Rosmarie Kursawe ist umtriebig und dennoch bodenständig

Dieser Frau stiehlt niemand die Butter vom Brot. Rosmarie Kursawe ist siebzig Jahre alt. Wenn sie redet, ist sie kaum zu stoppen. Sie wusste immer, was sie wollte, und sie erreichte fast immer, was sie wollte. Geboren wurde sie in Weißkollm, östlich von Hoyerswerda. Von dort stammten ihr Vater, die Großeltern. Die Mutter kam aus Schwarzkollm, wo der Sage nach Krabat beim Schwarzen Müller gelernt haben soll. Alle sprachen sie fließend sorbisch, auch die Deutschen unter ihnen. Weißkollm und die anderen Dörfer ringsumher waren zu jener Zeit eben sorbisch. Dort ging Rosmarie Kursawe zur Schule, dort lernte sie im väterlichen Fleischerbetrieb Handelskauffrau, dort arbeitete sie als Verkaufsstellenleiterin. Dort gründete sie ihre Familie, bekam ihre vier Kinder, baute mit ihrem Mann das Haus, in dem sie noch heute wohnt. Dort, jedenfalls von dort, holte sie den Abschluss der 10. Klasse nach, machte neben Arbeit und Familie ihre beiden Fernstudien, erst als Binnenhandelsökonomin, dann als Ingenieurökonomin für Bergbau. Das wurde nach 1990 als Diplomwirtschaftsökonom anerkannt. „Ich wusste gar nicht, wie schlau ich bin“, meint sie mit seltener Ironie. Von Weißkollm fuhr sie jeden Tag zur Arbeit ins Gaskombinat Schwarze Pumpe, „nach Pumpe“, sagt sie, und später nach Knappenrode. Und in Weißkollm hatte sie auch ihre letzte Arbeitstelle. Am 1. Januar 1989 übernahm sie die Gaststätte, die sie bis 1993 führte. „In Weißkollm leben, in Weißkollm sterben. Das war die Haltung meines Vaters. Das ist meine.“ Sie spricht ohne Sentimentalität. Es ist selbstverständlich.

Anderes war gar nicht selbstverständlich. Mit vier Kindern zwei Fernstudien zu absolvieren und ein Haus zu bauen, das ist für sie eine DDR-Biografie, die Vorzüge des untergegangenen Staates zeige: „Es war einfach sozial, vor allem für Frauen, und alle vier Kinder haben studiert und sind etwas geworden. Das soll mir heute erst mal jemand nachmachen.“ Überhaupt nicht selbstverständlich war, dass sie in den fünfziger Jahren mindestens einmal in vier Wochen nach Westberlin fuhr: „Ich war jung, und dort gab es schicke Klamotten und andere Sachen, die ich mitbrachte.“ 1960 wurden sie und ihr Vater, „ein so überzeugter Genosse“, sagt Rosmarie Kursawe, wegen angeblicher Wirtschaftsvergehen zu Gefängnisstrafen verurteilt. Sie saß im Frauengefängnis Forst, er im „Gelben Elend“ in Bautzen. Erst 1993 wurde sie gerichtlich rehabilitiert. Aber ausreisen wollten sie nie, nicht einmal der Gedanke kam ihnen: „Ich habe ohnehin immer Heimweh. Spätestens nach acht Tagen muss ich wieder in Weißkollm sein.“

Nach 13 Monaten, wegen „guter Führung“ einige Wochen vorzeitig entlassen, kam sie frei. Zwei Tage vor dem Mauerbau war sie wieder in Westberlin: „Ich wäre krank geworden, wenn ich nicht gefahren wäre.“ Aber sie wurde nicht krank, als sie nicht mehr fahren konnte: „Das war eben so. Ich habe mich schnell damit abgefunden. Eigentlich haben wir doch auch alles Wichtige gehabt, nur kein Westauto.“ Mit Spargelanbau und Schweinemästen verdienten sie und ihr Mann, der nach der Brückenhavarie im Tagebau Bärwalde in den 80er Jahren dort Leiter wurde, jedes Jahr 40.000 Mark dazu. Aus dem Spargel wurden Radeberger Bier oder Heizungskörper oder der Shiguli. Der hatte keine Servolenkung, aber zuverlässig war er. Als sie das Haus bauten, brauchten sie keine Bank.

Rosmarie Kursawe konnte alles besorgen. Die Kombinatsleitung schickte sie gern auf Tour, um Ersatzteile zu holen, die es eigentlich gar nicht gab. Sie ist resolut, da widerspricht man auch heute nicht gern. Notfalls setzte sie sich in Büros und erklärte, es nicht eher zu verlassen, bis sie die Teile oder das Baumaterial mitnehmen könne. Manche haben sie dafür gefürchtet, alle geschätzt. Das ist noch immer so. Ihre zahllosen Beziehungen hat sie bis heute bewahrt, bis heute profitieren Nachbarn, Freunde oder auch bloße Bekannte davon. Sie selbst auch.

1966 hatte sie genug davon, als Verkaufsstellenleiterin zu arbeiten. Sie fing in „Pumpe“ an, wurde rasch Investbauleiterin für ein Sonderbauvorhaben, das außerhalb der staatlichen Planung gebaut wurde. Es war keine Frage, dass sie den nicht geplanten Zement, die Türen, Fenster, Dielenbretter und alles andere „heranorganisierte“. 1983 wurde sie Leiterin der Arbeiterversorgung in Knappenrode, eine Stelle, die ihr auf den Leib geschrieben sein musste. Mag anderswo Manches knapp gewesen sein, in Knappenrode nicht.

Als die Mauer fiel, hatte Rosmarie Kursawe schon ihre Gaststätte: „Für mich selbst war das ein nahtloser Übergang. Ich brauchte mich nicht umzugewöhnen. Ich habe vorher vierzehn Stunden gearbeitet und dann wieder.“

Heute fährt sie mit ihren Enkelinnen auch mal in den Urlaub in die Türkei oder nach Mallorca, und einmal im Jahr besucht sie Freunde in Südafrika. Ihre Beziehungen hat sie längst auch dort aufgebaut. Aber zu Hause ist sie in der Lausitz, genauer gesagt, in Weißkollm: „Hier bin ich groß geworden, hier habe ich meine Freunde und meine Familie. Die Menschen sind wie überall auf dem Dorf: Einer kümmert sich um den anderen. Hier brauchst du keine Polizei.“