André Brie

Rede zum Jahrestag der faschistischen Progrome

(Rathaus Berlin-Treptow)

 

Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten, liebe Freundinnen und Freunde,

zunächst möchte ich Ihnen von Herzen für die Einladung, vor allem aber für diese Veranstaltung danken. Wir haben andere Tage, um an die Shoa zu erinnern, in der Bundesrepublik ganz offiziell den 27. Januar, an dem die Rote Armee Auschwitz befreite, und, wenn wir verantwortungsvoll sind, jeden einzelnen Tag des Jahres, an dem wir verpflichtet sind, gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit  aufzubegehren und noch mehr zu arbeiten dagegen, doch der 9. November bleibt es in einem besonderen Maße.

In diesem Datum bündeln sich deutsche und gesellschaftliche Zusammenhänge: Die Novemberrevolution 1918, mit der die bis dahin einmalige Zivilisationskatastrophe des ersten Weltkriegs beendet wurde, aber gesellschaftliche, politische und internationale Konsequenzen unzureichend eingeleitet wurden. Der Hitlerputsch 1923 in München, dessen Alarmsignal überhört, missachtet wurde. Die antisemitischen Pogrome zwischen dem 7. und 13. November 1938 im nazistischen Deutschland und in Österreich, die unmissverständlich den Weg in den Zweiten Weltkrieg und zur Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden durch den deutschen Nationalsozialismus einleiteten, jenen Zivilisationsbruch, aber wohl eben auch eine Zivilisationskontinuität, die nun und endgültig das „einmalige“, beispiellose, unvergleichliche Zivilisationsverbrechen bedeuteten. Der 9. November 1989 schließlich, als sich ein geschichtlicher Kreis hoffnungsvoll öffnete, aber ich vergesse auch nicht, wie überrascht und erschrocken ich war, als die aus der Emigration nicht nach Deutschland zurückgekehrte Schwester meines Vaters mir in jenem November in London sagte: „Jetzt brauchen wir Juden wieder einen gepackten Koffer.“ Diese Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet. Und doch muss immer wieder, jeden Tag, auf sie zurückgekommen werden, eben damit sie sich nicht bewahrheitet.

Schon am 25. Oktober 1938 erhielt die Lagerleitung des KZ Dachau den Befahl, 5000 „Judensterne“ an Häftlingskleider zu nähen. Als in der Nacht vom 9. zum 10. November die Synagogen, Betstuben und Versammlungsräume der deutschen und österreichischen Jüdinnen und Juden brannten, ihre Wohnungen, Geschäfte und Unternehmen geplündert und zerstört, ihre Friedhöfe verwüstet wurden, Hunderte jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger von Mitbürgern tot geschlagen, aus Fenstern gestürzt, in den Selbstmord getrieben, gefoltert und vergewaltigt, 30.000 in den folgenden Tagen in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt wurden, war etwas zur Tatsache geworden, dass mehr als ein Jahrhundert zuvor der Jude, Deutsche, Dichter Heinrich Heine in seinem frühen Drama „Almansor“ vorausgesagt hatte. Almansor erzählt, wie der Koran ins Feuer geworfen wurde, worauf Hassan antwortete: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher / Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Zu jenem Zeitpunkt, 1820, als der junge Heine auch die deutsche Romantik verteidigte und für sie schwärmte, mag das bei ihm noch eine sehr allgemeine Überzeugung und die Reflexion geschichtlicher Tatsachen gewesen sein, dass die Kultur der Intoleranz und Bücherverbrennung unweigerlich mit einer Kultur der Menschenverachtung und –vernichtung verknüpft sein kann. Doch es ist schon für den sehr jungen Heine festzuhalten, dass er die allgemeine und die sehr besondere jüdische Erfahrung so bewusst auf einen spanischen Muslim überträgt. Heinrich Heine blieb wohl Zeit seines Lebens der deutschen Romantik künstlerisch verbunden, auch als er ihren ideologischen, ihren nationalistischen Grundlagen und möglichen politischen Konsequenzen mit einer einsamen Scharfsichtigkeit auf den Grund ging und eben diese, nein, nicht mit prophetischer, sondern mit analytischer Gewissheit angriff:

„Das Christentum – und das ist sein schönstes Verdienst – hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer…. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte … nehmt Euch in Acht! Ich meine es gut mit Euch, und deßhalb sage ich Euch die bittre Wahrheit. Ihr habt von dem befreiten Deutschland mehr zu fürchten, als vor der ganzen heiligen Allianz mitsammt allen Kroaten und Kosacken.“

Seine Schlussfolgerung liest sich als eine fast unglaubliche Vorausschau auf den Holocaust: „Aber siegt einst Satan (…), so zieht sich über die Häupter der armen Juden ein Verfolgungsgewitter, das ihre früheren Erduldungen noch weit überbieten wird …“

Heine, das wissen wir, das wusste er selbst noch viel, viel besser, war ein deutscher Dichter. Er urteilte nicht nationalistisch über DIE Deutschen. Er sah sie in zwei Hälften gespalten und lobte die „bessere … und schönere … Hälfte des deutschen Volkes“, doch es war die Hälfte, wie er sagte, „die keine Waffen trägt…“.

