„Wir brauchen
KUNST braucht uns“ heißt mein neues Buch. Der Umschlag wird mit Zustimmung von Inge Jastram durch eine Radierung, Kreide, Aquarell „Im Zirkus“ gebildet. Mein Manuskript ist fertig, aber nun gestalten Prof. Rudolf Grüttner und Sabine Matthes es professionell und äußerst attraktiv mit den Fotos von Christian Lehsten zu den zahlreichen Gemälden, Radierungen, Lithografien, Zeichnungen, Aquarellen und Bronzestatuen, die wir normalerweise bei uns zu Hause haben. Da es aber nicht nur um bildende Künstlerinnen und Künstler, sondern auch um Schriftsteller, Musikerinnen und Musiker, Kabarettistinnen, Artisten und Kunsthandwerkerinnen, -handwerkern gehen wird, gehören dazu auch Fotos von Alexander Schippel und anderen Fotografen oder von mir selbst dazu.

Natürlich ist es kein kunstwissenschaftliches Buch. Das könnte ich gar nicht. Aber es reizte mich, über meine persönlichen Kontakte, Erlebnisse und teilweise Freundschaften mit Künstlerinnen und Künstlern zu schreiben. Selbst hat es mich reich gemacht – emotional, politisch und begreifend. Ich blieb daher auch fast ausschließlich bei jenen, die ich selbst erlebt habe und erlebe. Es gibt bei den bildenden Künstlern nur zwei Ausnahmen: Die chinesischen Bilder haben mit meiner Kindheit in China und meiner chinesischen Schwägerin bzw. meinem Bruder zu tun. Keinen der Maler konnte ich selbst kennenlernen. Und das alte Gemälde von Scotti, der lange vor mir lebte, bekam ich vom Ehepaar Gass in Berlin-Karlshost geschenkt. Sie hatten Ende 1933, Anfang 1934 meinen damals zehnjährigen Vater versteckt, als die Eltern bereits vor den Nazis nach Prag geflohen waren.

Auch darüber versuche ich zu erzählen. Hier aber gebe ich aus dem Manuskript nur das Grußwort von Thomas Jastram, meine Einführung, die Kapitelüberschriften  und das Register zur Kenntnis. Alles andere kann nur durch die Fotos, Illustrationen und die Gestaltung wirklich leben.

André Brie

Für meine klugen, liebevollen und fröhlichen Töchter Irene, Anke und Saira.

Grußwort von Thomas Jastram

André kenne ich seit dem Jahr 2001. Es war Wahlkampf in Berlin. Ich muss gestehen, dass es eigentlich meine Frau war, die sich in viel stärkerer Weise für die ganze Angelegenheit interessierte als ich.

Seit der Begegnung haben sich unsere Wege immer wieder gekreuzt und es entstand eine Freundschaft, die in den 17 Jahren alle Höhen und Tiefen überdauerte. Wir besuchten und besuchen uns gegenseitig in Wooster Teerofen, Rostock und später in Hamburg. Wir haben Saira groß werden sehen, die er einmal auf den Schultern durch den Wald trug und die ihn von dort oben zum Joggen animierte. Da sah er schon so aus wie ein Christophorus, so als wolle er nicht nur das Kind, sondern auch die ganze Welt tragen. Inzwischen besitzt er auch Zeichnungen und eine Skulptur mit Christophorus. (André war damals in den Krisengebieten um den halben Globus unterwegs)

Natürlich ist André zu aller erst und vor allem ein politischer Mensch. In Hinblick auf die Kunst, ist er mir als empfindsamer und kenntnisreicher Gesprächspartner begegnet. Seine Bilder folgen keinem bestimmten Thema. Sie sind ebenso wie seine Kontakte und Freundschaften mit Schriftstellerinnen, Schriftstellern oder Musikerinnen und Musikern eher eine Illustration seines Lebens. Sie folgt seinen Unternehmungen und seinen zahlreichen Begegnungen und  Reisen.

Es gibt keinen Renditegedanken oder eine wie auch immer geartete Mainstream Hörigkeit. Und deshalb gehören in diese Sammlung eben nicht nur Bilder und Skulpturen, sondern auch Lieder, Texte, Theaterstücke und vor allem Menschen.

