André Brie

Wann wird die Pflege endlich gepflegt?

2.738.260 Menschen in der Bundesrepublik waren in der offiziellen Statistik der Bundesregerierung im Januar 2016 zur Pflegeversicherung als „Leistungsbezieher“ erfasst. Jede und jeder weiß, dass die Zahl steigt und mehr Pflegerinnen, Pfleger, Betreuerinnen, Betreuer und speziell ausgebildete Ärztinnen und Ärzte dafür erforderlich sind. Auch die Regierung diskutiert darüber und plant Erhöhungen. Familien und Freunde wissen, wie viel Liebe, Geduld, Aufwand, aber auch Verzicht und Niedergeschlagenheit damit verbunden sein können. Doch darüber möchte ich heute nicht schreiben.

Vor einer Woche saß ich zum Kaffee mit einer Pflegerin und einer Betreuerin aus Mecklenburg-Vorpommern zusammen. Ich werde weder ihre Namen, noch die Unternehmen beziehungsweise Vereine nennen. Nur so weit: Es waren gute Heime, in denen sie arbeiten. Eigentlich hörte ich eine Stunde nur zu, aber fast die ganze Zeit konnte ich eigentlich nur meinen Kopf schütteln. In Mecklenburg waren gerade Pflegeheime geschlossen worden, da die gesetzlichen Voraussetzungen nicht eingehalten wurden, stattdessen ging es den Betreibern ausschließlich um das Geldverdienen. Ähnliche Fälle gab es zur gleichen Zeit auch in anderen Bundesländern. Doch darüber schüttelte ich meinen Kopf nicht. Zum einen hatte ich davon bereits gelesen, vor allem aber ist mir seit langem klar, wie sehr es um das Geld im gesamten deutschen Gesundheitswesen geht. Es waren die persönlichen Erlebnisse der beiden Pflegerinnen, über die sie sprachen. Natürlich gibt es große Unterschiede in den Bundesländern wie auch in den Unternehmen. Die beiden, mit denen ich zusammensaß, bekommen nur den Mindestlohn, also 8,50 Euro je Stunde, obwohl sie ausgebildet sind und mit unterschiedlichsten kranken, dementen oder einfach sehr alten und pflegedürfteten Menschen zu tun haben. Ich weiß, dass in einer anderen Einrichtung, ganz in meiner Nähe, eine Nichtfachkraft deutlich mehr Geld erhält.

Doch noch immer habe ich mein Kopfschütteln nicht erklärt. Hören wir doch am besten diesen beiden Frauen zu, wenn sich die Regierung oder die Versicherungen nicht dafür interessieren, die Beteiligten nicht anhören: „Als Betreuerin dürfte ich mit den Bewohnern eigentlich nicht zur Toilette gehen, nicht ihnen beim Essen helfen, selbst wenn die dafür zuständigen Pflegerinnen selbst keine Zeit haben. Da manche sehr langsam essen, oder Schluckbeschwerden haben, stimmt die berechnete vorgeschriebene Zeit ohnehin nicht. Wenn sich einer ausweinen möchte, wiederholt, was er schon fünfmal gesagt hat, müsste ich ihn stehen lassen. Alles geht nach einer Theorie, die nichts mit der Praxis zu tun hat, nach vorgeschriebenen Zeiten und Bestimmungen, nicht nach den Menschen, die bei uns sind, uns benötigen, und deren Bedürfnisse sich ständig ändern. Zehn Minuten werden mir vorgegeben, um einen dementen Menschen der Pflegestufe 3 mal zu streicheln, seine Hand zu halten, zu ihm zu reden. Da verlierst du den Mut und die Motivation, außer, wenn du dich darüber hinwegsetzt, wie wir es tun. Es bedeutet aber auch, dass ich mehr Zeit brauche, die natürlich niemals bezahlt wird. Ich erlebe ein Durcheinander. Gerade Menschen mit Demenz benötigen eine Bezugsperson. So habe ich es gelernt, so sagen es die Ärzte, aber bei uns werden sie ständig gewechselt.“ Bei der anderen Pflegerin muss darüber hinaus jede Behandlung, jede Pflege zeitnah in den Computer eingegeben werden, so dass auch jeder längerer Kontakt mit einer der Patientinnen sofort auffällt und von der Leitung kritisiert wird. Als ich gehe, bin ich bedrückt und denke, dass die Pflege von Menschen in Deutschland, nicht die von Vorschriften und Geschäften, endlich gepflegt werden müsste, menschlich, nicht bürokratisch und einsparungsdominiert. Und ich frage, ob Artikel 1 des Grundgesetzes für diese Menschen nicht gilt?