Darüber ist zu sprechen. Heute und immer wieder, auch wenn es uns „zu Asche im Munde“ wird, um ein geflügeltes Wort Bertolt Brechts zu verwenden. Nur darf es eben nicht Asche werden, sondern muss warme Glut bleiben.

Zu Heines Zeiten mag es auch im wörtlichen Sinne ein Problem gewesen sein, dass die Seite gegen den Chauvinismus keine Waffen besaß. Aber es ist auch kein Grund zur Beruhigung, dass Nazis, Antisemiten, Rassisten heute nicht mehr über das staatliche Militär herrschen. Die Niederlage des deutschen Nationalsozialismus und insbesondere die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen vor allem nach 1967/68 in der alten Bundesrepublik und der ambivalente aber starke Antifaschismus in der DDR haben tiefe Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen. Dennoch wissen wir, dass quer durch alle Gesellschaftsschichten, quer durch die Anhängerschaft aller Parteien, quer durch die Mitgliedschaft der großen Kirchen, der Gewerkschaften und zwar nicht unabhängig vom Bildungsniveau, aber bis hinein in die akademisch Gebildeten auch heute starke fremdenfeindliche, rassistische, antisemitische und autoritäre Orientierungen vorhanden sind.

Nach wissenschaftlichen Analysen stimmen in der Bundesrepublik stabil über 40 Prozent der Befragten einzelnen solcher Aussagen  oder sogar geschlossenen rechtsextremen Weltbildern zu. Nationale Abschottung und praktisch chauvinistische Selbst- und Weltsicht haben sogar weiter zugenommen. Selbst antisemitische Orientierungen werden von fast jedem zehnten Deutschen geteilt. Wie sehr sie daher nicht nur eine Gefahr sind, die vom extremrechten Rand der Gesellschaft, sondern auch von ihrer Mitte ausgehen, zeigen nicht nur die Positionen, die Thilo Sarrazin vertritt, sondern auch dominante aktuelle politische Diskussionen und Entscheidungen. Dazu gehören nach meiner Überzeugung die Auseinandersetzung mit islamistischem Fundamentalismus in Form von Kriegen in Afghanistan und dem Irak und dem Abbau von Freiheitsrechten in den Ländern des Westens ebenso wie der Versuch, die Finanz- und Eurokrise nicht mit gesellschaftspolitischen Veränderungen zu lösen, sondern durch Renationalisierung und deutsche oder deutsch-französische Dominanz in der Europäischen Union. Ganz zu schweigen davon, dass soziale Ausgrenzung und Demütigung, die schon bedrohliche und weiter zunehmende soziale Spaltung unserer Gesellschaft, weitaus mehr noch bildungspolitische Ausgrenzung und Spaltung sowie die Entdemokratisierung durch Verselbständigung der Finanz- und Wirtschaftsmächte sich als Nährboden für den Rechtsextremismus erweisen. Vielfach haben Nazis inzwischen ein stabiles Wählerpotenzial und eine rechtsextreme Jugendkultur verankert.
Wenn wir mit der Schärfe und Tiefgründigkeit eines Heinrich Heines analysierten, müssten wir nicht weniger alarmiert sein als er damals. Die vorhandenen Daten zeigen zwar eine abnehmende Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, aber in den Gründen, Unter- und Hintergründen unserer gesellschaftlichen Kultur verfestigen sich durchaus bedrohliche Tendenzen.

Wir alle kennen grauenvolle Bilder aus den faschistischen Vernichtungslagern, aus Babi Jar oder dem Warschauer Ghetto. Es ist kaum möglich, sie auch nur anzusehen. Doch es gibt Bilder, die ich noch weniger, die ich gar nicht ertragen kann. Vor einigen Jahren stieß ich auf das Bild eines berührend schönen und fröhlichen Kindergesichtes. Das Kind fährt mit einem Holzroller. Es ist das Gesicht eines fünfjährigen Mädchens aus dem Dresdner “Judenlager Hellerberg” von Anfang 1943. Wenige Tage nach der Aufnahme wurde das Lager aufgelöst. Diejenigen, die nicht für das Programm Vernichtung durch Arbeit in Frage kamen, darunter dieses Mädchen, wurden unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz “selektiert” und in den Gaskammern der Bunker I und II im Lager Birkenau ermordet. Sie, liebe Freundinnen und Freunde, wissen das. Aber wir wissen nicht einmal den Namen dieses Mädchens. So muss doch wenigstens das Entsetzen bleiben, was Menschen, wenn sie Rassisten sind, mit einem so zarten und vertrauensvoll blickenden Kind machen können. Ich habe drei Töchter, die jüngste ist gerade einmal so alt, wie es das Mädchen vom Hellerberg damals gewesen war. Ich bin nicht fähig und will nicht fähig sein, solche scheinbar alltäglichen Kinderbilder im Wissen um den späteren Mord zu ertragen. Doch ich bin fähig mit ihnen umzugehen. Toleranz ist ein großer menschlicher und politischer Wert. Sie muss mit allen unseren Kräften behütet werden. Und eben das schließt die Toleranz gegenüber Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit aus. Kompromisslos.

