Zum 90. Geburtstag von Prof. Dr. Wilhelm Ersil

Dass Prof. Dr. Wilhelm Ersil schon 90 Jahre alt werden soll, ist für mich nur schwer zu verstehen. Dass ich mit Herz und Kopf bei ihm bin, soll er wissen und weiß es ohnehin. Über ihn müsste man wohl eine Dissertation schreiben. Am damaligen Institut für Internationale Beziehungen gab es unter den Professoren nicht allzu viele, die wissenschaftlich, theoretisch und empirisch tatsächlich herausragten. Dem mit meinem Beitrag für ihn gerecht zu werden, werde ich nicht schaffen. Ohnehin möchte ich ziemlich persönlich und gerade hinsichtlich meiner wissenschaftlichen Entwicklung – Willi Ersil war nicht nur mein Lehrer, sondern wurde auch mein Doktorvater – noch selbstkritisch werden. Bevor ich dazu komme, muss ich etwas erwähnen, was mich sehr stark zu prägen begann und genau damit zu tun hatte. Es muss noch im Studium 1971 bis 1976 gewesen sein. Ich weiß nicht mehr, ob ich es war oder ein anderer Student, der bei der Diskussion über die damalige EWG, Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (Willi Ersil leitete am Institut für Internationale Beziehungen die Abteilung Westeuropa),  Lenin zitierte, dessen Einschätzung über die europäische Vereinigung stereotyp verwendet wurde, „die Vereinigten Staaten von Europa (seien) unter kapitalistischen Verhältnissen entweder unmöglich oder reaktionär“.[1] Zum anderen argumentierte Lenin auch, dass Vereinigte Staaten von Europa „gleichbedeutend mit Übereinkommen über die Teilung der Kolonien“[2] seien. Die Vereinigten Staaten von Europa könnten daher lediglich darüber möglich sein, „wie man gemeinsam den Sozialismus in Europa unterdrücken, gemeinsam die geraubten Kolonien gegen Japan und Amerika verteidigen könnte…“[3] Jedenfalls wandte sich Professor Ersil gegen diese Einseitigkeit und Vereinfachungen. In meiner Partei, Die Linke, existiert sie bei Kritikern und Gegnern der europäische Vereinigung aber bis heute. Im Herbst 2012 musste ich in Potsdam einen Vortrag über die Europäische Union halten, dem sich eine Diskussion anschloss. Ich war längst ein zwar kritischer aber völlig überzeugter Anhänger der europäischen Vereinigung und bekam aus dem Publikum entsprechend heftigen Widerspruch, das Lenin-Zitat eingeschlossen. Als ich entgegnete, verwies ich auch auf diese Erinnerung an Ersils Überzeugung 40 Jahre früher. Willi war auch bei dieser Veranstaltung in Potsdam dabei und wird noch wissen, dass er mich im Anschluss daran dankbar ansprach. Doch dankbar muss ich selbst sein. Abgesehen von der Haltung zur (west-)europäischen Einigung erhielt ich durch ihn auch den ersten und bleibenden Eindruck, was theoretische und redliche Wissenschaftlichkeit bedeuten kann und sein muss.

Den Namen Wilhelm Ersil hatte ich schon vor meinem Abitur zum ersten Mal gelesen, als ich mir die acht Bände der „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“[4] gekauft hatte. Vom „Autorenkollektiv“ sagten mir aber nur die Namen von Walter Ulbricht, Friedrich Ebert, Ernst Engelberg, Kurt Hager, Bernhard und Wilhelm Koenen sowie Hanna Wolf etwas. Unter den weiteren Autoren stand jedoch auch Wilhelm Ersil, der mir damals nichts sagte. Doch als ich mein Studium am IIB 1971 begann, hatte ich ihn eigenartigerweise nicht vergessen.  Aber vielleicht fiel es mir auch später wieder auf. Als Student am IIB muss ich gut oder sehr gut gewesen sein, aber außer über die Auseinandersetzungen in meiner, der 2. Matrikel habe ich darüber nicht sehr viele Erinnerungen. Willi Ersil, dass weiß ich, war ein anspruchsvoller, aber auch geduldiger, argumentativer und sehr konkreter Professor. Ganz anders war er aber auf einem völligen anderen Gebiet, und jetzt werde ich, lieber Willi, ausschließlich persönlich. Damals wohnten er und seine Frau Inge direkt neben unserem Studentenheim. Inge war sowieso auch eine unserer Sportlehrerinnen, -lehrer. Und Willi Ersil spielte sehr gern Volleyball. Oft, wenn wir im Garten selbst spielten, kam er herüber, um sich zu beteiligen. Da aber war er nicht mehr der tolerante Hochschullehrer. Vor allem, wenn ich in seiner Mannschaft war, und ich war ein schlechter Spieler, konnte er explodieren. Im Volleyball konnte er nicht verlieren, und schuld war ich oft. Spielten wir gegeneinander, mag er meine Fehler genossen haben.

