Verneigung vor den Menschen und der Landschaft

Schon als Kind war ich viele Male an den schönsten Plätzen der Lausitz. Viel später habe ich auch ihre Tagebaue, Kraftwerke, Brikettfabriken, Glas- und Textilwerke, die alten und neueren Arbeitersiedlungen kennen gelernt. Es gab viele Gespräche über die sorbische und deutsche Kultur, Erlebnisse mit ihr und durch sie, Gespräche über Geschichte, die Menschen, die Landschaften, die Braunkohle und die Energiepolitik. An der Arbeit zu diesem Buch und in den Interviews dafür bestätigte sich Vieles, erfuhr ich Neues und Anderes, vertieften sich meine Eindrücke. Die Widersprüche, auf die ich stieß, kann ich nicht lösen. Sie sind real, nicht selten haben sie grundsätzliches Ausmaß, wenn es nicht schon so oft geschrieben worden wäre, müsste man von einem existenziellen sprechen. Sie sind die Spannungsfelder meines eigenen Denkens und Empfindens: der Klimawandel, der die Ökosphäre und ganze Länder zu bedrohen beginnt, Zerstörung von Natur, jahrhundertealten Landschaften, das Zuhausesein Tausender Menschen, bezahlbare Elektroenergie, ohne die modernes Leben und Wirtschaften nicht denkbar sind, Arbeitsplätze.

Ich kenne Menschen, die klare, eindeutige und einseitige Antworten haben. Ich weiß nicht, ich glaube nicht einmal, ob ich sie beneide dafür. Letztlich sind ja auch Mephisto und Faust, oder Krabat und der Müller in den Romanen des sorbischen Schriftstellers Juri Brĕzan, die ungetrennten zwei Seiten eines Menschen, einer Wirklichkeit, einer Möglichkeit, zusammengehörende Antagonismen. Ich habe beim Vorstandsvorsitzenden von Vattenfall, Dr. Hartmuth Zeiß, dem früheren Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg, Manfred Stolpe, aber auch beim Pfarrer der Gemeinde Atterwasch, die demnächst für den Tagebau Jänschwalde weggebaggert werden soll, Mathias Berndt, erlebt, dass ihnen diese Widersprüche ebenso bewusst sind.

„Lausitz – Landschaft mit neuem Gesicht“, nennt der Fotograf Alexander Schippel dieses Buch. Auch das ist ein Widerspruch, zumindest möchte ich einen anmelden. Seine Fotografien der alten und neuen Industriearchitektur und der Architektur von Bergbau- und Bergbaufolgelandschaften sind streng, ästhetisch konsequent auf die Strukturen gerichtet. Darauf muss man sich einlassen. Ein neuer, für viele Menschen ungewohnter Blick wird so möglich. Aber natürlich ist die Lausitz viel mehr als Braunkohlebergbau, neu geschaffene oder entstehende Seen, industrielle Bauwerke oder neue Erholungsarchitektur. Sie ist auch eine Landschaft mit sehr altem Gesicht, mit vielen schönen alten Gesichtern. Doch die Vorurteile sind offensichtlich bei vielen Menschen groß. Manfred Stolpe erzählte mir, dass einer seiner frühen Chefs mahnte, man müsse darauf achten, dass die Lausitz nicht als das Aschenputtel Berlins und Brandenburgs gelte, und Dr. Friedrich von Bismarck, der die Bund-Länder-Finanzierungsstelle für die Rekultivierung der alten Tagebaue leitet, wusste auch zu berichten, wie schwer es noch immer ist, Westberliner in die Lausitz zu bringen, deren Vorstellung zunächst von zerstörten Landschaften und rußigen Braunkohlekraftwerken, Brikettfabriken und Kokereien bestimmt ist.

