André Brie

Es ist verständlich, dass viel Erinnerungsliteratur oder Selbstbiografien als Bücher nur deshalb gedruckt werden, weil die Autoren ein eigenes Buch möchten und der Familie hinterlassen möchten. Dass solche Bücher auf eigne Kosten veröffentlicht werden, ist ebenfalls normal. Doch dass Ilse Panzers Töchter, dieses Buch für den 93. Geburtstag ihrer Mutter am 2. August 2014 selbst drucken lassen mussten, ist glücklich für Ilse Panzer und  traurig für den deutschen Büchermarkt, der die Bestseller aufwendig (und profitabel) bewirbt und wichtige Literatur nicht selten zum Schweigen bringen lässt.. Ich selbst habe das Buch nur kennengelernt, da es mir die so heiter junge Frau es zu ihrem eignen 93. Geburtstag mir zum Geschenk machte. Seit ich es gelesen habe, muss ich über dieses Buch ich sprechen, damit es von den Richtigen gelesen wird. Dann wird es auch für sich selbst reden können, Herzen, Verstand und Freude an uneitler Sprache erreichen.

Ilse Panzer hat die Tagebücher und Erinnerungen ihrer Mutter und über sie, die Kommunistin Frieda Skamira, zusammengestellt. Herausgekommen ist eine sehr persönliche und sehr politische Geschichte fast über ein ganzes Jahrhundert. Ich lernte Ilse Panzer im emotionalen Jahr 1990 im mecklenburgischen Sternberg kennen, war sofort und blieb von ihr fasziniert. Sie erzählte mir, dass ihr Vater, der kommunistische Reichstagsabgeordnete Willi Skamira, am 22. Januar 1945 von den Nazis in Brandenburg hingerichtet, während  ihre Mutter im April aus dem Frauengefängnis Berlin „beurlaubt bis auf weiteres“ wurde. Genossen aus Landsberg brachten Ilse Panzer zur sowjetischen Kommandantur- „wir können Willis Tochter nicht allein lassen.“ Dass sie den 8. Mai 1945 als einen Tag der Befreiung erlebte, muss man nicht sagen. Doch fünfundvierzig Jahre später, schrieb sie in ihr eigenes Tagebuch, dass sie mir schenkte am 3. Oktober 1990: „Das ist mein zweiter Tag der Befreiung.“ Ich erinnere mich gut, wie viele Genossinnen und Genossen und Freunde aus meiner Umgebung Ende 1989 und danach verzweifelt und mutlos waren oder weinten. Ilse Panzer, die vielleicht jeden Grund gehabt hätte, das Ende der DDR ausschließlich als Niederlage zu spüren, empfand anderes. Ich habe es in Diskussionen und Veröffentlichungen mehrfach zitiert, um auch anderen Menschen den Blick nach vorn zu erleichtern.

Mit diesem Buch über ihre Mutter habe ich noch viel mehr und sehr Konkretes über sie, ihre Eltern, Kleinbauern, Schnitter und solche Kommunisten erfahren. Vielleicht ist der Kommunismus alter und staatlicher Prägung tatsächlich tot. Der Kommunismus von Willi und Frieda Skamira, der kommunistischen Landarbeiter und Ilse Panzer sind es nicht, können es nicht sein. Ilse Panzer schreibt gerade an einem Manuskript über die Kirchenpolitik der SED: „Ich nehme an, es wird noch fast ein Jahr dauern, bis alles fertig ist.“ Ilse, möchte ich ihr sagen, lass Dir noch viel Zeit. Nur wir sollten uns keine Zeit lassen, ihr Erinnerungsbuch über ihre Mutter zu lesen.

Ilse Panzer: Kinder. Das bleibt noch nicht so, Edition Freiberg, Dresden 2014