Karl meets Albert-Büste
Enthüllung der „Karl meets Albert“-Büste von Thomas Jastram in Wooster Teerofen

Als Albert Einstein an einem seiner Geburtstage lange fotografiert wurde, steckte er seine Zunge aus. Es wurde das berühmteste Bild von ihm.

28 Jahre nachdem Karl Marx geistig, politisch und wissenschaftlich tot erklärt wurde, könnte er selbst heute seine Zunge aus stecken. Muss er aber nicht. Die Medien, Ökonomen, Künstler und viele Menschen machen es selbst angesichts der erlebbaren Aktualität von Marx gegenüber der sozialen Spaltung in der Welt, den Gesellschaften und der Unfähigkeit der Politik extrem gefährlich gewordenen Probleme.

Karl meets Albert-Büste

Karl meets Albert-Büste

Der Bildhauer Thomas Jastram hat auf meine Bitte hin Karl Marx und Albert Einstein zusammengebracht. In der heutigen Einladung schrieb ich, dass beide viele Gemeinsamkeiten hatten. Natürlich waren beide auch Juden, von denen unsere Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft so viel hatten, bis die Nazis fast alle deutschen und europäischen Juden umbrachten. Karl Marx konnte Albert Einstein natürlich nicht kennen, doch dem Philosophen war die Relativität von Zeit und Bewegung nicht fremd. Und Albert Einstein wusste von Marx sehr viel, bewunderte ihn und unterstützte soziale, wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Gleichheit sein gesamtes Leben. Das habe ich in der Einladung ja auch zitiert, möchte hier aber auch etwas anderes erwähnen. Einstein sagte: „Unterjochen und Ausbeutung sind die hässlichsten Erscheinungen im ganzen Bereich menschlicher Beziehungen.“

Damit komme ich zur Aktualität von Marx für uns heute. Vieles, was er analysiert hatte, ist erst heute in aller Dramatik erlebbar. Vor einem Jahr habe ich zusammen mit meinem Bruder, Peter Wahl, Gregor Gysi, dem Ökonomen Rudolf Hickel, dem Theologen Ulrich Duchrow und meiner Frau Ingrid Mattern 95 neue Thesen zum 500. Jahrestag der Reformation durch Luther in Wittenberg geschrieben, die inzwischen weit mehr als eintausend Menschen unterschrieben haben.

In unserer ersten These hieß es. „Was zu Luthers Zeiten begann, hat heute einen neuen Höhepunkt: die Herrschaft des Geldes und die Zerstörung der Zivilisation. Die Demokratie ist in Gefahr. Der innere und äußere Frieden sind bedroht. Der soziale Zusammenhalt ist gestört. Die Politik ist an den Vorgaben der Finanzmärkte und den Interessen des oberen, reichen einen Prozents der Bevölkerung ausgerichtet. Die 8 reichsten Männer der Erde besitzen ebenso viel wie die 3,6 Milliarden der armen Hälfte der Menschheit. Und diese haben in den letzten 5 Jahren 41 Prozent ihres Vermögens verloren. Eine Umkehr, eine Reformation ist nötig.“ Marx hätte gesagt, eine neue Revolution sei erforderlich, und er hätte Recht.

In Deutschland ist diese tiefe Spaltung nicht ganz so groß. Aber kreuzgefährlich ist sie doch, bedroht auf die gefährlichste Weise den Zusammenhalt der Gesellschaft und Demokratie, vor allem nicht zuletzt die sozial benachteiligten Menschen. Jetzt  benutze ich auch das Kreuz, aber weder Kardinal Marx, der ja selbst ein „Kapital“ geschrieben hat, noch die Evangelische Kirche würden mich dafür wie die CSU und Herrn Söder kritisieren.

Der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping hat bereits gestern Marx gewürdigt. Seine Theorie leuchte „immer noch mit dem brillanten Licht der Wahrheit.“ Zum Glück sagte er nicht, die Partei, die Partei hätte immer Recht. Bleiben wir realistisch. Doch kein anderer als der Präsident der Europäischen Union, Jean-Cluade Juncker, wird heute in Trier die chinesische Karl-Marx-Statue enthüllen. Nach der Presseerklärung wird der Konservative auch sagen: „Karl Marx has won.“ Karl Marx hat gewonnen. Ja, offensichtlich. Doch wirklich gewinnen wird er nur können, wenn wir, die unter der tiefen sozialen und politischen Spaltung unserer Gesellschaften und unserer Welt leiden oder sie ablehnen, selbst aktiv und zuversichtlich etwas tun, selbst gewinnen.

Die „Neue Zürcher Zeitung“, die ich abonniert habe, schreibt heute auf der Titelseite in einer großen Überschrift: „Ein Lob auf Marx“. Und auf einer ganzen Seite heißt es auch in der Überschrift, und hier mit Ausrufezeichen: „Karl Marx lebt!“

Beim Begräbnis von Karl Marx sagte sein enger Freund und Partner Friedrich Engels: „Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte (und) die einfache Tatsache, dass die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können…“

Gern würde ich Engels ergänzen, dass dazu auch Arbeit und gerechte Arbeitsplätze gehören. Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern würde wohl die große Mehrheit der Menschen dem zustimmen. Von Karl Marx hatte ich ja schon im Brief zur Einladung zitiert: „Die Gesellschaft findet nun einmal nicht ihr Gleichgewicht, bis sie sich um die Sonne der Arbeit dreht.“

Als Friedrich Engels am 14. März 1883 Marx tot in dessen Wohnung angetroffen hatte, schrieb er Friedrich Adolph Sorge in Amerika, es sei „der bedeutendste Kopf“ gestorben, den die Welt „heutzutage hatte.“

Lassen wir Superlative, zumal wir heute ja auch Marx und Einstein zusammenbringen. Doch wie ungewöhnlich Karl Marx, sein Kopf, seine Gedanken, Analysen, Überzeugungen, sein Witz und sein soziales Herz bis heute und weiter sind, sollte möglichst vielen Menschen bewusst sein. Wer eine Gesellschaft und Welt ohne zerstörerische soziale, wirtschaftliche und politische Spaltung will, eine Zeit ohne Kriege und Fremdenfeindlichkeit, wird ohne Karl Marx noch weniger auskommen. Wenigstens dazu möchte ich Marx das letzte Wort lassen, ihn selbst zu lesen, über ihn nachzudenken, ihn zu nutzen, liegt ohnehin bei jedem Menschen selbst. Also Marx zur Fremdenfeindlichkeit. Als er selbst in England aufgefordert wurde, sich zu bekennen, er sei Ausländer, kommentierte er, selbst zitiere es auf Deutsch: „Ich soll ihnen sagen, ich sei Ausländer, und sie können mich am Arsch lecken.“

Das auch war Marx, und wird er für mich bleiben. Nun mit ihm, Albert Einstein und der Kunst von Thomas Jastram nach Wooster Teerofen!