Mein eigenes Problem war ein anderes. Ich hatte zwei verschiedene Regionen im Kopf, vielleicht in der gleichen Gegend, aber eigentlich hatte ich sie bis vor einigen Jahren nicht zusammengedacht: Die Lausitz der Braunkohle, der Neubaustädte, der Lieder von Gerhard Gundermann einer- und andererseits die Lausitz des Spreewaldes, der alten Schlösser und Klöster, der Sorbinnen und Sorben und des Osterreitens, der Städte Görlitz, Kamenz oder Bautzen mit ungewöhnlich reicher Renaissance- und Barockarchitektur, der Dörfer mit den alten Lausitzer Drei- und Vierseitenhöfen, Umgebindehäusern und Kirchen, an denen man den jahrhundelangen starken böhmischen Einfluss auf den ganzen Landstrich sehen kann, aber auch der armen Industrie- und Bauernsiedlungen, die Erwin Strittmatter in seinen wundersamen lausitz- und welthaltigen Romanen beschreibt. So wie mir scheint es auch anderen Menschen zu gehen, und selbst die touristische Vermarktung der Lausitz ist tief gespalten. Die einen bewerben die neue Seenlandschaft, Industriedenkmale, die neuen Architekturprojekte, die vor allem die Internationale Bauausstellung (IBA) in die Lausitz gebracht hat, die anderen den Spreewald, die Spuren sorbischer Kultur, der Renaissance und des Barock. Aber selbst da bleibt für die meisten Vieles unentdeckt, wie das leider baufällige aber eindrucksvolle gotische Kloster Marienstern in Mühlberg/Elbe, das großartige Renaissance- und Residenzschloss in Doberlug, das wunderschöne Schloss in Altdöbern, das gerade vor dem – nach dem Ende des Bergbaus – steigenden Grundwasser gerettet wird, oder die einzigartige Festungsanlage des Schlosses Senftenberg. Auch für mich war Senftenberg vor allem die Energiezentrale der DDR, und die Entdeckung von Schloss, Festung, Pulverturm, Polenzhaus wurde für mich durch ihre jahrzehntelange Verspätung zu einer beschämenden Überraschung.

Über Jahrhunderte gehörten weite Teile der Lausitz zu den ärmsten und abgeschiedensten Gebieten in Deutschland. Magere Sandböden und Sümpfe erschwerten die landwirtschaftliche Nutzung und die Entwicklung größerer lokaler Märkte sowie überregionaler Handelsbeziehungen. Das und die Nähe zu Schlesien und Böhmen war auch ein Grund, warum die sorbische Bevölkerung trotz beständiger Unterdrückung bis in das 20. Jahrhundert hinein einer Assimilation widerstehen und ihre ethnische, sprachliche und kulturelle Eigenständigkeit wahren konnte. In einem Rezeßbuch des in der DDR abgebaggerten Ortes Merzdorf aus den 1840er Jahren wurde vermerkt: „Die bäuerlichen Wirte sind zum Teil geborene Wenden und der deutschen Sprache nicht ganz mächtig…“ In einer Statistik aus dem Jahr 1917 geht hervor, dass in den Dörfern des Nord-, Ost- und Südteils des Kreises Hoyerswerda noch 61,6 (Weißkollm) bis 100 Prozent (Schöpsdorf) der Einwohner Sorben (Wenden) waren. Rosmarie Kursawe aus Weißkollm erzählte mir, dass ihre Eltern, obwohl der Vater Deutscher war, noch fließend sorbisch sprachen. Davon ist nicht mehr viel geblieben. Juri Brězan antwortete in einem Interview 1995: „Vom fünften Lebensjahr konnte ich ganz gut deutsch. Im Alltag spreche ich mehr sorbisch. 1937 bis 45 war die Sprache in der Öffentlichkeit verboten. Die 12 Jahre Nationalsozialismus haben uns mehr Seelen gekostet als hundert Jahre preußischer Germanisierung.“ Doch auch die Industrialisierung der Lausitz, die Zerstörung sorbischer Dörfer für die Tagebaue oder die Umbrüche nach 1990, die viele Menschen zu den Arbeitsplätzen in anderen Bundesländern trieben, haben sorbischer Kultur zugesetzt. Als in der DDR zuerst der Sorbischunterricht an den Schulen abgeschafft und nach längerer Zeit wieder eingeführt wurde, war es endgültig zu spät.

