Über den Vattenfall-Chef in der Lausitz, Hartmuth Zeiß

Es gibt ihn also doch, den aus dem Osten stammenden Vorstandsvorsitzenden eines großen internationalen Konzerns. Dr. Hartmuth Zeiß, 1955 in Leer geboren, ist seit 2010 Vorsitzender des gemeinsamen Vorstandes der Vattenfall Europe Mining AG und Vattenfall Europe Generation AG. Er weiß, dass er eine Ausnahme ist, doch für ihn ist das weniger bedeutsam als für mich: „Ich war immer ein Teamspieler, und ich hatte und habe große Unterstützung. Ich habe alles gemacht in der Braunkohle. Ich habe als Maschinist angefangen, Bockwurst verkauft, war Kraftfahrer, Ingenieur. Zur Wende war ich Mitte dreißig. Sie brauchten neue Leute. Mit 36 wurde ich Tagebauleiter. Wir mussten uns die neuen Wege unter völlig neuen Bedingungen selbst suchen. Später übernahm ich die Hauptabteilung Geotechnik, dann den technischen Service der Gruben. So kam ich auch in den Vorstand des Unternehmens.“

Wenn man das Bild eines Bergarbeiters malen müsste, ohne einen konkreten Menschen vor Augen zu haben – sein Bild könnte ohne weiteres dabei herauskommen. Man sieht Hartmuth Zeiß an, dass er körperlich gearbeitet hat, kann ahnen, dass er schwierige Situationen meistern musste. Die Arbeit in der Kohle war und ist trotz gewaltiger Maschinen und moderner Technik noch immer und nicht selten eine elementare Auseinandersetzung mit der Natur. Zeiß weiß aus eigenem Erleben, wie sich die wassergesättigte Braunkohle bei minus 15 Grad und mehr auf den Transportbändern, an den Abstreifern und in den Waggons verhält oder wie unberechenbar Grundwasser sich verhalten kann. Aber er ist sich auch bewusst, welch existenziellen Eingriff die riesigen Tagebaue in die Landschaft, die Natur und Kultur und das Leben der Menschen in der Lausitz darstellen, und dass der drohende, und er betont es, bereits stattfindende Klimawandel für das ganze globale Ökosystem bedrohlich ist.

Hartmuth Zeiß scheint ein ruhiger Mensch zu sein, und ganz und gar bodenständig ist er ohnehin. Wie auch nicht? „Ich bin von größeren Umzügen verschont geblieben.“ Er stammt aus einer Bergarbeiterfamilie. Aufgewachsen ist er im sächsischen Teil der Lausitz, 36 Jahre lang hat er in Görlitz gelebt. Nach einem kurzen Intermezzo in Spremberg, zog er nach Senftenberg. Die sorbische Tradition der Lausitz ist ihm vertraut und wichtig. Erwin Strittmatters Erzählungen und Romane, die in dieser Region und unter ihren Menschen spielen, kennt er seit seiner Kindheit. Er schwärmt von der Arbeit der Senftenberger Neuen Bühne und ihres Intendanten Sewan Latchinian: „Er ist ein Glückfall für die Region.“ Sein Aufstieg in die Spitze eines schwedischen Konzerns hat sicherlich seinen Blick in die Welt weiter geöffnet, aber er schaut aus der Lausitz nach Schweden und auf die globalen ökonomischen, sozialen und ökologischen Zusammenhänge, und mit der schwedischen Unternehmensphilosophie, die er offenkundig gern vertritt, auf die Lausitzer Kohlegewinnung und -verstromung. Er meint, dass soziale und umweltpolitische Gesichtspunkte sowie regionale Verantwortung in der schwedischen Unternehmenskultur eine große Rolle spielen.

