Über den Theatermacher Sewan Latchinian

Den Mann nicht zu vergessen, ist leicht. Natürlich, sein ausdrucksstarkes Gesicht prägt sich sofort ein, der haarlose Schädel, die ungemein aufmerksamen, geradezu blickenden Augen. Vor allem aber ist es, was er sagt, das einen nicht los lässt, Zustimmung oder Widerspruch, Nachdenken auslöst. Man fährt nach Hause, aber das Gespräch mit ihm führt man unwillkürlich und, noch lieber, willkürlich weiter. Man möchte allen seinen vielen Spuren folgen, zurück und in die Gegenwart, neugierig auf ihr Morgen, der Familiengeschichte, seinen Künsten als Schauspieler, Autor, Regisseur, Intendant, seinen gesellschafts- und kulturpolitischen Vorstellungen. Er glättet nichts. Er scheint die Widersprüche zu mögen, zumindest mag er es nicht, sie zu ignorieren.

Sewan Latchinian. Warum frage ich überhaupt. „Natürlich ist das ein armenischer Vor- und Familiename.“ Die Pogrome gegen die Armenier, der türkische Völkermord im Ersten Weltkrieg, hat sie zu Hunderttausenden in die Welt verstreut. Doch im östlichen Deutschland dürften nicht so viele von ihnen gelandet sein. Beim Studium in Bulgarien lernte sein aus dem Libanon gekommener Vater eine Frau aus der DDR kennen. Sewan Latchinian wurde in Leipzig geboren. Ob diese Herkunft für ihn eine Bedeutung habe? Natürlich, meint er. „Unsere Gene spielen unerkannt und bewusst eine Rolle, auch im Überlebenskampf mit so wenigen Mitteln für das Theater in Senftenberg.“ Ich frage mich, nicht ihn, ob er von Genen sprechen darf, nachdem Sarrazin sich ihrer so unsäglich bedient hatte. Latchinian darf, bin ich sicher. Er denkt und spricht nicht von Vorzügen oder Bedenklichkeiten eines Volkes, er meint ganz einfach das Fortwirken, in diesem Fall sogar extremer, existenzieller, kollektiver Erfahrung und Erinnerung.

Intendant der Neuen Bühne zu werden, ein Theater in Not zu übernehmen, war für ihn reizvoll genug, 2004 nach Senftenberg zu gehen: „Ein Theater in Not, das zeigte wie nötig das Theater für die Menschen und die Region ist.“. Zwei Sparten hatte das frühere „Theater der Bergarbeiter“ da bereits verloren. Die Festlegung des deutsch-deutschen Einigungsvertrages, „Die kulturelle Substanz … darf keinen Schaden nehmen.“, hat der unvergleichlich dichten Theater- und Orchesterlandschaft in Ostdeutschland nichts genützt.

Doch es war auch die Identität der Region, Ostdeutschland als Region im weiteren Sinne, und einer Braunkohleregion, die er aus Leipzig kannte, was ihn in die Lausitz gezogen hat. Schon als Kind war er den Bergleuten dankbar für die warme Stube, die er hatte. Ostdeutscher ist er auch, vielleicht sogar am meisten. Selbstverständlich und selbstbewusst bekennt er sich dazu. Das sind kulturelle, soziale und politische Gene, denke ich. Da ist nichts Nostalgisches. Das ist einfach die Tatsache einer tiefen Prägung durch eine Gesellschaft, deren vielfältiges Andersgewesensein, ihren selbst zerstörten, aber nicht abwegigen Anspruch einer großen Alternative er kritisch und differenziert sieht. Doch darum geht es nicht. Wir sprechen nicht darüber, ob da etwas zu verteidigen oder auf völlig neue Weise wiederzugewinnen wäre. Für Latchinian, so scheint es mir, ist es viel wichtiger, die eigene Identität nicht zu verleugnen, sie produktiv zu machen. Ein armenischer Ostdeutscher. Wenn einem das klar ist, wenn man sich dazu bekennt, mag es nichts Besseres geben, über alle Brüche hinweg, identisch zu bleiben. Es scheint eines der Axiome seines Lebens und seiner Kunst zu sein. In einem Interview sagte er: „Jedes Theater hat seine eigene Geschichte, sein Profil, das erhaltenswert ist. Ein Publikum lässt sich nicht verpflanzen, sondern will sich mit seinem Ensemble identifizieren.“