Die Erschließung der Lausitzer Braunkohlevorkommen im späten neunzehnten, vor allem im zwanzigsten Jahrhundert riss die Lausitz aus ihrer beschaulichen Abgeschiedenheit heraus. Nun aber mit gewaltigem Tempo, mit tiefen Eingriffen in die Landschaften, wirtschaftlichen, sozialen und demographischen Verhältnisse. Mit dem Bau der Eisenbahnlinien Cottbus-Großenhain (1870) und Lübbenau-Kamenz (1874) zogen die reichen und geologisch günstigen Kohlenfelder um Senftenberg begehrliche Unternehmer aus Berlin und dem mitteldeutschen Industriegebiet an. Die Ilse Bergbau AG, die Eintracht Braunkohlenwerke und Brikettfabriken AG, die Niederlausitzer Braunkohlenwerke und die F.C.T. Heye GmbH gehörten zu den ersten. Später wurden die Gruben, Kraftwerke, Maschinenbauunternehmen der Region zu einem der wichtigsten Ziele Friedrich Flicks beim Aufbau seines Industrieimperiums.

In der DDR wurde die Braunkohle der weitaus wichtigste Energieträger und zudem zu Koks und Gas weiterverarbeitet. Mehr als 80 Prozent der Elektroenergie wurden damit erzeugt und über 50 Millionen Tonnen Briketts für die Hausfeuerung hergestellt. Nach dem „Erdölschock“ in den siebziger Jahren wurde der Abbau auf mehr als 300 Millionen Tonnen im Jahr gesteigert. Zwei Drittel davon kamen aus der Lausitz. Seit Beginn der Braunkohlegewinnung Mitte des 19. Jahrhunderts wurden über zwei Milliarden Tonnen Braunkohle in der Lausitz gewonnen, riesige Gebiete aufgerissen und wieder kultiviert, mehr als einhundert Orte mussten vollständig oder teilweise weichen. Geschichte, Kultur, Heimat für Zehntausende Menschen verschwanden und entstanden völlig neu, darunter das Lausitzer Seenland mit 25 größeren Bergbaufolgeseen, die einmal eine Fläche von 14.000 Hektar bedecken werden und zum Teil mit bereits vorher entstandenen Seen verbunden werden. Da ist der geplante Cottbusser Ostsee noch nicht einmal eingerechnet. Neue Chancen für Tourismus, Wirtschaft, Arbeitsplätze, auch für zurückkehrende oder zurückgebrachte Natur.

Man kann wissenschaftlich berechnete Öko- und Arbeitsplatzbilanzen aufmachen, sogar die oftmalige Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit auf Nachfolgeflächen und erhöhte Wachstumsfähigkeit von Wäldern vorweisen. Ob die neue Kultur und Geschichte den Verlust der alten wettmachen kann, bleibt eine müßige Frage. Das Dorf Haidemühl ist bereits vor Jahren für den Tagebau Welzow Süd geräumt worden, aber es steht noch da wie ein Ort nach einem Krieg. Bewohner der Nachbardörfer haben ihren Müll in den Ruinen abgelagert. Die Dachziegel, Türen und Fenster der Häuser hat man wohl anderswo noch verwenden können oder zerstört. Die Kopfsteinpflasterstraße existiert noch. Die Obstbäume in den zugewucherten Gärten tragen reich in diesem Sommer 2011. Die Pflaumen schmecken. Ich könnte über die früheren Bewohnerinnen und Bewohner der Häuser nachdenken, mir ihr Leben, ihre Herkunft und die ihrer Eltern, Großeltern vorstellen, mich fragen, was sie miteinander verband, wann und warum sie die Pflaumen- und Apfelbäume pflanzten, wie ihnen zumute war, als sie das Dorf verließen, was sie an Erinnerung, an Leben zurückließen. Aber das wäre fiktiv, und das Verschwinden ist konkret und real. Doch es gibt noch Spuren, die keine Phantasie und Fiktion verlangen. In einer Halle der ehemaligen Glasfabrik liegen hunderte ausgefüllte „Lohn-/Gehaltscheine“ auf dem Betonboden herum. Detlef V., Personal-Nr. 245 arbeitete im Mai 86 166,25 Stunden, davon 5 Überstunden, erhielt einen Brigadezuschlag von 3 Prozent, ein Bereitschaftsgeld von 65,26 Mark. In einer anderen Ofenhalle stapeln sich, zugänglich für jeden, der sich den Weg durch Schrott, Bauschutt und Scherben bahnt, Säcke mit Chemikalien zur Glasherstellung aus dem Chemiekombinat Bitterfeld. Ich kann nur hoffen, dass sie weder giftig noch zur Herstellung von Sprengstoff geeignet sind.

