Über den Kohlepfarrer Mathias Berndt

Kilometerweit führt die Straße an den Tagebauen Cottbus Nord und Jänschwalde vorbei. Der sandige Abraum türmt sich zu Bergen. Tief kann man in die Schluchten sehen, die riesige Bagger und Förderbrücken bis zur Braunkohle geschlagen haben. Erst am Horizont und manchmal dahinter hören die Gruben auf. Doch dann fahre ich wieder durch Kiefern- und Buchenwälder. Die Straße windet sich zwischen sanften Hügeln. Atterwasch steht auf dem Eingangsschild. Ein altes Brandenburger Straßendorf mit niedersorbischer Geschichte: Wótšowaš. Vor der Kirche steht ein Schild: „Atterwasch bleibt. 1284 –2044 750 Jahre“. Gleich daneben finde ich im hohen Gras einen anderen Hinweis, einen noch winzigen Traubeneichensetzling als Zeichen der Hoffnung auf Zukunft des Dorfes. Atterwasch soll dem Tagebau Jänschwalde weichen. Am 18. September 2007 erhielten die Einwohnerinnen und Einwohner dreier Dörfer die Mitteilung von Vattenfall, unterzeichnet mit einem „Glück auf!“

Das alte, wenig eindrucksvolle, Pfarrhaus steht natürlich gleich neben der Kirche. Vom Garten dahinter aber geht der Blick einen langen flachen Hang hinab über – es lässt sich schwer anders sagen – eine Idylle, über weite Wiesen, auf denen ein paar Dutzend Rinder weiden, Sträucher und hohe Bäume in vielen, vielen Grüntönen des späten Frühlings. Der Sonnenhimmel darüber öffnet die Landschaft noch weiter. Ein Ort für den Urlaub von allem Stress. Nur drei Windräder, deren rot-weiße Rotorblätter ein Wäldchen in der Ferne gerade noch überragen, verweisen darauf, dass man im 21. Jahrhundert angekommen ist.

Seit fast 35 Jahren lebt und predigt Mathias Berndt hier. In Shorts und T-Shirt kommt er uns mit fröhlichem und offenem Gesicht entgegen, von der Kleidung abgesehen ein Pfarrer, wie man ihn sich klischeehaft vorstellen mag. Geboren wurde er als Pfarrerssohn in Berlin. Ursprünglich wollte er Musiklehrer werden, doch das hätte ihm zuviel politische Anpassung abverlangt. So studierte er Theologie, und entschied sich im achten Semester, ebenfalls Pfarrer zu werden. Damals war es ein begehrtes Privileg, in Berlin wohnen und arbeiten zu wollen. Doch Mathias Berndt sagte: „Schickt mich hin, wohin ihr wollt.“ So kam er als Vikar in die Gegend, und als kurze Zeit später das Pfarramt in Atterwasch vakant wurde, in dieses Dorf. Einige Male wollte er wechseln, aber er ist „hängen geblieben. So war das nun einmal bei mir. Wenn mich die Leute gefragt haben, wie lange ich bleiben werde, habe ich ihnen gesagt: Das hängt ja auch von euch ab, wie ihr euch benehmt. Sie haben sich gut benommen. Ich blieb mit Liebe.“ Nun aber wird er die Pfarrstelle in Atterwasch doch verlassen. Aber bleiben wird er auch diesmal, nur als „Kohlepfarrer“ in der Kirchenverwaltung für die seelsorgerische Betreuung aller von der Braunkohle Betroffener.

Ich frage Mathias Berndt, wie zuversichtlich er sei, dass das Dorf doch noch gerettet werden könne: „Meine Hoffnung ist mit Zittern und Zagen, aber ausgesprochen realistisch. Es gibt einen neue Diskussion über Energie, Braunkohle und Klima. Die jetzigen Tagebaue reichten ohnehin noch vierzig Jahre für die Versorgung der Kraftwerke.“ Das Thema ist für ihn nicht neu. Schon zu DDR-Zeiten hat ihn das Credo der Evangelischen Kirche „Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung“ bewegt. Doch für ihn und die anderen Menschen im Dorf wurde aus der abstrakten eine äußerst konkrete Bedrohung. Er weiß, wer hier entwurzelt werden wird, wird Gefahr laufen Teil des Werteverlustes zu werden, der in der Gesellschaft um sich greife. Es ist wohl auch seine eigene Erfahrung, wenn er meint: „Erst, wenn der Hintern warm wird, bewegen sich die Leute.“ Als das unweit gelegene Horno abgebaggert wurde, waren die Menschen in Atterwasch nicht für den Widerstand mobilisierbar.

