpe zum ersten Mal nach Horno kam, ging auch Michael Gromm in die Versammlung: „Das war der letzte Anstoß. Ich wollte gar nichts sagen, aber mich provozierte die Lethargie. Sie sprachen über ihre Ohnmacht, die Oben würden doch eh machen, was sie wollten. Und die 10.000 verlorengegangenen Arbeitsplätze in der Region seien die einzige Veränderung, die sie erlebt hätten. Nur Wenige waren kämpferisch, der Pfarrer beispielsweise. Ich stand hinten am Fenster. Manche fragten, wer der langhaarige Typ sei. Stolpe sprach raffiniert – von der Sicherung der Jobs, von der Umsiedlung des Ortes. Da meldete ich mich ganz zum Schluss und sagte: Eh, Leute, schaut ihm doch in die Augen. Das ist ein aalglatter Politiker, dem ihr kein Wort glauben dürft. Die Menschen waren schockiert. Aber nach der Versammlung kamen zwanzig Menschen zu mir, manche mit einem Bier für mich.“ Die Mutlosigkeit interessierte Michael Gromm. Er ließ sich erzählen, dass die Hornoer ihren Ort eigentlich schon zu DDR-Zeiten aufgegeben hatten, als solche Umsiedlungen faktisch angewiesen wurden, und nur über Entschädigungen, neue Wohnungen oder allenfalls die Umbettung von Gräbern diskutiert wurde. Mit dem Umbruch 1989/90 glaubten sie, ihre Gemeinde gerettet. Er spürte, wie sehr das Obrigkeitsdenken, zumindest der Unglaube an die eigene Kraft, fortlebten. Ihm aber ging ihm nicht in den Kopf, dass Dörfer mit ihren Menschen, ihren Höfen, Gärten, Kirchen, Friedhöfen und Geschichten einem Tagebau weichen sollten, wo es doch längst andere Möglichkeiten der Energiegewinnung gab: „Sie redeten von ‚Kompensation‘, aber ich dachte mir, es kann doch für eine dörfliche Geschichte, für Heimat keine Kompensation geben. Das war doch auch der Grund, warum ich hierher gekommen war, nach meinen eigenen Wurzeln suchte. Die könnte ich doch nie in einem Braunkohleloch finden.“

Michael Gromm versuchte, wenigstens junge Menschen für den Widerstand zu gewinnen und aufzurütteln. Der Erfolg war groß. 240 Jugendliche aus der Region folgten seiner Einladung. Er sagte ihnen: „Ich habe euch nicht zusammengerufen, damit ihr meine Meinung hört. Sagt eure und macht etwas.“ An der Dichtwand, von wo der Tagebau vorstoßen sollte, haben sie dann Bäume gepflanzt und spontan hinüber gerufen: „LAUBAG verpisst euch! Niemand vermisst euch!“ Der Engländer in Horno brachte viel Medienöffentlichkeit für diesen Kampf, und Michael Gromm wurde schnell vorgeworfen, auf persönliche Publicity aus zu sein. Aber er zweifelte nicht, dass er das Recht hatte, sich einzumischen. 13 Jahre kämpfte er politisch, publizistisch und gerichtlich um Horno, immer noch, als längst keine Medien mehr kamen. Als das Dorf längst geräumt war, wohnte er noch im letzten Haus. Der Tagebau war auf fünfzig Meter herangerückt.

Den Kampf um Horno haben seine Einwohnerinnen und Einwohner, hat auch Michael Gromm verloren. Doch es ist mehr als Trotz, wenn er darauf hinweist, dass viele seiner Argumente vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt worden sind, und die Menschen bessere Umsiedlungsverträge erhielten. „Vor allem aber“, sagt er, „wollte ich beweisen, dass der Einzelne Macht hat und kämpfen kann und soll.“