Die Zerstörung von Dörfern gehört zu den in der Öffentlichkeit am meisten diskutierten Fragen des Braunkohlebergbaus. Sie ist nicht nur für die direkt Betroffenen ein schlimmer Verlust, einer für immer. In der einen oder anderen Form, meist nicht so rabiat, jäh und kollektiv, passiert das jedoch täglich und jedem Menschen. Gesellschaft, Wirtschaft, menschliches Leben sind ohne Widersprüche, Gewinne und Verluste, nicht zu haben. Pfarrer Mathias Berndt sagte mir eindringlich und mahnend, dass die Menschen verlernt hätten, dass es nicht nur aufwärts gehen kann, schon gar nicht ohne gleichzeitige Verluste. Menschsein, meinte er, geht nur mit Geborenwerden, Krisen, Genesen, Schmerz und Glück und Sterben. Der Schweizer Künstler Jürg Montalta, der in der Lausitz so wunderbare Projekte realisiert hat, drückte letztlich das Gleiche aus, auch wenn er es optimistisch umkehrte: „Man darf nicht nur das Alte und Verlorene beklagen, beweinen, sondern auch das Jetzt und die Zukunft leben.“ Er fügte hinzu, fast als zitierte er Mathias Berndt, aber auch in dieser Hinsicht zuversichtlicher: „Und die meisten Menschen haben doch auch die Erfahrung von Gewinnen und Verlieren, Werden und Sterben.“ Brĕzans erster Krabat-Roman 1976 hieß „Krabat oder die Verwandlung der Welt“, durchaus auch von den widerspruchsvollen Umwälzungen in seiner sorbischen Heimat inspiriert, sein zweiter, 1995 erschienen, symptomatisch „Krabat oder die Bewahrung der Welt“. Dort heißt es: „Signe fragt, was ist ein Mensch?
Da weiß ich, warum ich die schwere, hohe Tür aufgedrückt habe: Sonst hätte ich die Frage nicht gehört. Die Frage ist die Antwort.
Signe lächelt und weint.
Das geht nicht, sagt Christer streng. Entweder Sankt Georgius tötet den Drachen, oder er tötet ihn nicht.
Wir beide, Signe und ich, lächeln und weinen.
Wir sagen: das Entweder-Oder ist tot. Oder es tötet uns.“

Die Gewinnung von Braunkohle und ihre Verstromung in der Lausitz gehen weiter. Mehr als 55 Millionen Tonnen jährlich werden gegenwärtig gefördert, neue Lagerstätten erschlossen. Die Verbrennung in den Kraftwerken Jänschwalde, Boxberg und Schwarze Pumpe setzt große Mengen Kohlendioxid frei, das durch seinen „Treibhauseffekt“ maßgeblich für die Klimaerwärmung auf der Erde verantwortlich ist, obwohl die Energieeffizienz kontinuierlich verbessert wurde. In der Statistik der Kraftwerke mit den höchsten anteiligen Emissionen in Deutschland liegt Jänschwalde mit 1200 Gramm CO2 pro Kilowattstunde auf Platz vier, Schwarze Pumpe mit 1100 Gramm auf Platz zehn, Boxberg mit 1000 Gramm auf Platz vierzehn. Der Kraft-Wärme-Koppelung, mit der die Energieeffizienz wesentlich gesteigert werden könnte, sind durch die Entfernung zu den Großstädten enge Grenzen gesetzt.