Das ist nur möglich, wenn die Anfänge erkannt werden und ihnen gewehrt wird. Die liegen tief in der europäischen und deutschen Geschichte und offensichtlich auch in ihrer Gegenwart. Dem beständig entgegenzutreten ist unabdingbar.

Das Kind auf dem Dresdner Hellerberg konnte nicht in die Zukunft sehen. Andere hätten das spätestens nach der Okkupation Österreichs und den Pogromen gegen die österreichischen Jüdinnen und Juden im Frühjahr 1938 gekonnt und gemusst. Aber sie verschlossen, vielfach wider besseren Wissens, die Augen. Auf der Konferenz von Èvian im Juli 1938 erklärte sich keines der 32 teilnehmenden Länder zur Aufnahme der bedrohten Jüdinnen und Juden bereit. Die Schweiz protestierte sogar offiziell gegen die – wörtlich – „Verjudung“.

Der koreanisch-japanische Autor Kaneshiro, Rassismus ist ja kein europäisches Alleinstellungsmerkmal schildert in seinem Roman „Go!“ das aktuelle Schicksal der Koreaner in Japan und lässt seinen Helden aufbegehren: “Ich sag’s noch mal. Ich bin kein Zainichi, ich bin kein Nord- oder Südkoreaner und auch kein Mongolide. Hört auf, mich in irgendeine Schublade zu quetschen. Ich bin ich.“ Dass alle Menschen sie selbst und solidarisch miteinander sein können, das ist unser klares Credo gegen rassistischen Dünkel.

Albert Camus endete in seinem Roman „Die Pest“ über das so ersehnte Ende der Seuche mit den Sätzen: „Während Rieux den Freudenschreien lauschte, die aus der Stadt aufstiegen, erinnerte er sich (nämlich) daran, dass diese Freude immer bedroht war. Denn er wusste, was dieser Menge im Freudentaumel unbekannt war, und was man in Büchern lesen kann, dass nämlich des Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, dass er jahrzehntelang in den Möbeln und in der Wäsche schlummern kann, dass er in Zimmern, Kellern, Koffern, Taschentüchern und Papieren geduldig wartet und dass vielleicht der Tag kommen würde, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“ Die Pest war Camus’ Metapher auf den Faschismus. Der Historiker Fritz Stern fügte daher hinzu: „Denen, die beim Abstieg des letzten Jahrhunderts in ein Inferno zu Opfern wurden, schulden wir ein bleibendes, ehrendes Gedenken, eine besonnene Wachsamkeit und das Wissen, daß der Bazillus, der sie tötete, nicht mit ihnen gestorben ist. Camus hatte recht.“

Antifaschistinnen und Antifaschisten treten dem Rechtsextremismus konsequent und in allen seinen Formen und Ursachen entgegen. Wir wissen, dass er sich auch in antislamischen, antitürkischen oder antipalästinensischen Erscheinungen Bahn brechen kann. Antifaschisten sind aber nicht nur Gegner der alten und neuen Nazis, Antisemiten, Rassisten und Nationalisten. Antifaschismus ist auch der leidenschaftliche Streit für individuelle Freiheit, für die Demokratisierung der Demokratie, umfassende Beteiligungsmöglichkeiten aller Menschen – Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ebenso wie Asylbewerberinnen und Asylbewerber, sozial Starker und sozial Bedrohter, Wahlberechtigter und Kinder und Jugendlicher an den Belangen unserer Gesellschaft.

Der gemeinsame Widerstand der Demokratinnen und Demokraten ist unbezweifelbar erforderlich und vielfach Realität. Doch er allein reicht nicht aus. Alltagsarbeit, persönliche, soziale, bildungspolitische und zuallererst reale demokratische Teilhabe der Menschen an den sie betreffenden Entscheidungen sind erforderlich. Tatsächliche und angebliche Ohnmachtsgefühle sind die größte Bedrohung einer demokratischen Gesellschaft, denn sie sind auch das wirkungsvollste Rekrutierungsmittel rechtsextremer Gruppen.

Und wenn schon die offizielle Politik den verantwortungslosen und abgrundtiefen Pessimismus ihrer angeblichen Alternativlosigkeit propagiert: Von Antifaschistinnen und Antifaschisten kann und muss, auch und gerade an einem Tag, der so bedrückende Nachdenklichkeit verlangt, demokratische Zuversicht ausgehen. Individuell und politisch. Das ist mehr, viel mehr, viel machtvoller als die Waffen, die Heinrich Heine bei den Gegnern des Nationalismus vermisst hatte.