André Brie

Folgen und Bleiben

Beitrag für die »Junge Kirche«

Erlauben Sie mir sehr persönlich zu sein, wo sonst, wenn nicht in solcher Zeitung, und letztlich: Wo nicht, wenn nicht im eigenen Leben.
Nachfolgen können oder müssen, wird für jeden Menschen eine geradezu existenzielle und individuelle Notwendigkeit sein. Wie kann ich denn ohne meine Eltern und auch die Ur- und Großeltern bestehen, ohne sie gehen, ihnen folgen, verfolgen, immer wieder auf sie zu treffen, gerade wenn ich nicht nur dort sein und bleiben möchte, wo sie waren?
Jedes Jahr im November trifft sich die ganze, wirklich die ganze Familie, selbst die längst geschiedenen Frauen und Männer, um dreißig oder vierzig Stollen nach einem Rezept meiner Ururgroßmutter aus dem Erzgebirge vorzubereiten. Überkommen ist es uns durch Urgroßmutter, die ich noch kennengelernt hatte. Tante nannte ich sie, denn meine unehelich geborene Großmutter in Dresden war als die angebliche Schwester ihrer eigenen Mutter aufgewachsen. Auch im Alter hatte meine Oma nie überwunden, so „illegitim“ zur Welt gekommen zu sein. Selbst wir Enkelkinder, lange bevor wir davon wussten, spürten, dass sie es der eigenen Mutter offensichtlich nicht verziehen hatte.
Inzwischen leben die Ururururenkelinnen und –enkel und erfahren davon und von jener lange vergangenen Zeit und Kultur. Und dass mein Vater das faschistische Deutschland nur deshalb überlebt hat, weil seine jüdischen Eltern schon 1933 aus Deutschland geflohen waren, weil mein Großvater eben nicht nur Jude, sondern auch Kommunist gewesen ist. Das war schon zum Beginn der Nazizeit zu viel. Alle anderen, unpolitischen Familienangehörigen blieben in Deutschland und wurden dort vernichtet.
Nachfolgen – auf die eine oder andere Weise konnten wir gar nicht aufwachsen, aufwachen, aufdenken, wenn man so will, ohne uns des Herkommens irgendwie bewusst zu werden und gezwungen zu sein, über das Nachfolgen nachzudenken, zumal und erstrecht, wenn dem auch sehr viel entgegen stand. Westemigrant und jüdisch gewesen zu sein, war in der SED und DDR einige Jahre lang auch für einen kommunistischen Antifaschisten alles andere als ein positiver Ausweis. Auf der „anderen“ Seite, in Großbritannien, blieb die Schwester meines Vaters. Sie war weder bereit noch fähig, in jenes Deutschland zurückzukommen, in dem die ganze Familie umgebracht worden war. Kurz vor ihrem Tod konnte ich sie nach dem Mauerfall in London besuchen. So wenig sie für die DDR übrig hatte, ein vereinigtes Deutschland ängstigte sie. „Jetzt benötigen wir Juden wieder einen gepackten Koffer“, sagte sie mir, und wieder einmal verstand ich etwas kaum und musste zurückdenken.
Doch es gibt ohnehin kein wirkliches Nachfolgen, das nicht verlangte und nur Sinn macht, wenn man nicht auch weitergehen und den eigenen Weg gehen möchte, und das gilt für jedes eigene Leben ebenso wie für die Politik. Als die DDR wie ein Kartenhaus zusammenbrach, erlebte ich manche Freunde verzweifelt und mit Tränen, obwohl die Defizite, Fehler und Unfähigkeiten unseres Landes und seines Systems lange vorher bereits erkennbar und erlebbar gewesen waren. Die DDR und ihre „Brüderstaaten“ haben viele Menschen gebrochen, missachtet, verstoßen, und eigene Ansprüche, Hoffnungen und Möglichkeiten einer gesellschaftlichen Alternative gleich damit. Doch es waren und blieben da auch andere Erfahrungen und tiefe Überzeugungen. Nein, nicht nur Christinnen und Christen kennen die Herausforderung von Nachfolge, und Sozialistinnen und Sozialisten, die ihre Idee, Geschichte und ihre Legitimität kennen, werden sich auch des Reichtums sozialistischer und kommunistischer Visionen ebenso bewusst sein können, wie dem ganzen sozialen, kriegerischen, elenden Ausmaß, aus dem sie entstanden und, ja, bestehen bleiben.
Dorothee Sölle polemisierte vor zwei Jahrzehnten gegen den Triumph, dass Marx tot sei und Jesus lebe. Sie bestand darauf, dass Moses Botschaft „Du sollst nicht morden“, Jesus mit „seiner absurden Idee“, die Feinde nicht wegzubomben, sondern sie zu lieben, und Karl Marx, der „alle Verhältnisse, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, umwerfen wollte, gemeinsam benötigt werden.
Als sich Ende 1989 die SED nicht auflöste, sondern aus sie – in Nachfolge und mit tiefem Bruch zugleich, zumindest dem Anspruch nach solchem Bruch – eine alte und neue Partei bildete, war viel weniger vom Sozialismus übrig geblieben, als viele ihrer Mitglieder wahrgenommen hatten, doch geblieben war auch etwas, dass viel reicher und bleibender war: das Aufbegehren der Hussiten und Böhmischen Brüder, von Thomas Müntzer, die „Drei Artikel“ des „Armen Konrad“, der Protest des frühen tschechischen „Gleichheitskommunisten“ (Kautsky) Peter Chelčicky, der Quäker, oder eben die Vorstellungen von Rousseau, Fourier, Owen, Moses Hess, Wilhelm Weitling, Marx und Engels, Rosa Luxemburg, der linken Antifaschistinnen und Antifaschisten. Dorothee Sölle mag auch an das Ausmaß solcher Traditionen gedacht haben. Warum soll eine linke Partei nicht auch erinnert sein und daran erinnern, dass zu solchem Herkommen, Bleiben und Weitergehen, beispielsweise die so alte und so brennend aktuelle Erkenntnis von Charles Fourier gehört, die zu Recht auf die europäische Finanzkrise, deren Ursachen und das zerstörerische Umgehen mit der Wirtschaft und Gesellschaft Griechenlands scheint, dass „schon der (Export-) Überschuss von Waren (genügt), um Bankerotte und die äußerste Beunruhigung der Märkte und Fabriken hervorzurufen.“
Die in Wien arbeitende Sprach- und Kulturwissenschaftlerin Larisa Schippel verwies kürzlich auf den kubanischen Ethologen Fernando Ortiz, der 1940 schrieb, „Fortschritt hängt bekanntlich davon ab, dass wir nicht einfach vergessen, was man schon wusste.“ So nachzufolgen wird persönlich und politisch gleichermaßen die Fähigkeit zu weitreichender (Selbst-) Kritik ebenso Fortsetzung, Nichtstehenbleiben, Weitergehen erfordern.