Der beschlossene Ausstieg aus der Atomenergie in der Bundesrepublik kann aus meiner Sicht keine Rechtfertigung für den weiteren Aus- oder Neubau von Stein- und Braunkohlekraftwerken sein. Der Klimawandel nimmt längst ein global bedrohliches Ausmaß an. In den vergangenen Jahren sind dafür von der Wissenschaft unterschiedliche und detaillierte Modelle vorgelegt worden. Dass eine allgemeine, menschlich verursachte Erwärmung des gigantischen Energiesystems der Erdatmosphäre messbar geworden ist, ist ein unüberhörbares Alarmsignal. Für viele Gebiete der Erde, für ganze Länder sind die Auswirkungen bereits überaus gefährlich: durch den Vormarsch der Wüsten, die zunehmende Zahl von Wetterextremen und –katastrophen, das immer schnellere Abschmelzen von Gletschern, die Gefährdung und Veränderung der Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten. In nicht wenigen Fällen verknüpfen sich solche Wandlungen mit grausamen sozialen Zuspitzungen, Hungersnöten, ethnischen Konflikten oder sogar internationalen Kriegen.

Es gibt kaum noch eine Regierung, die die Realität des Klimawandels in Frage stellt. In politischen Erklärungen und Entscheidungen der Weltgemeinschaft, der Europäischen Union und der Bundesregierung sind in verschieden konsequenter Form Wege zur Umkehr verkündet und beschlossen worden: die Begrenzung der Erwärmung auf maximal 2 Grad, mehr oder minder massive Reduzierungen des Kohlendioxidausstoßes, Energieeinsparung, der Übergang zu erneuerbaren Energien mit geringer oder weitgehend neutraler CO2-Bilanz.

Doch die reale Bilanz ist ernüchternd, und nichts spricht gegenwärtig dafür, dass die internationalen, europäischen oder deutschen Klimaziele tatsächlich erreicht werden, zumal einige der beschlossenen Maßnahmen die Gefahren eher vergrößern, als sie einzudämmen. Dazu gehört insbesondere die Abholzung tropischer Wälder für den Anbau von Energiepflanzen. Abgesehen davon, dass diese Wälder ein großes Kohlendioxidspeicher-Reservoir sind, sind sie auch der Lebensraum für die Hälfte des genetischen Potenzials irdischen Lebens. Nicht selten geht diese Politik zudem mit der Zerstörung alternativer Lebens- und Wirtschaftsformen und Kulturen indigener Völker und enormen gesellschaftlichen Konflikten einher. Letzten Endes hat die Politik ohnehin mit mehr als drei Jahrzehnten Verspätung auf die eindeutigen wissenschaftlichen Warnungen reagiert. Die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung unter Vorsitz der großartigen norwegischen Politikerin Gro Harlem Brundtland hatte schon 1987 mit der Zurückhaltung eines diplomatischen Konsenspapieres, aber klar festgestellt: „Der ‚Treibhauseffekt’…resultiert unmittelbar aus dem erhöhten Ressourcenverbrauch. Das Verbrennen fossiler Brennstoffe und das Abholzen und Verbrennen der Wälder setzt Kohlendioxid (CO2) frei. Die Akkumulation von CO2 und bestimmter anderer Gase in der Atmosphäre speichert Sonnenstrahlung nahe der Erdoberfläche und verursacht eine globale Erwärmung. Das könnte ein Ansteigen des Meeresspiegels in den nächsten 45 Jahren zur Folge haben, das zur Überschwemmung vieler tief gelegener Küstenstädte und Flussdeltas führen würde.“∗ Vor allem in den Kapiteln 7 („Energie – entscheidend für Umwelt und Entwicklung“) und 8 („Industrie: mit weniger mehr produzieren“) schlug die Brundtland-Kommission bereits die entscheidenden Veränderungen in Wirtschafts- und Lebensweise sowie in der internationalen Politik vor, die jahrzehntelang der Handlungsunwilligkeit und Zerstrittenheit der Regierungen zum Opfer fielen. Wer sich vor Augen führt, wie äußerst groß noch immer das globale Entwicklungsgefälle, der soziale und wirtschaftliche Rückstand und der unabweisbare Aufholbedarf der großen Mehrheit der Weltbevölkerung ist, mit beträchtlichen Konsequenzen für deren künftigen Ressourcen- und Energieverbrauchs, wird eine Vorstellung vom prinzipiellen, ja radikalen Ausmaß erforderlicher Veränderungen in der weltweiten Energie-, Wirtschafts- und letztlich Gesellschaftspolitik haben können – und zuerst in den Ländern des entwickelten Nordens, auf die weit überproportional der gegenwärtige Energieverbrauch und Kohlendioxidausstoß entfallen.

