Kolumne für „Disput“

Im August 1990 erklärte Norbert Blüm in Gdansk: „Karl Marx ist tot, Jesus lebt.“ Ich hielt schon damals diesen Spruch für kurzsichtig und dumm. Dass Jesus und Gott leben müssen, auch Buddha, Allah und Adona, der Ewige, (die Juden sprechen aus Ehrfurcht vor Gott seinen Namen nicht aus) war auch einem Atheisten wie mir von Kindheit an klar. Aber Blum war damals bei weitem nicht der einzige, der das Ende der Geschichte gekommen sah. Heute, ich bin sicher, würde Blüm seine Worte nicht wiederholen. Alles, was ich von ihm höre oder lese, spricht dafür, dass er inzwischen weiß, dass Jesus nur mit Karl Marx zusammen leben kann. Kurz vor seinem 200. Geburtstag hat Karl Marx selbst in den bürgerlichen Medien geradezu eine Renaissance, und er überließ mir einen Brief, den er Euch schon immer schreiben wollte. Für die zum Teil drastische Sprache, kann ich selbst nicht:

„Mein lieber Freund“[1]:

„Es ist eine wahre Schande, dass ich Dir noch nicht geschrieben habe…“[2] „Ihr kennt Falstaffs Urteil über alte Männer. Sie sind alle Zyniker. So werdet Ihr Euch nicht wundern, wenn ich die feststehende Tatsache übergehe, dass ich so lange geschwiegen habe.“[3]

„Ich habe in diesen Tagen keinen Augenblick Zeit, um ausführlicher zu schreiben. Ich beschränke mich auf das Nötige.“[4] „Nachstehende kritische Randglossen zu dem Koalitionsprogramm…“[5] „Glückauf zur jüngsten Musterung der sozialdemokratischen Streitkräfte in Deutschland.“[6]  „Diese Kerls sind wahre Wachlappen.“[7] „Aber die Krise naht heran.“[8] „Die Zeiten sind stürmisch, die in nächster Zukunft bevorstehen.“[9] „Die Gesellschaft findet nun einmal nicht ihr Gleichgewicht, bis sie sich um die Sonne der Arbeit dreht.“[10] „Die Finanzaristokratie, in ihrer Erwerbsweise wie in ihren Genüssen, ist nichts als die Wiedergeburt des Lumpenproletariats auf den Höhen der bürgerlichen Gesellschaft.“[11] “Das in der Tat ist die Signatur aller Vulgärökonomie.“[12] „Der Skandal daher um so bedeutsamer.“[13] „Unsere Leute in Deutschland sind doch miserabel schlaffe Hunde.“ [14]„Drauf hin, aber in lustiger Manier.“[15] „Du wirst zugeben, dass diese Gesamtscheiße passablement angenehm ist und dass ich bis an die Wirbelspitze meines Schädels im kleinbürgerlichen Dreck stecke.“[16] „Ich werde ihnen den Kopf waschen, aber der Unsinn ist da!“[17]

„Beinahe hätte ich die Hauptsache vergessen.“[18] „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.“[19]  „Was die Handelsgeschichte angeht, so werde ich nicht mehr klug daraus.“[20] „Das alles ist nun Scheiße, aber ich fürchte, dass der Dreck einmal mit Skandal endet.“[21] „Die Sache steht nämlich so:“[22] „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in den denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“[23]

„Ich denke, die deutschen Frauen müssten damit anfangen, ihre Männer zur Selbstemanzipation zu treiben.“[24]

„Und nun für diesmal genug.“ [25]„Du musst die Kürze dieser Zeilen entschuldigen, da der Brief sofort zur Post muss.“ [26] „Lass bald von Dir hören.“[27] „Mit herzlichem Gruß, Dein Karl“

 

 

[1]    33, S. 245

[2]    33, S. 103

[3]    32, S. 591

[4]    27, S. 119

[5]    34, S. 137

[6]    34, S. 242

[7]    MEW, Bd. 28, S. 224

[8]    34, S. 44

[9]    29, S. 551

[10]  7, S. 570

[11]  4, S. 15

[12]  34, S. 67

[13]  35, S. 27

[14]  28, S. 231

[15]  34, S, 5

[16]  27, S. 227

[17]  33, S. 59

[18]  MEW, Bd. 28, S. 462

[19]  34, S. 137

[20]  28, S. 21

[21]  28, S. 30

[22]  28, S. 207

[23]  1, S. 385

[24]  32, S. 581

[25]  34, S. 478

[26]  34, S. 388

[27]  28, S. 244