Seit 1976, als ich Mitarbeiter, Assistent, in der Abteilung von Willi Ersil wurde, und er meine A-Dissertation betreute, lernte ich ihn viel näher kennen. Wenn ich heute in meine erste Dissertation schaute, vermute ich, dass er lieber froh wäre, seine Doktorvaterschaft leugnen zu können. Ich hatte von wissenschaftlicher und theoretischer Arbeit immer noch nichts begriffen. Es war nur eine Fleißarbeit, erst mit einer B-Dissertation war ich vielleicht tatsächlich einigermaßen dort, wohin er mich bringen wollte, und nur er hat mich auch dorthin gebracht. Aber nach meinem UNO-Stipendium über Abrüstung 1980 verließ ich seine Abteilung, um ausschließlich über Abrüstung zu forschen und zu schreiben. Es war das einzige Mal, dass er erlebbar enttäuscht war, und es mir übel nahm, dass ich wechselte. Doch in den siebziger Jahren vorher saßen wir stundenlang in dem Arbeitsbüro seiner Wohnung, um über meine Arbeit zu sprechen. Nur seine Frau mit dem Ruf nach Essen konnte uns stoppen. Welcher Doktorand oder Student könnte heute noch so etwas erleben?

Ich muss über Willi Ersil noch weiteres erzählen. Ein paar Monate in den späteren 80er Jahren waren wir gemeinsam in der SED-Parteileitung des Instituts, als ein Mitarbeiter wegen Witzen über das Politbüro-Mitglied Günther Mittag, die jeder andere auch kannte und erzählte, heraus geschmissen werden sollte. Willi und ich waren die beiden einzigen, die dagegen stimmten. Es klingt heute wie eine Lappalie, damals erforderte es (nicht für mich, aber für einen Abteilungsleiter) einen beträchtlichen Mut. Da waren wir uns auch wieder näher oder nahe gekommen. 1988 und erst recht mit der „Wende“ und danach waren wir es ohnehin. Nach dem Massaker in Peking erklärte uns mein damaliger Abteilungsleiter, es ginge nun um alles, und wir müssten in der SED gegen den Westen noch mehr zusammen und konsequenter sein. Prof. Dr. Willi Ersil allerdings wusste, dass es zu Ende ging. Auch er litt darunter, aber er war Realist. Er war ideologisch, doch niemals jenseits von Wissenschaft und Empirie. Spätestens 1990 wurden wir wirkliche Freunde. Ich habe, vielleicht mit Ausnahme von Professor Peter Brandt, niemals einen Wissenschaftler erlebt, der dermaßen treu sein konnte wie er und seine Frau. Bis heute, und es soll so lange wie möglich bleiben. Dass, lieber Willi, wünsche ich Dir und uns beiden. Ansonsten, wer die zahlreichen oder zahllosen Veröffentlichungen von ihm lesen, nachverfolgen und von ihm und ihnen lernen möchte, wird weit bessere Möglichkeiten als eine solche Rezeption für diesen seltenen Wissenschaftler und Intellektuellen finden können. Ich könnte nur empfehlen, sie zu lesen und zu nutzen.

[1]W. I. Lenin: Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa, in: Werke, Band 21, Berlin 1974, S. 343

[2]ebenda, S. 344

[3]ebenda, S. 345

[4]Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED, Geschichte der deutschen Artbeiterbewegungf. In acht Bänden, Berlin 1966