André Brie

Der „Dreißigjährige Krieg“ des 17. Jahrhunderts hatte sich in Deutschland und anderen Ländern als Katastrophe und tiefer Eindruck erwiesen. So wurde der Westfälische Frieden nicht zufällig zur bis dahin und für anderthalb Jahrhunderte folgenschwersten Vereinbarung. Auch wenn die demografischen und wirtschaftlichen Folgen noch lange Jahrzehnte viele Länder prägten, wurde der Friedensschluss von vielen Menschen als Befreiung von Unsicherheit und Tod erlebt. Die Französisch-Englischen Kriege zogen sich sogar noch über mehr als ein Jahrhundert hinweg und wurden von 1337 bis 1453 gezählt. Der erste Weltkrieg hätte sich durch seine Millionen Toten und Verletzten, Verwüstungen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftspolitischen Folgen noch stärker als folgenschwere europaweite Krise erweisen müssen, blieb – außer in Russland beziehungsweise der Sowjetunion – jedoch weit weniger als allgemeine Gedächtnis- und Änderungserfahrung ergebnisvoll. Erst der von den deutschen Nazis ausgelöste und geführte zweite Weltkrieg wurde als historische, gesellschaftliche und allgemeine Veränderung erlebt, sodass er international und in vielen Staaten zu weitreichenden Wandlungen führte, zu der ganz besonders die Bildung der UNO und ihrer Charta sowie die europäische Integration gehörte.

Aus solchem historischen Rückblick sollte jedoch nicht auf den jüdisch-palästinensischen Konflikt und seine Kriege und anderen Auseinandersetzungen geschlossen werden. Er hat einen geschichtlich beispiellosen Charakter. Letzten Endes dauert er nicht erst seit der UN-Entscheidung über die Aufteilung Palästinas auf einen jüdischen und arabischen Staat sowie dem ersten Krieg 1948, sondern durch Massaker beider Seiten seit Ende der zwanziger Jahre in einer extrem kleinen Region inzwischen schon fast ein Jahrhundert. Er war von Anfang an sowohl seitens jüdischer und palästinensischer Untergrundgruppen auch durch terroristische Methoden geführt worden, zu seinen Wurzeln trugen das geschichtlich beispiellose Schicksal des jüdischen Volkes durch die Holocaustpolitik der deutschen Nazis ebenso wie die anhaltende Missachtung des Selbstbestimmungsrechtes der palästinensischen Nation bei, führte zur millionenfachen Vertreibung von Palästinenserinnen und Palästinensern, trug zu mehreren internationalen Kriegen und globalen politischen Krisen bei. Viele der Palästinenser und ihre Nachkommen leben als Flüchtlinge seit Jahrzehnten in Syrien, Libanon, Jordanien und Ägypten. Araber und Beduinen, die Staatsbürgerinnen und -bürger Israels sind, werden sozial, juristisch und politisch benachteiligt und unterdrückt. Vor allem die Palästinenserinnen und Palästinenser im Gaza und Westjordanland erleben bis heute vielfältige, grausame tägliche Lebensbedingungen, die sich nur schwer vorstellen lassen. Eine deutsche Studentin in der palästinensischen Universität Bir Zeit sagte mir einmal: „Wenn die Deutschen nur einen Tag lang das Harmloseste dieser Praktiken durch ihre Polizei erleben müssten, sie würden alle revoltieren. Hier ist das seit Jahren und Jahrzehnten Alltag, und oft viel schlimmer. Nur wenige Palästinenser werden militant. Die Menschen gewöhnen sich selbst an das Schlimmste.“
Antisemitische, antijüdische sowie antipalästinensische Positionen und Ressentiments sind in den Konfliktseiten und internationalen politischen Einschätzungen nicht selten. Sie haben unterschiedliche Erscheinungen und Wurzeln, aber sie sind gleichermaßen gefährlich, häufig und völlig ungeeignet, für die Erklärung oder gar die Lösung dieses Konflikts angebracht zu werden. Eine Lösung muss sowohl die Sicherheit und Perspektive Israels wie die Unabhängigkeit Palästinas einschließen.

Die gelegentlichen Versuche und Hoffnungen auf eine einvernehmliche Lösung der beiderseitigen Konflikte scheiterten jedes Mal, insbesondere an der israelischen Regierungsposition, und so schwanden auch die Unterstützungen in den Bevölkerungen. Noch beim Amtsantritt des US-amerikanischen Präsidenten Obama wuchs noch einmal Zuversicht, doch gegenwärtig wird kaum jemand sich vorstellen können, dass es in absehbaren Jahren zu einer Einigung und zu einem dauerhaften Frieden kommen könne. International und in Israel nimmt man stattdessen lieber unverantwortlich seine offensichtlichen und ungeheuren Gefahren durch die Verknüpfung mit anderen Konflikten, so insbesondere der israelisch-iranischen und westlich-iranischen Differenzen, in Kauf. Wie also soll man Zukunfts- und Friedenhoffnungen haben? Eine Lösung und die Bildung eines stabilen und friedlichen palästinensischen Staates ist unabdingbar. Nur die Kräfte dafür fehlen gegenwärtig sowohl in Israel wie Palästina und vor allem in der internationalen Gemeinschaft. Doch die Friedenskräfte auf beiden Seiten sind schwächer als über lange Zeiten und werden international missachtet und kaum unterstützt, obwohl gerade sie die Verständigung ermöglichen könnten und auf mutige Weise vorleben.

(Beitrag für »Linke Zeitung«, Bernburg)