André Brie
Beitrag für die Rosa-Luxemburg-Stiftung
Christa Luft

Christa Luft

Jeden zweiten Tag fahre ich durch Krakow am See. Am Ortseingang wird vom staatlichen anerkannten Luftkurort informiert. So werde ich drei- oder vier Mal in der Woche erinnert, ob ich will oder nicht, an Christa Luft, die hier am 22. Februar 1938 Jahren geboren wurde. Ob der Ort und seine Obrigkeit selbst an seine so bekannte Tochter erinnert, weiß ich nicht. Der anerkennende „Staat“ jedenfalls könnte die Kur durch das Denken, Arbeiten und Schreiben von Christa Luft dringend benötigen und „anne Luft gahn“, wie es auf dem hiesigen Plattdeutsch für Spazieren heißt, am besten heraus aus der staatlichen Selbstgenügsamkeit und seiner sozialen Arroganz. „Zuviel Luft ist immer besser als zuwenig.“ Das wusste Theodor Fontane. Franz Grillparzer hob hervor: „Das beste Mittel ist die frische Luft.“ Goethe ließ sogar rufen: „Luft! Luft! Clavigo!“ Wir Linken haben solche Luft.

Doch ich komme Christa Luft noch viel näher, jener Christa Luft, die ich bewundern lernte, wenn ich Friedrich Engels zitiere, der sein Bekenntnis der Arbeiterpartei für Freiheitsrechte 1865 mit dem Satz abschloss: „Ohne diese Freiheiten kann sie selbst sich nicht frei bewegen; sie kämpft in diesem Kampf für ihr eigenes Lebenselement, für die Luft, die sie zum Atem nötig hat.“

Als Wirtschaftsministerin in der Modrow-Regierung hat Christa Luft maßgeblich zu etwas beigetragen, dass ich damals als ein Wunder empfand: die Stabilität und Handlungsfähigkeit der DDR unter Bedingungen offener Grenzen, Abwanderung von Zehntausenden Menschen, deutsch-deutscher Einigungseuphorie, Zusammenbruchserwartungen. So eben begann ich Christ Luft, auch in der damaligen PDS kennen zu lernen, so brauchte die Partei sie wie die Luft zum Atem, so könnten Nachdenken über die heutige Politik der Bundesrepublik und deren Veränderung (Kur) sie benötigen. Christa Luft war und ist unbestechlich im Denken, in der Analyse, in ihrer Empirie, mit wissenschaftlicher und politischer Kompetenz, und als Mensch.

Wer mit Christa Luft diskutiert, hatte es nie einfach. Abgesehen davon, dass es Menschen mit ihr sowieso nicht einfach hatten, die nicht zuhören wollten oder konnten, ließ sie Sicherheiten nicht undurchdacht und unwidersprochen gelten. Doch wer sich darauf einließ und einlässt, hat auch Genuss und einen weiteren Blick. In einem langen Gespräch mit dem Deutschlandradion hat sie von sich selbst gesagt, nicht besonders renitent gewesen zu sein. Doch ich habe sie genussvoll renitent erlebt und begonnen zu lernen, sie eben auch so zu achten und zu lernen, zu mir selbst zu finden.

Dort, wo Christa Luft aufwuchs, in Krakow und Wismar, kann man bis zum Horizont blicken. „Ein Paradies“, zitierte sie selbst Fritz Reuter. Doch wer mit Christa Luft blicken mag, kann gar über Horizonte in einem selbst und in der Gesellschaft hinaus sehen.
Danke, liebe Christa Luft.