Es gibt zudem physikalische Gesetzmäßigkeiten, die uns möglicherweise noch weitaus weniger Zeit zur Umkehr lassen werden, als wir gegenwärtig politisch einplanen: Noch werden etwa 50 Prozent des von uns produzierten CO2 in den Weltmeeren gespeichert. Doch wärmeres Wasser wird weniger davon aufnehmen, und es schließlich sogar freisetzen. Die abschmelzenden Gletscher und Eisflächen, vor allem in der Arktis, werden nicht mehr in dem Maße wie heute Sonnenstrahlung zurück in den Weltraum reflektieren, sondern als dunkle Wasserflächen absorbieren. Der „point of no return“, der Punkt, an dem es keine Umkehr mehr gibt, ist theoretisch längst denkbar und ausreichend beschrieben. Wir Menschen könnten dann vielleicht zur Vernunft gekommen sein. Doch es würde uns nichts mehr nützen. Die Natur würde unser Werk fortsetzen.

So weit, so gut, richtiger: so schlecht. Der Ausstieg aus der Atomenergie müsste nach meiner festen Überzeugung einhergehen mit dem beschleunigten Ausstieg aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe, insbesondere jener mit der schlechtesten Energie- und CO2-Bilanz. Die Gefahren der Klimaerwärmung sind letztlich noch viel, viel größer und allgemeiner als jene der Atomenergie. Doch Elektroenergie ist die wichtigste Grundlage modernen Lebens und Wirtschaftens. Sie muss bezahlbar für alle sein, wenn soziale Spaltungen nicht noch weiter zunehmen und selbst zerstörerisch werden sollen. Die Versorgung muss sicher sein. Und gegen die Menschen, erst Recht gegen Menschen, die soziale und Arbeitsplatzängste haben, wird die vernünftigste und notwendigste Energiewende nicht durchsetzbar sein. Die Geotechnikerin Ulrike Werschnick, die seit 1978 im Tagebau Jänschwalde arbeitet, sagte mir, dass sie sich „als naturwissenschaftlich gebildeter Mensch“ der Bedrohungen durch den Klimawandel völlig bewusst sein, aber sie fügte hinzu: „Man muss die Dinge gegeneinander abwägen, auch politisch zielstrebiger an Alternativen für die Menschen in der Lausitz arbeiten. Eigentlich ist die Kohle ohnehin viel zu schade und als Rohstoff für künftige Generationen zu wichtig, um sie zu verbrennen. Aber wenn die Menschen eine ökologische Energiewende als eine größere persönliche, soziale Bedrohung als den Klimawandel empfinden, kann man mit ihnen nicht über eine radikal andere Umweltpolitik reden.“

