André Brie

Rezension für das „Neue Deutschland“

Stephan Hebel: Deutschland im Tiefschlaf. Wie wir unsere Zukunft verspielen, Westend Verlag, Frankfurt/Main 2014

Stephan Hebels ist ein prominenter Journalist. Dass er zuhören, sehen und sprechen kann, hat er nicht zuletzt als Mitglied jener Jury längst bewiesen, die das „Unwort des Jahres“ verkündet. Sein Buch „Deutschland im Tiefschlaf. Wie wir unsere Zukunft verspielen“ handelt nicht zuletzt davon, dass von den drei siamesischen Affen in Deutschland, jene ungeheuer viel Nachwuchs in der Politik und den Medien erhalten haben, die nicht sehen und nicht hören, während jener, der den Mund hält, ausgestorben ist. Es scheint in der Natur zu liegen, dass gerade jene am liebsten reden, die nicht hören und sehen, was ihnen nicht passt. Hebel weist überzeugend und mit unendlichen Quellen nach, dass dadurch in der Bundesrepublik auch die längst erforderlichen und möglichen Veränderungen, Reformen, Alternativen verschlafen werden. Jenen, die gerade deswegen hellwach und unruhig sind, sei dieses Buch dringend empfohlen.

Stephan Hebel analysiert, begründet und belegt mit Fakten, Zahlen und Zitaten in vier großen Kapiteln, wie erstens die herrschende Politik und die Medien „uns in den Schlaf wiegen“; zweitens die große Koalition „gemeinsam den Weg der Reformverweigerung“ geht, die SPD den Anspruch ihres eigenen „Regierungsprogramms“ aufgab, wichtige Teile der Grünen mit Schwarz-Grün liebäugeln, Die Linke sich als „Opposition allein zu Haus“ gefällt; drittens in der Gesellschaft ebenso wie in Europa eine gefährliche „Politik des Stillstands“ durchgesetzt wird; viertens es „Zeit für die nächste Wende“, für „Protest und Widerstand“ ist. Was der Autor für die sozialdemokratischen Wahlaussagen überzeugend feststellt, wäre ebenso für eine wirkliche politische, sozial-, wirtschafts- umweltpolitische Alternative und ihre kulturellen, bildungs- und medienpolitischen Voraussetzungen gültig: „Zu Ende gedacht wäre das nämlich nur mit einer Überwindung des kapitalistischen System in seiner heutigen Form zu überwinden…“ Doch ebenso hat er meiner Meinung nach Recht, wenn er fordert: „Dass es der Linkspartei gelingt, glaubwürdige Alternativen zur Stillstandspolitik der großen Koalition zu entwerfen und damit möglichst mehr Menschen zu überzeugen als die bereits Überzeugten…“

Das größte und schwierigste Problem für Die Linke, aber für gesellschaftlichen Widerstand und die „Widergewinnung des Politischen“ überhaupt scheint mir eben auf einem Feld zu liegen, dem sich auch Hebel praktisch nicht zuwandt. Er griff scharf und sehr argumentativ ein Wirtschaftssystem an, „das dazu neigt, aus Bürgern Konsumenten und aus sozialen Wesen Einzelkämpfer zu machen“ und die Politik, „die sich diesem System weitgehend anpasst und den notwendigen Umbau verweigert“. Wenn er an anderer Stelle aber zu Recht darauf verwies, dass Deutschland „auf dem Weg in eine sozial gespaltene Demokratie“ ist, wäre es auch erforderlich, sich damit zu befassen, dass immer mehr der „Einzelkämpfer“ längst nicht mehr kämpfen, nicht wählen und nur sehr eingeschränkt kommunizieren. Die Demokratie ist nicht einfach nur gespalten, sie hat Millionen ausgeschlossen. Und die Zahl nimmt zu. Dazu gehört allerdings auch, dass sie sich durch Nichtwahl, Mutlosigkeit oder Gleichgültigkeit selbst ausschließen. Viele von ihnen sind am stärksten von der Aufgabe sozialstaatlicher Politik betroffen. Wenn es sozialkritischen Parteien, Protesten und Widerstand nicht gelingt, sie zu erreichen, ihnen Zuversicht und eigene Aktivität zu vermitteln, wird wohl die gesamte Alternative auf Sand gebaut bleiben. Ich persönlich wäre gerade bei einem so kompetenten und überzeugenden Autor wie Stephan Hebel froh, wenn er sich vielleicht mit dem nächsten Buch dieser Frage zuwenden würde. Ungeachtet dessen, müsste sie – so schwierig es auch ist – ohnehin endlich in das Zentrum von praktischen Überlegungen jenseits von Wahlprogrammen, Parlamentsinitiativen und Medienarbeit zur Überwindung des Marktliberalismus rücken.