Bismarcks Nachfahre und die Lausitz

Natürlich musste ich ihn nach der Familie fragen. Dr. Friedrich von Bismarck hat die Nummer 616. Jeder hat eine, sein Vater die 509. Doch bevor ich selbst zu Wort kam, redete er schon von seiner Begeisterung für Wüsten und ihren Reizen. Dorthin fährt er gern zum Urlaub und zum Fotografieren. Dort kommt er zu sich, sagt er: „Die Wüste ist wie ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch. Die Wüste vergisst nichts.“ So mag er auch die strenge architektonische Ästhetik der Landschafts- und Industriearchitektur in den Fotos von Alexander Schippel. In seinem Büro unweit des Berliner Alexanderplatzes hängen Fotos mit Tagebaulandschaften und ein Gemälde von Christine Jakob-Marks, das ebenfalls deren mineralische Strukturen betont.

Dr. Friedrich von Bismarck hat graumeliertes, gelocktes Haar, blau-graue Augen. Er redet mit Begeisterung und intensiver Mimik von seiner Arbeit. Seit 1995 ist er Leiter der Bund-Länder-Geschäftsstelle, die die Tagebausanierung finanziert. Er hat Volkswirtschaft und Geologie studiert, zu Wirtschaftsgeologie promoviert. Es sind ideale Voraussetzungen für seine Arbeit: „Ich bin glücklich, hier arbeiten zu können. Wo sonst hat man die Möglichkeit, etwas so Wunderbares hinzubekommen.“ 9,3 Milliarden Euro wurden durch den Bund und die Länder Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bisher bereitgestellt. In der Geschäftsstelle werden die Anträge für die verschiedenen Sanierungsmaßnahmen bearbeitet und nach Ausschreibungen schließlich vergeben.

1990 waren 75 Prozent der Lausitzer Braunkohle nicht mehr wettbewerbsfähig, sagt Friedrich von Bismarck. Die Tagebaue wurden stillgelegt. Viel Landschaft, Kultur, Geschichte, viel Heimat für Zehntausende Menschen waren bis dahin verloren gegangen. Nun verloren viele von ihnen auch ihren Arbeitsplatz. Aber er ist auch überzeugt, dass es auch ein historischer Moment war, der genutzt wurde, als beschlossen wurde, diese große Region für künftige Generationen gemeinsam neu zu gestalten: „Heute wäre das kaum noch möglich angesichts des Zustandes von öffentlichen Finanzen und Politik und des Parteienstreits.“

Nach einem Gutachten von 1996 waren insgesamt 16 Milliarden Euro für die Neugestaltung der Tagebaulandschaften aus DDR-Zeiten erforderlich. Von Bismarck schätzt, dass bis zum Abschluss der Arbeit noch etwa 2,2 Milliarden Euro erforderlich sind, insgesamt also deutlich weniger, als ursprünglich geplant. Wie oft auch die Regierungen im Bund und in den Ländern wechselten, welche Parteien auch immer in ihnen vertreten waren, der Konsens, diese große Aufgabe zu lösen und das nötige Geld bereit zu stellen, stand niemals in Frage. Es sei einmalig und wohltuende, sagt Friedrich von Bismarck, dass man sich weder zwischen den Parteien, noch um die Kompetenzen zwischen Bund und Ländern streite. Vor Ort, räumt er ein, und bei der Zusammenarbeit der verschiedenen Behörden gibt es allerdings Reibungen, die der gemeinsamen touristischen oder naturschutzrechtlichen Nutzung im Wege stehen. Er lächelt, als er meint: „Zum Glück haben wir mit unseren finanziellen Beteiligungen ein gewisses Druckmittel.“

Das Bergrecht verpflichtet die Gesellschaft vor allem zur Gefahrenabwehr und zur Wiedernutzbarmachung der Bergbauflächen. Etwa die Hälfte der finanziellen Mittel wurden und werden dafür eingesetzt. Die andere Hälfte geht in die Bewältigung der Folgen steigenden Grundwassers sowie (ausschließlich von den Ländern finanziert) in die „Erhöhung der Folgenutzungsstandards“, zu denen die „Internationale Bauausstellung Fürst-Pückler-Land“, der künftige Hafen am Ilsesee in Großräschen und Kunst- und Kulturprojekte gehören: „Wir wollen Landschaft sichern, aber dabei auch Heimat herstellen, also neben der Sicherheit Attraktivität der Region erreichen, regionale Wertschöpfungsketten, Arbeitsplätze, Erholungs- und Kulturmöglichkeiten.“

Die Kostensenkung führt Friedrich von Bismarck vor allem auf den Wettbewerb der Sanierungsunternehmen und die enorme technologische Innovation zurück: „In den neuen Bundesländern ist die weltweit beste Sanierungsindustrie entstanden. Inzwischen wird diese Technologie exportiert. Beispielsweise wurde die Rütteldruckverdichtung zur Stabilisierung von Böschungen bei der Schaffung der künstlichen Palmeninsel in Dubai eingesetzt, andere Ergebnisse in Kupferbergwerk in der Mongolei oder in Vietnam bei der Wasseraufbereitung.“

Friedrich von Bismarck ist überzeugt, dass es international kein anderes so positives Beispiel einer Landschaftswiederherstellung in dieser Dimension und mit einer solchen Zusammenführung von Finanzierung und Organisation gibt. „Die Sanierung in der Lausitz ist eine große Erfolgsgeschichte, die in der Öffentlichkeit viel zu wenig bekannt ist und gewürdigt wird. Nach ihrem Abschluss wird Deutschland zwanzig Prozent mehr Seen und viele andere schöne Landschaften haben. Natürlich gibt es auch Rückschläge durch Rutschungen, aber wir sind schon sehr weit gekommen. Ich bin darauf stolz.“

Friedrich von Bismarcks Engagement für die Lausitz geht weit über seinen Job hinaus. Vor allem die Industriekultur der Region und ihre heutige kulturelle Nutzung liegen ihm persönlich am Herzen. Er hat sich für die Biotürme und das Kunstgussmuseum in Lauchhammer und für die Schalterwarte in Brieske eingesetzt: „Ich bin mit 16 Künstlern dorthin. Wir haben das Waschhaus in Szene gesetzt, das durch Geruchsbelästigung, die von ihm früher ausging, ein negatives Image hatte. Ich wollte diesem Bau der Industriegeschichte eine Zukunft zu geben, dass Menschen es mit einem neuen Blick sehen. Wir wollten es erhalten, um es neu zu nutzen.“ Besonderen Spaß macht es ihm, Busse mit Berlinerinnen und Berlinern in die Lausitz zu organisieren: „Die härteste Nuss sind die Westberliner, die mit vorgefassten Meinungen, und natürlich keinen guten, kommen. Doch dann sind sie überrascht und begeistert.“