Über den Lausitzer Bergmann Walter Karge

Als 15jährger begann Walter Karge 1955 in Brieske, Maschinenschlosser zu lernen. Die Förderbrücke im Tagebau Niemtsch, wo sich nun schon seit Jahrzehnten der Senftenberger See mit seinen Badestränden, Campingplätzen, Bootsanlegern zwischen Wäldern, Wiesen und Äckern dehnt, fast als wäre er nach der letzten Eiszeit entstanden, war seine erste Arbeitsstelle. Doch dort, wo sich heute der Grund des Sees verbirgt, stand und arbeitete Walter Karge bei jedem Wetter. Tief eingeprägt haben sich ihm die kalten Winter, in denen die Braunkohle zu Stein gefror, und die Arbeitsbedingungen schlimm wurden. Die Möglichkeiten einer Bevorratung für solche Situationen waren begrenzt. Dazu war die Braunkohle für die Elektroenergie- und Wärmegewinnung in der DDR viel zu dominierend: „Dann geht Vieles ganz einfach nicht mehr. Sie schickten uns dann Bauern, Armeeangehörige und Polizisten, aber sie verstanden nicht, dass auch die das Problem der wie angeschweißt gefrorenen Kohle an den Umsetzern, Abstreifern und in den Waggons nicht lösen konnten.“

Als er 2003 das Sanierungsunternehmen Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) verließ, hatte er fast ein halbes Jahrhundert im Bergbau hinter sich. Losgelassen hat der ihn bis heute nicht. Geboren wurde er in Senftenberg, und dort lebt er noch immer, und wenn er spricht ist der Niederlausitzer Dialekt unverkennbar: „Das ist meine Heimat. Ich bin hier zu Hause, kenne jede Ecke. Ich freue mich, wenn ich sehe, was hier entstanden ist. Das ist der Beruf des Bergmanns. Zu ihm gehören die Ausbeutung der Erde und ihre Wiedernutzbarmachung. Bevor man in den Berg einfährt, muss man wissen, was dahinter und darunter liegt. Das hilft dann auch bei der Rekultivierung.“ Walter Karge ist nicht sentimental, wenn es um die Folgen seines Berufes geht. Er hat die Probleme viele Male erlebt, wenn vor allem ältere Menschen sich kaum von ihren Häusern und dem Boden trennen konnten, die einem Tagebau weichen mussten. „Aber das war nun einmal so. Die Energiegewinnung war entscheidend. Viele Menschen waren sogar glücklich, dass sie eine Neubauwohnung in Senftenberg, Hoyerswerda oder Weißwasser erhielten. Und die Kulturdenkmäler, die weichen mussten, spielten für uns keine große Rolle.“ Er erzählt, dass er mit dem Schriftsteller Jurij Koch, dem die Umwelt und die sorbische Geschichte seiner Heimat so wichtig war, gut reden konnte: „Aber in bestimmten Fragen konnte er mich nicht überzeugen, und ich ihn nicht.“ Man solle doch auch nicht vergessen, sagt er bestimmt, was für eine bettelarme und rückständige Region die Lausitz vor der Industrialisierung im 20. Jahrhundert gewesen sei: „Mit der Landwirtschaft wurden auf diesen sandigen Böden selbst Großgrundbesitzer nicht reich.“

Nach dem Studium der Bergmaschinentechnik arbeitete er im Tagebau Meuro bei Großräschen, aus dem gerade der Ilse-See entsteht, beim Bergamt Senftenberg und wurde 1992 Betriebsdirektor der Tagebaue Meuro und Klettwitz-Nord, bevor er an die Brandenburger Spitze der LMBV berufen wurde. Als „Spaltungsbeauftragter“ leitete er die Trennung des Sanierungsunternehmens LMBV vom damaligen Braunkohleunternehmen LAUBAG. „Für uns, die wir hier groß geworden sind, immer hier arbeiteten, viele Kolleginnen und Kollegen jahrelang persönlich kannten, war es das Schlimmste, Menschen in die Arbeitslosigkeit schicken zu müssen und ihren Pessimismus zu erleben.“

In der DDR bildeten die Tagebaubetriebe keine Rücklagen für die Rekultivierung nach der Auskohlung. Sie war gesetzlich vorgeschrieben, auch wenn der massive Anstieg der Förderung in den 70er und 80er Jahren auf 200 Millionen Tonnen Kohle und eine Milliarde Kubikmeter Abraum, es kaum noch erlaubte mit der Wiederherstellung von land-, forstwirtschaftlichen und anderen Flächen hinterher zu kommen. Finanziert wurde sie aus dem Staatshaushalt. Nach der Wende musste die Bundesrepublik gemeinsam mit den Ländern Brandenburg und Sachsen in die Verantwortung dafür treten und gründete dafür die LMBV.

Kenntnisreich und offen erklärt Walter Karge die Unterschiede in der Rekultivierung vor und nach 1990, Vor- und Nachteile. Die Lausitzer Seenlandschaft, erinnert er sich, war bereits 1960 in Studien der Freiberger Bergakademie vorgesehen worden. Neu sei vor allem die Idee, die Seen nicht nur für Flutungszwecke, sondern für den Bootsverkehr und oberirdisch miteinander zu verbinden. In der DDR stand die Wiedergewinnung land- und forstwirtschaftlicher Flächen schon in der Planungsphase von Tagebauen im Vordergrund. Dazu wurden geeignete Böden, beispielsweise Geschiebemergel, gesondert aufgehaldet. Die zentrale staatliche Planung, der alle Verwaltungen bis zu den Flussmeistereien verpflichtet waren, erlaubte rasche und gemeinsame Entscheidungen. Heute erweisen sich unterschiedliche Zuständigkeiten, Eigentumsfragen und selbst Landesgrenzen oft als schwierige Hindernisse. Auch die Kosten für die aufwändige Rückgewinnung landwirtschaftlicher Flächen werden spielen heute eine größere Rolle. Dafür hat die Nutzung für den Naturschutz einen sehr viel größeren Platz eingenommen, und die Mittel für Gefahrenabwehr und Standsicherheit wurden erhöht.

Seit 2004 ist Walter Karge in Rente. Zur Ruhe gesetzt hat er sich nicht. Er ist Vorsitzender eines Senftenberger Sportvereins, genießt auf den Fahrrad die alten und neuen Schönheiten der Lausitz, und auf den Abstand, den er von der Arbeit im Berg gewinnen wollte, muss ganz offensichtlich noch warten. Walter Karge ist auch als Rentner ganz und gar Bergmann geblieben.