André Brie

Lieber Gregor,

ehrlich gesagt, weiß ich nicht recht, was mich geritten hat, heute zu sprechen. Meine kleine Tochter liebt es zwar, auf mir zu reiten, und hält mich für ein sehr gutes Pferd. Meine Meinung, dass Esel geeigneter wäre, lässt sie bisher nicht gelten. Doch soviel wurde zu und über Dich, lieber Gregor, in den letzten Tagen geredet.
Im August letzten Jahres hast Du auf einer Kundgebung in Graal-Müritz angekündigt, mindestens einhundert Jahre alt zu werden. Na, dann bist Du jetzt wohl Mitten in der Pubertät, und das ist gut so.

Auf Gregors Geburtstag am Mittwoch sagte Lothar Bisky über Eure Bekanntschaft, dass man 1989 im SED-Gebäude zusammenkommen musste.

Ich selbst habe das selbst damals so nicht erlebt. Gregors Vater war zu DDR-Zeiten mir ein Begriff. Dich aber kannte ich nicht einmal nach dem Namen. Ich hatte bis zum späten Herbst 1989 keine Ahnung von Dir.

Ohnehin nahm mir dieses SED-Gebäude jedes Gefühl und jeden Wunsch, zusammenkommen zu können. Es machte mir im Gegenteil zumindest einen Grund geradezu körperlich klar, warum diese Partei und dieser Staat nicht überleben konnten.

Aber mit Gregor, auch mit Lothar, musste ich nicht zusammenkommen. Gregor traf ich zum erstenmal im Januar 1990. Sein Politbürozimmer stand noch voller Geburtstagsblumen. Ich hatte Dieter Klein nur angeboten, mich im Wahlkampf zu engagieren. Gregor verstand das – ich glaube: bewusst – falsch und machte mich zum Wahlkampfleiter, obwohl ich weder von Wahlkampf noch vom Leiten irgendwelche Vorstellung hatte. Es war kein Zusammenkommen, eher eine Zuführung, zumal ich mich auch noch gut erinnerte, wie enttäuscht ich war, als Gregor auf dem außerordentlichen Parteitag eine Rede, die mein Bruder gemeinsam mit anderen und mir geschrieben hatten, vorlas, als ob er Fremdsprache reden musste. Aber bei diesem ersten Zusammentreffen, nicht Zusammenkommen, fühlte ich mich gedanklich, politisch und vor allem menschlich beim richtigen Mann

Als ich etwa zwei Wochen später allen meinen Mut zusammennehmen musste, um ihn nach einem Fernsehinterview zum erstenmal zu kritisieren – es ging um seine Gestik (dummerweise hatte ich inzwischen etwas darüber gelernt) – musste ich keinen Mut  ihm gegenüber entwickeln, sondern nur gegen dieses Gebäude und seine merkwürdige Aura, in dem ich immer noch die verschwundenen Großkopfeten der SED-Führung spürte.

Na, als wir erst aus diesem Haus heraus waren, Gregor und einige andere, die es mithören durften, erzählen es immer noch gern, brachte ich später es ohne jedes Problem fertig, ihn auch vor dem Karl-Liebknecht-Haus so kräftig anzuschreien, dass der gesamte Vorstand mithören konnte. Vielleicht hatte ich Karls Demokratismus verinnerlicht, abgesehen davon, dass ich – nicht kulturell, aber – inhaltlich im Recht war. Dennoch trafen an diesem Tag zwei entgegengesetzte Welten aufeinander. Gregor kam über das ganze Gesicht lächelnd gerade von einem Erfolg um unser Parteieigentum zurück, ich innerlich empört aus einem fast zweistündigem, deprimierendem und von mir hilflos ertragenen Gespräch mit einer Frau, die Gregor zu mir geschickt hatte. Sie hatte mir erzählen und beweisen wollen, dass seine Mutter in Weimar durch Mielke ermordet habe, nachdem er gerade aus dem KZ Buchenwald befreitet worden sei. Die Frau forderte von uns, in diesem Fall also von mir, wir müssten nun endlich etwas tun. Als Nachweis für diese Mielke-Tat zeigte sie mir dessen Foto. Allerdings war darauf nur der arme Ernst Toller zu sehen.

In einem seiner Bücher, dass Gregor mir schenkte, steht: Lieber André, zur Läuterung (offensichtlich meint er damit aber nicht sich, sondern mich) und im Ernst, damit es zwischen uns bleibt, wie es war.“

Na, das blieb es nicht immer, konnte es auch nicht immer, aber es wurde es wieder. Sehr fest, liebe- und genussvoll. Denn für Zuneigung, Bewunderung, Dankbarkeit und enorme Wertschätzung gab es und gibt es mehr Gründe als Zeit darüber zu erzählen. In den letzten Tagen haben wir ohnehin so viel Positives über Gregor, seinen Geist, Witz, seine Zuversicht und Ausstrahlung  gehört, dass ich es nicht übertreffen könnte.

Also ergänze ich zum Schluss nur eins. Ich kenne nicht wenige Juristen und nur sehr wenige von ihnen mag ich, unter anderem deshalb, weil ihre Sprache für mich einfach nicht erlernbar ist. Das wusste ich schon, als man wollte, dass ich auch Völkerrecht zu studieren habe.

Doch vor einer Woche las ich von einem britischen Schriftsteller und fühlte mich bestätigt: „Ist dir schon mal aufgefallen, dass man sich, wenn man mit Leuten wie Anwälten spricht, nach kurzer Zeit nicht mehr wie man selbst anhört, sondern so wie sie? (Julian Barnes, Vom Ende einer Geschichte)

Mit Gregor jedenfalls, so begnadigter Rechtsanwalt er ist, war das niemals zu erleben. Er ist einfach ein wunderbarer Mensch und selbst wenn er über Recht spricht, ist es immer menschlich. Hab, also, Danke, lieber Gregor, Danke hab liebe Wende, dass ich Dich kennenlernen und bei Dir bleiben konnte.