André Brie

Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Kunst heute“ in Mestlin

 

Liebe Freunde, liebe Damen und Herren,

Kunst heute bedeutet natürlich nicht nur heute Kunst, sondern jeden Tag Kunst. Es gibt nichts das pluralistischer ist als Kunst und nichts daher, dass zeitgenössischer ist als Kunst. Nur in dieser Hinsicht möchte ich dem Titel der heutigen Veranstaltungen in ganz Mecklenburg-Vorpommern widersprechen und widerspricht vor allem die Ausstellung im Kulturhaus Mestlin dem Motto, der 26. Oktober sei „Tag der zeitgenössischen Kunst“. Diese Kunst hat, wie jede Kunst, ohnehin Zeitgenossinen und Zeitgenossen aus Jahrtausenden. Wie könnten die alten Iraker, Ägypter, Griechen, Chinesen, Perser, Römer, Inder, Inkas, die Künstler der Renaissane, der Aufklärung und des Sturm und Drang, Mozart, Heinrich Heine, Mark Twain, die Avantgarde, Picasso oder eben Takwe Kaenders sein, wenn nicht pluralistisch und zeitgenössisch?

Das macht sie aus, und muss es ausmachen, ganz wie es Heine meinte: „Was ist in der Kunst das Höchste? Das, was auch in allen andern Manifestationen des Lebens das Höchste ist: die selbstbewusste Freiheit des Geistes.“

19 Künstlerinnen und Künstler sind in der Ausstellung in Mestlin mit unterschiedlichen Werken, Formen, Materialien, Handschriften, Augen, Vorstellungen und Empfindungen versammelt.

Es gab ja viele Jahre, wo dieses Kulturhaus ohne jede Zukunft schien, zeitlos im traurigsten Wortsinn. Mir wird niemand gram sein, wenn ich sage, dass Takwe Kaenders und ihre Freunde hier ein Wunder auf den Weg gebracht und begonnen haben, dieses Gebäude in die Zeit und die Öffentlichkeit wiedergeholt zu haben. Sie haben es mit Kunst geschafft und hören nicht auf damit.

Takwe hat gegenüber der „Schweriner Volkszeitung“ gesagt, dass „zeitgenössische Kunst oft politisch“ sei. In dieser Ausstellung sind, wie man sehen kann, selbst die Spiegeleier hochpolitisch. Dass wird jede und jeder, die sich die Arbeiten ansieht, selbst beurteilen oder entscheiden. Ob Kunst politisch ist, hängt ohnehin auch davon ab, ob auch die Betrachter politisch sind. Doch eine Frage ist längst entschieden: Dass Künstlerinnen und Künstler und ihre Kunst in die Öffentlichkeit gebracht werden, sich der Öffentlichkeit, der Konsumtion, dem Dialog, dem Widerspruch und der Zustimmung stellen – das ist hochpolitisch, erstrecht, wenn sie diese Öffentlichkeit im ländlichen Raum suchen, der von der offiziellen Politik so oft vernachlässigt wird.

Eine für mich sehr zeitgenössische Schriftstellerin, Marie von Ebner-Eschenbach, hat in einem ihrer Aphorismen geschrieben: „Wenn der Kunst kein Tempel mehr offen steht, dann flüchtet sie in die Werkstatt.“ Ebner-Eschenbach ist auch so zeitgenössisch, weil man ihr widersprechen darf, und sie es eben wollte. Die Künstlerinnen und Künstler in dieser Ausstellung flüchten nicht in die Werkstatt, sie flüchten auch nicht in die Öffentlichkeit, sondern sie greifen an und sie greifen auch die Öffentlichkeit an, wenn sie es für notwendig halten.

Ich möchte etwas hervorheben, dass mit den Bildern, Skulpturen oder Installationen gar nichts zu tun hat, aber sehr viel mit den Künstlerinnen und Künstlern. Ich war vorgestern und gestern schon hier, um mir ein Bild machen zu können, und ich habe die Künstler nicht beim Malen oder Bildhauen gesehen, sondern stundenlang beim Transportieren, Aufhängen, Nägel schlagen, Wände tünchen gesehen. Sie, liebe Künsterinnen und Künstler, haben uns ein großes Geschenk gemacht.