Mathias Berndt musste und muss sich mit allen Argumenten auseinandersetzen. Zu seiner Gemeinde gehören auch Kirchenmitglieder, die bei Vattenfall beschäftigt sind. Und konsequent gegen die Atomenergie ist er sowieso. Nachdenklich sagt er: „Ich musste mein Schwarz-Weiß-Denken und meine Sprache ändern.“ Seine Kritik an wirtschaftlicher Wachstumsideologie und daran, welche persönliche und konkrete Verantwortung jede und jeder dafür hat, nimmt er jedoch nicht zurück. Es könne nicht darum gehen, immer nur zu wachsen, immer mehr zu haben. „Die Menschen“, sagt er, „haben verlernt oder wollen nicht mehr akzeptieren, dass es nicht nur aufwärts geht. Unser eigenes Leben ist doch auch gar nicht anders denk- und lebbar als mit Werden und Glück, aber auch mit Krisen, Krankheit und Tod.“ Dann zitiert er den Schriftsteller Erwin Strittmatter: „Das Leben weiß, wie es lang geht.“ Dieser so menschliche Rhythmus werde in der heutigen Pädagogik und in der Gesellschaft überhaupt nicht mehr vermittelt.

Damit zu leben, sich damit abzufinden, sich dessen bewusst zu sein, antworte ich ihm, ist auch nicht bequem. „Mein Beruf ist nicht, beliebt zu sein, sondern Gott und Menschen in Einklang zu bringen, Begleiter dabei zu sein. Und Kritiker sind nie beliebt. Karl Marx war es ja auch nicht. Meinen auftrag habe ich aus der Bibel: bauen und bewahren. Das ist natürlich ein Widerspruch. Dafür gibt es den Widerstreit von Ideen und Interessen. Die Wirtschaft hat das Interesse, Geld zu verdienen. Aber ich frage auch nach den ethischen Grenzen. Das Alte Testament hat der Kirche eine Wächterfunktion aufgegeben. Die muss sie wahrnehmen, in Afghanistan, beim Problem des Klimawandels, der Atomenergie und hier in der Lausitz. Im Wettstreit um die besten Ideen muss sie auch unbequem sein. Die Politik jedenfalls nimmt das Interesse an solchen Grenzen nicht gut wahr.“ Nein, das sei keine Politikverdrossenheit, korrigiert er sich, es sei sein Misstrauen und das von immer mehr Menschen in die Politiker. Der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe habe versprochen, dass Horno das letzte Dorf sei, dass der Braunkohle in Brandenburg weichen müsse. Inzwischen sind einige weitere abgebaggert worden. Und die Linke habe lange vor den Grünen den Protest in Atterwasch unterstützt, doch in der Regierung weiche sie ebenfalls vor der SPD und Vattenfall zurück.

Mathias Berndt weiß, dass auch die erneuerbaren Energien, auf die er mit Überzeugung setzt, problematische Konsequenzen haben können. Als Gemeindevertreter erlebt er beispielsweise den Streit um den Bau von Windkraftanlagen hautnah. „Da gibt es auch immer Übel, aber sie sind die kleineren und in vielen Fällen einvernehmlich lösbar.“ Berndt ist ein Pfarrer, der nicht nur predigt und sich um die Seelen seiner Kirchenmitglieder sorgt. „Wissen Sie, was die größten Dreckschleudern in den Dörfern sind? Die Kirchen und Pfarrhäuser. Sie sind alt, ungedämmt und stehen unter Denkmalschutz. Wir haben in unserer gemeinde beschlossen, Pfarrhaus und Kirche energetisch zu sanieren und an eine kleine, nachhaltige Biogasanlage im Dorf anzuschließen. Auch wenn wir das Geld nicht haben, wir wagen es. Das ist unser Beitrag und das Zeichen unserer Zuversicht, dass die Kirche und das Dorf bleiben werden. Unsere jahrhundertealte Dorfkirche hat Kriege und den Sozialismus überstanden. Nun soll sie die wirtschaft nicht überstehen?!“