Wo fängt die Kunst an und wo das Leben? Die Kunst und die Künstlerfreunde haben immer sein Leben begleitet, sie waren notwendig, wie um eine Not zu wenden. Es ist erfrischend, wenn jemand sammelt aus dem einfachen Grund, Gefallen an den Dingen zu finden. Ohne Spekulation, ohne Hintergedanken und Absichten.

Kunst bedarf der unvoreingenommenen und ganzheitlichen Schau. Absichten haben Kriminelle, so sagte es einmal sinngemäß, der Dresdner Maler Bernhard Kretschmar.

Die gesammelte Kunst, ist bei André an Geschichte und Geschichten gekoppelt. Viele der Künstlerinnen und Künstler stammen aus der untergegangenen DDR, und einige davon  haben sich ins Heute aufgerappelt. „…auferstanden aus Ruinen…“ Diese Herkunft hat den erfreulichen Nebeneffekt, da sie in aller Regel auf eine solide Ausbildung und ein fundiertes handwerkliches Können schließen lässt.

Die Sammlung Brie ist ein Wertegedächtnis. Die in ihr vertretenen Künstlerinnen und Künstler eint der Ablegepunkt von der Wirklichkeit, von der alle zu verschiedenen Zielen aufbrechen. Diese reale Frische verleiht der Angelegenheit Kraft und das sowohl in inhaltlicher als auch in formaler Hinsicht. Der Unterschied zur esoterischen Wohlstandsdekoration oder der Baumarktfolklore, die sich auch heute noch als freiheitlich und avantgardistisch in den Kunstmarkt und die Museen drängen, ist wohltuend.

André Brie hat diese Sammlung von Künstlern und ihren Arbeiten zusammengetragen und als der politisch und soziale Mensch, der er nun mal ist, stellte er die Bilder und Skulpturen für die Ausstellung in Mestlin und dieser Publikation der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Dafür Danke!

Thomas Jastram
Bildhauer

Einführung

Die ursprüngliche Idee zu diesem Buch kam nicht von mir, im Gegenteil. Bei der Eröffnung der Ausstellung mit der bildenden Kunst, die sonst bei uns zu Hause hängt, sprach mich der Fotograf Christian Lehsten im Kulturhaus Mestlin an und meinte, es müsse eigentlich einen Katalog über diese Bilder und Statuen geben. Ich widersprach, denn ich weiß, wie schwer es Bücher heutzutage haben. Doch irgendwie blieb dieser Vorschlag in meinem Kopf und muss dann auch mein Herz erreicht haben. Die Ausstellung hieß ja nicht „Wir brauchen bildende Kunst“, sondern: „Wir brauchen – KunsT – braucht uns“. So viele Bilder und Statuen wir auch haben, hatte ich immer auch Musik, Filme, das Theater und Kabarett oder Bücher und ihre Autorinnen und Autoren gebraucht, nicht wenige von ihnen getroffen, bin von ihnen umfassend beeinflusst worden, oder habe mich sogar mit ihnen angefreundet.

Plötzlich war ich nun Feuer und Flamme, nicht einfach nur über einen Katalog unserer bildenden Kunst nachzudenken, sondern auch zu schreiben, was diese Künstlerinnen und Künstler für mich nach wie vor bedeuten. Vielleicht, dachte ich, ließe sich Kunst, die mir selbst wichtig ist, auf diese besondere Weise anderen Menschen näher bringen. Wie schwierig und nicht selten ergebnislos das sein kann, hatte ich zur Genüge erlebt. Es ist in diesem Buch auch dokumentiert. Doch die Ausstellung in Mestlin und Christian Lehsten hatten mich wohl etwas zuversichtlicher werden lassen. Die Künstlerinnen und Künstler, die ich kennengelernt hatte, wären ohnehin nie zu Pessimismus oder Passivität bereit gewesen. Dass meine Ausstellungstexte über die Künstlerinnen und Künstler, für viele Besucherinnen und Besucher wichtig waren, ermutigte mich zusätzlich.

