André Brie
Interview mit der Freien Presse vom 9. September 2019

Freie Presse: Herr Brie, die Linke ist bei den Wahlen in Sachsen und Brandenburg abgestürzt. Hatte Ihre Partei nur die falschen Kandidaten oder liegen die Ursachen tiefer?

André Brie:  Es geht nicht um Personen. Es geht auch nicht um eine andere Politik, denn die Linke hat die richtigen Antworten. Es geht um eine andere Kultur in der Partei und darum, jene Menschen in Ostdeutschland zu erreichen, die früher ein politisches Ventil in der PDS fanden. Heute fehlen alle Voraussetzungen hierfür, angefangen von der Alterststruktur im Osten bis hin zur Existenz der AfD.

Freie Presse: Was meinen Sie mit einer anderen Kultur?

André Brie: Früher hatte die PDS versucht, in die Gesellschaft auszustrahlen. Sie hat mit Musikern wie Rio Reiser und Gundermann zusammengearbeitet, mit Wissenschaftlern und Intellektuellen. Nichts davon ist mehr übrig. Die Linke bemüht sich nicht mehr um solche Bindungen. Es geht nur noch um Dinge, die ich PPP nenne.

Freie Presse: PPP?

André Brie: Programme, Papiere, Pressemitteilungen. Die Linke hat sich in den Parlamenten festgesessen. Was dagegen wirklich nötig ist, wären kreative, mutige Aktionen mit prominenten Unterstützern. Aber das gibt es nicht mehr. Wie sollen wir nach außen glaubhaft vermitteln, dass wir diejenige Partei sind, die den Mutlosen Mut macht?

Freie Presse: Hätten Sie eine Idee?

Brie: Eine? Wie wäre es im kommenden Jahr mit einer öffentlichkeitswirksamen, bundesweiten Aktion der Linken gemeinsam mit den Toten Hosen und Campino zum 100. Jahrestag des konterrevolutionären Kapp-Putsches zu Beginn der Weimarer Republik, um damit gegen den putsch von US-Präsidenten Donald Trump gegen internationale Verträge 8und das Klima zu protestieren? Wie wäre es in Zeiten von Wohnungsmangel mit einer neuen Genossenschaftsidee der Linken? Um auf das Schicksal von Migranten aufmerksam zu machen, können auf Flüssen und Seen in ganz Deutschland symbolisch Flüchtlingsboote fahren. Verstehen Sie, mir fehlt bei meiner Partei die Sinnlichkeit, die sie früher hatte. Die Linke ist eine spröde Papierpartei geworden. Und sie vergisst obendrein ihre eigenen guten Ideen.

Freie Presse: Woran denken Sie da?

Brie: Ein Beispiel: Die Linke hatte schon vor 20 Jahren die Idee einer Sonderwirtschaftszone für die Lausitzer Kohleregionen. Es war schon damals dort ein tiefer Strukturwandel. Aber was hat die Linke gemacht? Sie hat ihre eigene Idee in der Schublade verkommen lassen und hat das Thema verschlafen. Jetzt schauen wir zu, wie andere Parteien diese Idee aufgreifen, und die Idee eines Staatsvertrages zwischen Sachsen und Brandenburg besteht gar nicht mehr.

Freie Presse: Welchen Stellenwert messen Sie der Migrationsdebatte bei. Linksfraktionschefin Sahra Wagenknecht sagt, es sei keine linke Position, alle Flüchtlinge nach Deutschland zu holen.

Brie: Sahra Wagenknecht hat völlig recht in diesem Punkt. Wir können nicht alle aufnehmen. Aber gleichzeitig müssen wir solidarisch sein. Deutschland kann die Flüchtlinge nicht den Ländern am Mittelmeer überlassen, denen wir durch die Änderung des deutschen Asylrechts sie allein aufgezwungen haben, und auch nicht jenen Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen. Meine eigene kommunistische, jüdische Familie hat während der NS-Zeit erfahren, wie wichtig es ist, als Verfolgte Schutz in einem anderen Land zu finden. Ich wünschte mir, Sahra Wagenknecht begriffe auch diese Seite der Asylpolitik.

Freie Presse: War Wagenknechts Bewegung „Aufstehen“ ein Versuch, wieder mehr Protestbewegung zu wagen?

Brie: Nein. Ich habe die Bewegung von Anfang an für einen Fehler gehalten, denn sie hätte die Linke gespalten. Aber diese Einwände wollten Sahra Wagenknecht und ihr Mann Oskar Lafontaine nicht hören.

Freie Presse: Linke-Chef Bernd Riexinger hat mehrfach auf die Wahlerfolge der Linken in Großstädten verwiesen, auch im Westen. Ist das denn nichts?

Brie: Doch. Wir regieren sogar erstmals in einem westdeutschen Bundesland, in Bremen. Trotzdem leide ich darunter, dass uns der Osten entgleitet. Dabei hat er nach wie vor so viele besondere Probleme, etwa bei Löhnen und Rente. Trotzdem werden wir offenbar nicht als diejenigen angesehen, die die Lösungen für Ostdeutschland bieten. Auch das trauen viele eher der AfD zu. Die AfD erreicht die Menschen inzwischen besser als wir. Sie ist im Osten das Ventil geworden, das früher meine Partei war. Die Linke hat die Menschen enttäuscht. Und ich frage mich, warum die Linke nicht darum kämpft zu zeigen: Wir sind die ‚Alternative für Ostdeutschland‘?

Freie Presse: Ihre Partei hat den Ostdeutschen über viele Jahre gesagt, sie seien gegenüber den Wessis benachteiligt, und war damit erfolgreich. Nun sagt die AfD den Ostdeutschen, sie seien gegenüber Migranten benachteiligt. Ebenfalls mit Erfolg. Der Mechanismus ist doch ähnlich.

Brie:  Wir haben immer über Inhalte gewirkt, nicht wie die AfD über Ressentiments. Zudem war die Partei zu PDS-Zeiten überall im Osten in der Fläche vertreten, in allen Vereinen und Kommunen. Jetzt ist das nicht mehr so. Drum  müssten wir endlich wieder unseren Hintern bewegen, um die Menschen zu erreichen.

Freie Presse: Wird das jetzt passieren?

Brie: Ehrlich gesagt, ich sehe es nicht.

Das Interview führte Alessandro Peduto

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