Auch so greift zeitgenössische Kunst in Mestlin an. Schon deshalb ist sie mir liebenswert. Wir können aber auch viel über die Bedingungen zeitgenössischer Kunst begreifen und verstehen, wie wichtig es wäre, dass auch die Politik an- und eingreift. Und für sie und uns gemeinsam kann das nur bedeuten, dass wir selbst nach dieser Kunst greifen. Letzten Endes benötigen wir sie noch weit mehr als sie uns.

Wer mich gebeten hat, zur Eröffnung zu sprechen, wird nicht erwartet haben, dass ich ästhetisch über alle Werke, die Sie hier sehen können, rede. Das könnte ich gar nicht. Ich bin selbst nur Betrachter und Konsument. Das heißt auch, dass ich nicht wissenschaftlich sehe, aufnehme, empfinde, sondern sehr persönlich. Es wäre auch töricht, ungerecht und zeitlich gar nicht möglich, zu jedem Werk etwas zu sagen.

Catarina Mantwill hat zu ihren eigenen Bildern geschrieben: „Malen ist für mich reine Formensprache, die von jeder Gegenständlichkeit absieht.“ Andere in dieser Ausstellung sind bewusst sehr gegenständlich. Doch auch Catarina Mantwill kann nicht verhindern, wie sehr ich an ihren farblich so wunderschönen Bildern das Licht genossen habe, das aus ihnen hervorscheint, als ob es aus ihnen selbst warm leuchtet. Und Wärme, selbst wenn ich sie nur fühle, ist für mich dann doch etwas sehr Gegenständliches.

Wer sich der „Konferenz“ von Bernard Misgajski stellt, wird ohnehin etwas sehr Gegenständliches vorfinden. Doch welchen Gegenstand er sieht, denkt, empfindet, das bleibt auch ihm oder ihr überlassen, beispielsweise dass ich, aus welchem Grund auch immer, mich an das Plenum des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern erinnert fühle. Worüber dabei konkret, will ich lieber verschweigen, und behalte meinen Spaß für mich selbst.

Das „Lebensstück“ oder die „Lieblingstücke“ in 16 und 3 Kästen von Ulrike Steinhöfel und Christian – mit dem sehr schönen und anregenden Text – haben mich direkt und auch sehr emotional angesprochen. Ich vermag nur Ihnen, liebe Freunde, empfehlen, se zu genießen oder sogar den Dialog mit diesen Werken anzunehmen.

Damit ich aber wirklich nicht, zu allem etwas sage und Ihnen die Arbeit und den Genuss abnehme an der Malerei von Felix Fugenzahn, den Collagen von Gregor Kunz und den anderen Werken, möchte ich Ihnen und vielleicht dem Autor Johannes Mann nur noch erzählen, was mir die Skulptur aus Stahl und Holz „Tango“ berichtet hat. Abgesehen davon, wie reizvoll, anregend und dicht sie ist, verwies das Paar mich selbst weit von Mestlin in die Welt hinaus, zu den Frauen und Männern, die ich im Irak, in Palästina oder Afghanistan erlebt habe, wo der Tango nicht selten stattdessen eine Gewalt gegen Frauen und ihr Ausschluss ist.

Ich erwähne es allein deshalb, weil es der Vorzug dieser Ausstellung ist, dass wir so Vieles, so Unterschiedliches, Zusammengehöriges und sich Ausschließendes vorfinden und entdecken und schließlich uns selbst einbringen können. Dafür, liebe Künstlerinnen und Künstler, liebe Takwe, lieber Denkmal Kunst Mestlin e.V., lieber Künstlerbund, möchte ich Ihnen herzlich danken.

Es gibt noch einen Zeitgenossen, den ich zitieren möchte. Antoine de Saint-Exupéry hat in seinem „kleinen Prinz“ über die Verletzbarkeit, die Freundschaft, die Gier, Furcht und Liebe geschrieben: „Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen. Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen sie euch nie über das Wesentliche. Sie fragen euch nie: Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er am meisten? Sammelt er Schmetterlinge? Sie fragen euch. Wie alt ist er? Wie viel Brüder hat er? Wie viel wiegt er? Wie viel verdient sein Vater? Dann erst glauben sie ihn zu kennen.“ „Adieu“, sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen. „Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Liebe Gäste, ich wünsche Ihnen Vergnügen beim Sehen.