Das Senftenberger Theater war auch in der DDR ein besonderes Theater, mit eigenwilligen Inszenierungen und Ansprüchen. So bekam es sein Publikum, das noch immer da und davon beeinflusst ist. Daran knüpfte er an. Das Schaufelrad eines Baggers wurde zum stilisierten neuen Logo der Bühne. Auf das Dach ließ er die Glocke aus einer Grube stellen. Das GlückAufFest, zeitkritische Inszenierungen, die die Geschichte der Menschen in der Lausitz thematisierten, Faust II, bei dem die Zuschauer mit dem Bus zu den Spielstätten und vorgefundenen Bühnenbildern in der Sparkasse, der Hochschule, zur Tagebaugrube gefahren wurden, trafen den Nerv der Senftenberger, ihre realen Erfahrungen: „Es hat sie in’s Herz getroffen, das wir ihre Tradition, ihr Leben, ihre Geschichten so ernst genommen haben“, erzählt er. „Der Stolz der Bergarbeiter lebt fort, negativ als Demütigung durch Arbeitslosigkeit, und produktiv, wo der Wert dieser Vergangenheit und Gegenwart gewürdigt wird.“ Faust II hatte trotz siebenstündiger Dauer dreißig ständig ausverkaufte Aufführungen. „Wir haben eine neue, alte Verantwortung: das Theater als Fest mit dem Publikum. Das hat viele neugierig und zum Stammpublikum gemacht.“ Seinen politischen Anspruch an das Theater sieht er nicht im Widerspruch zur Kunst, sondern selbst im Schwank als eine große Möglichkeit, mit dem Zuschauer im Gespräch zu sein über ihn selbst, die Welt, die Gesellschaft, die Kunst. „Das Life-Erlebnis Theater ist schließlich ein Raum wirklicher Demokratie, und wenn es gut gemacht ist, genauso erotisch und aufregend wie vor einhundert Jahren.“

Ein gefragter und bekannter Theatermacher war er bereits zuvor: Schauspieler und Regisseur in Schwerin, Berlin, Bonn, Dortmund, Düsseldorf, Leipzig, Cottbus, München, Oberspielleiter am Rheinischen Landestheater Neuss. Seine Arbeit in Senftenberg hat ihm und der Neuen Bühne bundesweit Anerkennung Bewunderung eingebracht. „Den eigentlichen Erfolg aber haben wir hier geschafft“, sagt er. Die jährlichen Besucherzahlen sind von 40.000 auf 65.000 gestiegen, die Auslastung auf 83 Prozent. „Wir haben die Zuschauer mitgenommen, auch zu avantgardistischen Stücken. Wir haben die Entwicklung der Zuschauerkunst betrieben, miteinander ein hohes Niveau erreicht.“

„Man hat mich hier gewollt.“ Das tat ihm gut, zumal er als Schauspieler am Deutschen Theater in den achtziger Jahren auch noch die lebendige Partnerschaft zwischen dem DT und der Senftenberger Bühne erfahren hat. „Ich hatte das Gefühl, diese Tradition in meiner Person fortzusetzen.“ Und er tut es. Die beiden Theater arbeiten gemeinsam an einem Stück über die Oderflut von 1996. Er, der längst auch als erfolgreicher Autor hervorgetreten ist, hat es nicht geschrieben. Er inszeniert es auch nicht: „Ich befördere diese Produktion nur als Intendant. Das ist das Schönste.“

Mit vier Millionen Euro öffentlicher Förderung muss die Neue Bühne auskommen. „Für ein Theater ist das keine große Subvention. Für die vom radikalen wirtschaftlichen und sozialen Wandel, Abwanderung, Alterung und ökologischen Problemen gebeutelte Stadt und die Region schon“, entgegne ich. Oh, den Begriff der „Subvention“, weist Latchinian bestimmt, fast entrüstet zurück. „Das sind gute Investitionen in die Zukunft. Wir machen aus wenig Geld viel und sehr gutes Theater. Kultur kostet viel, viel weniger, als eine Gemeinschaft ohne Kultur kosten würde. Der Verzicht, mit dem wir Theaterleute Reichtum produzieren, ist vielleicht sogar eine Richtung, in der Auswege aus unseren großen Krisen gerechter Verteilung oder des Klimawandels liegen. Ein gesellschaftliches Angebot. Damit es weltweit weniger Armut gibt, muss es in Deutschland weniger Reichtum geben.“