Bertolt Brecht fand Zeiten schlimm, die Helden brauchen. Das ist das Grundproblem auch einer neuen Energiepolitik, weltweit, in der deutschen Gesellschaft, in der Lausitz. Sie ist nicht gegen Ängste und sozialen Verlust durchsetzbar, sondern nur wenn die Menschen ihren Gewinn erleben können, einbezogen und die Nachteile ausgeglichen werden. Die Städte in der Lausitz haben seit 1990 zwanzig bis dreißig Prozent ihrer Einwohnerinnen und Einwohner verloren. Der Arbeitsplatzverlust in der Braunkohle und Energiewirtschaft, in der Lausitzer Textil- und Glasindustrie war noch weitaus höher und konnte durch entstandene Arbeitsplätze im Tourismus und neuen Industriebetrieben nicht annähernd wettgemacht werden. Bevölkerungsforscher prognostizieren für die nächsten zwanzig Jahre übereinstimmend einen weiteren städtischen Bevölkerungsrückgang in ähnlicher Größenordnung wie in den zurückliegenden. Er geht einher mit einer starken Alterung, hohen Belastungen und Schwierigkeiten für die Kommunen bei der Aufrechterhaltung der erforderlichen Infrastruktur, Fachkräftemangel und alles andere als besser werdenden Investitionsbedingungen. Auch wenn die Braunkohle und Elektroenergieerzeugung schon lange nicht mehr die Bedeutung für die Arbeitsplatzsituation in der Lausitz haben wie in der Vergangenheit – die Vorstellung, sie könnten praktisch ganz wegfallen, weckt Befürchtungen, die Region könnte unumkehrbar von der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung anderer Teile der Bundesrepublik abgekoppelt werden. Und so schön, so reich, so vielfältig die alte und die neue Lausitz ist, so groß die touristischen Reserven – davon allein kann keine selbsttragende Wirtschaft entstehen.

Die ohnehin zumindest nicht kurz- und mittelfristig realisierbare Alternative, die die Bundesregierung und mit weitaus mehr Skepsis auch Vattenfall, sehen – die Abscheidung und Verpressung von Kohledioxid im Boden – trifft im übrigen ebenfalls auf Befürchtungen und Widerstand. In diesem Fall nicht in der Lausitz, wo man eher stolz ist auf eine Vattenfall-Pilotanlage, aber dort, wo diese Speicherung tatsächlich erfolgen soll: in Beeskow und im nördlicheren Brandenburg. Das Verhältnis, das der Mensch mit der Natur eingeht, wird immer widerspruchsvoll sein und Risiken bergen, je intensiver und umfassender, umso mehr. Sie verantwortungsvoll und auch ethisch abzuwägen, ist ebenso unerlässlich wie noch immer ungelernt. Dort jedoch, wo wirklich große Folgen drohen und Risiken nicht kalkulierbar sind, kann das Machbare nicht das Gemachte sein. Diese Lehre aus Tschernobyl und Fukushima gilt auch in anderen Bereichen. Da könnte man von einem Mann lernen, der seit mehr als einem Jahrhundert tot ist, Friedrich Engels: „Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unseren menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet haben, aber in zweiter und dritter hat er ganz andre unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben.“∗∗

Der Widerstand in der Bevölkerung, wie immer er begründet sein mag, wird die Pläne der Kohlendioxidverpressung (CCS) scheitern lassen. Die Politik wird sowieso in vielen anderen Fällen endlich gezwungen sein, Menschen in viel stärkerer und ehrlicherer Weise einzubeziehen, bei der Planung von Windparks, Solarfeldern, Biogasanlagen, Stromtrassen, wenn die Energiewende verwirklicht werden soll, auf die Durchsetzbarkeit der CCS-Technologie sollte sie nicht vertrauen. Von den drei in Frage kommenden Bundesländern wollen Schleswig-Holstein und Niedersachsen auf die Speicherung verzichten, weil sie unberechenbare Schäden für die Umwelt befürchten. Ein Brandenburger Alleingang scheint auch unter diesem Gesichtspunkt unmöglich. Beim schwedischen Konzern Vattenfall jedenfalls scheint man sich dessen durchaus bewusst zu sein. „Die Schweden haben ein schwieriges Verhältnis zur Braunkohle“, sagte der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge eine Konzernsprecherin in Berlin. Realisten im Unternehmen sehen längst auch voraus, dass die ökonomischen Bedingungen der Kohleverstromung sich rapide verschlechtern.