Es fällt schwer, ihn sich unbeherrscht vorzustellen, und seinem Gesicht ist anzusehen, wie sehr er Freundlichkeit nicht nur bei Anderen mag. Die widerstreitenden Konsequenzen seiner Arbeit muss man ihm nicht erzählen. Wonach auch immer ich ihn frage, er glättet keine Probleme. Es sind seine eigenen. Er weicht Widersprüchen nicht aus. Ich glaube, er weicht nie aus. Als er nach 1990 Tagebauleiter wurde, musste er Mitarbeiter entlassen, die ihn ausgebildet hatten. So etwas und so vieles Andere, kann er nicht leichten Herzens und Sinnes tun. Bergleute, das erlebe ich immer wieder, sind besonders stolze Arbeiterinnen und Arbeiter. Sie mögen gelegentlich über ihre Arbeit fluchen, doch sie hängen auf vielfältige Weise an ihr, und noch in der Arbeitslosigkeit oder Rente pflegen sie ihre Traditionen in Grubenfeuerwehren, Vereinen und Bergmannsorchestern: „Es gab keine vorgegebenen Lösungen. Es ging um die Menschen, und es ging natürlich darum, den Tagebau in der Marktwirtschaft zu führen. Das war einer der schwersten Prozesse für mich. Wer daran nicht beteiligt war, kann sich das nicht vorstellen. Ich habe immer den Konsens gesucht, einen demokratischen Weg, das Gespräch mit den Betroffenen. Damals hat sich so viel verändert, und im Rückblick merke ich, dass ich mich natürlich verändert habe, beispielsweise gelernt habe, mit der Verantwortung für die Menschen und das Unternehmen zugleich zu leben.“

Es sind ehrliche Antworten. Daran zweifle ich nicht. „Zu DDR-Zeiten lebte ich in einer Neubauwohnung. Ich hatte keinen Bezug zu den Empfindungen von Hauseigentümern, war naiv und dachte bei der Abbaggerung von Dörfern, das müsse doch jedem klar sein. 1990 haben wir Deutsch Oißig bei Görlitz abgebaggert. Ich war damals 36 Jahre alt. Es wurde für mich eine sehr schwere und sehr persönliche Situation. Die wirtschaftliche und organisatorische Entscheidung mag einfach sein. Doch dann blickt man in die Gesichter, und alles wird konkret, unterschiedlich, sehr individuell, wie Menschen durch ihr Alter, ihre Lebensbedingungen, ihre Bildung anders sind. Im Tagebau Welzow haben wir die Abraumgrenze zugunsten eines Ortes zurückgezogen. Unsere größte Umsiedlung war die der Gemeinde Heidemühl mit 600 Einwohnerinnen und Einwohnern. 2006 haben wir das neue Dorf übergeben. Vieles ist vielleicht komfortabler, aber es geht nicht darum, ob es besser oder schlechter ist, es ist anders, und natürlich gehen alte Kultur, Geschichte, persönliche Geschichten und auch alte soziale Bindungen verloren. Ich bin aber auch Vertreter eines Unternehmens, das wirtschaftlich betrieben werden muss, und niemand kann ohne bezahlbare Energie auskommen.“

Der deutsche Ausstieg aus der Atomenergie wird nach seiner Überzeugung nicht zu größeren Spielräumen für die Lausitzer Braunkohle führen. Er weiß, und Vattenfall, so ist er sich sicher, weiß es ebenfalls, dass der Klimawandel auch der Verbrennung fossiler Rohstoffe Grenzen setzen muss. Nein, Hartmuth Zeiß gibt keine vereinfachenden Antworten. Doch die Großkraftwerke in der Lausitz werden für 30 bis 35 Jahre Betrieb gebaut. So weit voraus werden auch die Gruben geplant, und weit darüber hinaus ihre Rekultivierung, zu der Vattenfall verpflichtet ist. Ab 2015 wird das Unternehmen den Tagebau Cottbus Nord zur „Cottbus Ostsee“ umgestalten. Zu gern hätte ich ihn gefragt, wie ein Unternehmen, das so weit in die Zukunft planen muss, mit einer Politik zurechtkommt, die in den Vierjahresrhythmen von Wahlkämpfen oder noch kurzfristiger agiert. Doch das muss ich nachholen. Dr. Hartmuth Zeiß ist ein kluger, nachdenklicher und anregender Gesprächspartner, den man gern wieder träfe.