Wie Ulrike Werschnick in der Lausitz ihre Heimat fand

Viele Lausitzer sind keine, zumindest keine gebürtigen. Industriebetriebe, Energiewirtschaft und natürlich die Braunkohle brachten viele Menschen in den DDR-Jahrzehnten in die Lausitz. Manche wurden eher hingetrieben. Ulrike Werschnick ist in Dresden aufgewachsen. Ihre blauen Augen blicken mich konzentriert und ernst an. An der Bergakademie Freiberg hat sie Geotechnik studiert. Das war zwar nur ihr zweiter Studienwunsch, aber das Fach gefiel ihr dann doch sofort. Dresden oder das Erzgebirge hätte sie sich als Arbeitsorte ausgesucht. Doch, wie fast alle Studentinnen und Studenten in der DDR, hatte sie sich verpflichtet, den zugewiesenen Arbeitsplatz zumindest drei Jahre lang zu akzeptieren. „In die Lausitz wollte keiner von uns. Eigentlich, war das das Letzte. Ich kannte die Gegend gar nicht.“, erzählt sie, „aber ohne gute Ausrede, hatte ich keine Chance, und ich wollte auch nicht in ein Institut oder in produktionsvorbereitende Bereiche. Wenn schon, dann direkt in den Tagebau.“

Im September 1978, als im neuen Tagebau Jänschwalde auch gerade die Förderbrücke eingefahren wurde, fing sie dort in der Abteilung Geotechnik an. Sie und eine Kommilitonin waren die ersten Frauen in diesem Beruf, argwöhnisch und skeptisch von den Männern angesehen. Die geotechnische Sicherheit der Brücke und der Grubenbagger, hydrologische Untersuchungen, die Sicherheit der aufgeschütteten Böschungen waren ihr Arbeitsgegenstand.

Im ersten Jahr wohnte sie mit fünf anderen Frauen in einer Wohnung im Arbeiterwohnheim in Cottbus. Der graue, verwahrloste alte Bahnhof war ihr Willkommen. So fühlte sie sich auch in der Stadt. Den Winter 1978/79 hat sie, wie alle, die ihn in der Braunkohle erlebt haben, nicht vergessen. Meterhoch war der Schnee verweht. Bei arktischen Temperaturen wurde die tief gefrierende Kohle auf den Förderbändern, an den Abstreifern und in den Waggons zu Stein. Soldaten, Polizisten, Bauern halfen, sie mit der Hand heraus zu hacken. NVA-Panzer mussten an manchen Tagen den Weg vom Bahnhof zum Werksgelände frei räumen. „Bergleute“, das musste sie sofort begreifen, „kennen kein Wetter. Je schlechter das Wetter, desto mehr Arbeit gibt es. Ohne Durchhaltevermögen, Gemeinschaftlichkeit und Zusammenhalt hält das keiner lange aus.“ Danach war Ulrike Werschnick im Lausitzer Braunkohletagebau angekommen. Zu Hause fühlte sie sich noch lange nicht. Als sie 1979 eine Wohnung in Forst erhielt, fühlte sie sich noch tiefer in die Provinz versetzt. Doch sie heiratete, ihre Tochter kam zur Welt: „Dann schlägst du unmerklich Wurzeln, entwickelst eine Beziehung zur Neiße, zum Spreewald, zu den Kippenflächen, die du selbst gestaltet hast, und die allmählich bewachsen, bewalden. Auf einer meiner Kippen habe ich ein Biotop, das ich nur alle paar Wochen genauer ansehen kann. Ich beobachte, wie es sich mit Pflanzen und Tieren besiedelt. Dann habe ich die naturbelassenen Flüsse und ihre Landschaften mit dem Fahrrad, die weiten Wälder, das viele Grün entdeckt. Du findest Bekannte, Freunde, und du hast eine Arbeit, die dich fordert und interessiert. Durch meinen zweiten Mann, begann ich mich auch für die sorbische Geschichte der Lausitz zu interessieren. Die Bücher von Erwin Strittmatter haben mir die Region und ihre Menschen ebenfalls nahe gebracht. Ja, so bin ich vielleicht doch Lausitzerin geworden.“

Als die Wende kam, wurde Ulrike Werschnick in die letzte Gewerkschaftsleitung und zum Betriebsratsmitglied gewählt. Es war auch eine Zeit mit utopischem Überschuss. Vom Abteilungsleiter aufwärts sollten alle Betriebsleiter demokratisch gewählt werden. Mit der Treuhandanstalt war das vorbei. Auch Ulrike Werschnick musste sich beruflich neu orientieren. Bis 1998 war sie Hydrologin in Jänschwalde. Damit hatte sie als Geotechnikerin bereits Erfahrungen gesammelt: „Es war nicht direkt mein Beruf, aber ich kannte die Zusammenhänge mit der Bodenmechanik, und ich war froh, dass ich einen Arbeitsplatz behielt. Ich habe erlebt, wie Viel und wie viele Menschen durch die Entlassungswellen kaputt gemacht wurden.“ Auch als der Hydrologen Arbeitsplatz wegrationalisiert wurde, hatte sie Glück und erhielt eine Stelle beim Tochterunternehmen „Gesellschaft für Montan- und Bautechnik“, die inzwischen nur noch GBM heißt und für Vattenfall unter anderem Landschaftsbauwerke auf der Kippe, künstliche Berge, Entwässerungssysteme, Wege und Biotope projektiert und schafft. In Jänschwalde wird sogar ein Flusslauf wieder hergestellt. „Nicht als Kanal“, betont sie, „als Fluss, dessen Einzugsbereich viel tiefer in die Erde reicht und der natürlich gespeist wird. Ich bin jetzt eine Art Bauleiterin für neue Landschaften und neue Natur.“ Ihre Fachkenntnisse der Geotechnik und Hydrologie sind dafür noch immer unverzichtbar, aber sie musste und muss viel Neues lernen. Ohne den Computer geht gar nichts mehr, ohne umfangreiche rechtliche und Verwaltungskenntnisse auch nicht.

Ulrike Werschnick blickt nüchtern in die Zukunft. Vattenfall ist der einzige große industrielle Arbeitgeber in der Region. Als naturwissenschaftlich gebildeter Technikerin sind ihr die globalen Gefahren des Klimwandels jedoch sehr genau bewusst: „Man muss die Dinge gegeneinander abwägen, auch politisch zielstrebiger an Alternativen für die Menschen in der Lausitz arbeiten. Eigentlich ist die Kohle ohnehin viel zu schade und als Rohstoff für künftige Generationen zu wichtig, um sie zu verbrennen. Aber wenn die Menschen eine ökologische Energiewende als eine größere persönliche, soziale Bedrohung als den Klimawandel empfinden, kann man mit ihnen nicht über eine radikal andere Umweltpolitik reden. Hier in Forst hat man nicht einmal die Chancen des polnischen EU-Beitritts rechtzeitig genutzt. Die Stadt hat sich selbst isoliert. Bis 1945 gab es in der Stadt drei Brücken über die Neiße. Jetzt keine. Die neugebaute verläuft acht Kilometer außerhalb.“