Wer die Lausitz näher kennen lernt und mit den Menschen dort in das Gespräch kommt, kann trotz aller Probleme den Stolz der Bergleute und vieler anderer Menschen auf die Geschichte des Braunkohlebergbaus und ihre kulturelle Verankerung in vielen Gemeinden, Vereinen und vor allem im Alltag erleben. Doch die Lausitz und die Politik wären gut beraten, sich schon jetzt auf eine Zukunft nach der Braunkohle einzustellen.

Und das hat ja auch begonnen. Im Rotorblattwerk in Lauchhammer beschäftigt der Windanlagenhersteller Vestas fünfhundert, der Stahlturmbauer Siag Anlagenbau in Finsterwalde 120 Mitarbeiter. Auf Kippengeländen sind Windparks und Sonnenenergieanlagen entstanden, allerdings nur sehr wenige Arbeitsplätze. In Cottbus und Senftenberg sind moderne Hochschulen entstanden, von denen technologische und wirtschaftliche Impulse in die Region ausgehen. Die Internationale Bauausstellung hat nicht nur eindrucksvolle und wirtschaftlich nachhaltige Projekte hinterlassen, sondern auch zur Entstehung von regionalen Unternehmen beigetragen. In einigen Städten an der Grenze zu Oder und Neiße sind die Möglichkeiten deutsch-polnischer Zusammenarbeit zu einem realen Zukunftsfaktor geworden. Es gibt andere positive Beispiele. Um die drohenden demographischen Verwerfungen zu stoppen, reicht das noch nicht aus. Eine staatliche Struktur- und Industriepolitik, wie in der frühen Bundesrepublik, um von der DDR gar nicht zu reden, ist durch inzwischen durchgesetzte europäische und deutsche Gesetzgebung rechtlich kaum noch möglich, politisch aber auch immer noch nicht gewollt. Erforderlich wäre sie allemal. Manfred Stolpe hält große öffentliche Investitionen angesichts der Situation nach wie vor für notwendig. Doch wenn die „öffentliche Hand“ dafür keine anderen Wege als den Lausitzring oder die jetzt als „Tropical Island“ genutzte ehemalige Luftschiffhalle findet, bleibt das Ergebnis bestenfalls gering.

Eine Region jedoch, die über eine so reiche, vielfältige und wechselvolle Geschichte und Kultur verfügt, die so beispielsarm viele radikale Umbrüche innerhalb von nur anderthalb Jahrhunderten hinter sich hat, mit Menschen, die sie gemeistert haben, die ihr Gegenstand, vor allem aber ihre Akteure waren, eine solche Region, solche Menschen können allen Schwierigkeiten zum Trotz Optimisten sein. Sie habe ich in der Lausitz getroffen. Ihnen bin ich dankbar für spannungsreiche Gespräche und den Mut, den ich selbst mitnehmen durfte. Nach der Industrialisierung im späten 19. und 20. Jahrhundert, der DDR-Energiepolitik, dem Wandel nach 1990, nach dem ungeheuren Zerbrechen alter Landschaften und der Schaffung einer ganz neuen Landschaft wird auch dieser Umbruch möglich sein. Das entlässt die Politik nicht aus der Verantwortung. Aber Juri Brězans zweiflerische und doch nicht zerstörbare Zuversicht ist in der Lausitzer Kultur und Geschichte entstanden und lebendig: „Ohne Hoffnung, so habe ich geschrieben, lebt der Mensch nur seinem Ende entgegen.“ So endete auch sein so kritisches zweites Krabat-Buch mit dem Satz: „Nichts ist unmöglich.“