Christians Idee blieb erhalten und kennzeichnet einen großen Teil dieses Buches, zumal er sehr viele Bilder und die Statuen professionell fotografierte. Dazu hatte er sie aus den Rahmen und vom Glas befreit, was mich später eine Woche Arbeit kostete, sie wieder zu rahmen. Doch, und das gehört hier her, bin ich Christian Lehsten von Herzen dankbar.

Ich schreibe hier fast ausschließlich über Künstlerinnen und Künstler, die mir über den Weg gelaufen sind oder ich ihnen. Ich hatte in meinem Leben viel Glück, wirkliches Glück, denn sie und ihre Kunst haben mir unendliche Freude bereitet.

Während ich an diesem Buch schrieb, merkte ich immer wieder, dass meine eigene Welt wirklich ein Dorf ist, so wie meine eigene Zeit ein Dorf oder besser ein kurzer Monat ist. Beispielsweise hatte mich der spanische Bürgerkrieg der 1930er Jahre schon als Kind sehr beschäftigt. Später hörte ich, dass mein Vater als Jugendlicher gern aus der Emigration in Prag nach Spanien gegangen wäre, um mit den Internationalen Brigaden gegen Franco und die Nazis dort zu kämpfen. Dass ich später Picassos „Guernica“ oder Nuria Quevedo so sehr schätzte, hat sicherlich auch damit zu tun. Otto Gröllmann, der dort tatsächlich gekämpft hatte, war für mich immer ein Held, und die Spanienlieder von Ernst Busch hörten meine großen Töchter nicht nur von Platten, sondern sangen sie mit mir während der Fahrten im Trabbi. Egon Erwin Kisch schrieb, und Busch war seine geliebte und anerkannte Stimme: „Die Musik ist sozusagen die außerdienstliche Dienstsprache der Internationalen Brigaden.“ Im dem erst 2014 in der Anderen Bibliothek erschienen Roman „Ewiger Sabbat“ des russischen Juden Grigori Kanowitsch über das jüdische Leben in Litauen las ich, wie Daniel, um den es geht, seinen Vater verabschieden musste: „‚Ich muss mit dir reden, Daniel‘, sagte er, als wir allein waren. ‚Ich weiß alles‘, sagte ich, ‚du fährst nach Spanien.‘ ‚Ja‘, sagte er… ‚Eines Tages wirst du alles verstehen.‘ ‚Ich verstehe schon jetzt alles. Du kannst sowieso nichts ändern.‘ ‚Wir werden’s ändern‘, sagte mein Vater Saul.“ Auch Shakespeare oder Rodin kommen in diesem Roman vor, deren Theaterstücke oder Skulpturen ja ebenfalls ins Dorf und die (Welt)Zeit in die kurzen Dorfzeiten bringen. Vielleicht kann wirkliche Kunst gar nicht anders, eben so, wie der Bildhauer, mein Freund Thomas Jastram ja auch den heiligen Christophorus nach Jahrtausenden in meine Zeit, mein Leben und nach Mecklenburg-Vorpommern geholt hat.

Mir selbst ging es so auch mit dem Irak, Afghanistan oder im friedlichen (?) Deutschland. Zu diesem Dorf meiner Welt gehört daher ebenso, dass der Dramatiker und Dichter Heiner Müller, über den ich hier noch schreiben werde, Anfang der 90er Jahre zu den Gründern der Kulturinitiative Berlin gehörte, für die heute mein Schwiegersohn, der Theaterleiter Christoff Bleidt arbeitet. Meine Welt ist also wirklich ein enges und weites Dorf, und ich will dabei sein wie viele Künstlerinnen und Künstler auch. Kunst gehört ohnehin immer dazu und daher zu mir, hier oder in den Kriegen, die ich sah bei den Menschen, die ich traf und treffe. Ich möchte hier nicht argumentieren. Auch wenn ich in diesem Buch kaum inhaltlich auf Kunst und Künstler, denen ich nahe gekommen bin, eingehen werden, sondern auf meine persönlichen Kontakte und Haltungen zu ihnen, hoffe ich, dass Leserinnen und Leser es spüren können. Über den Historiker, Schriftsteller und Freund Christian von Ditfurth werde ich noch ausführlicher berichten. Sein neuester Krimi oder Thriller „Schattenmänner“ vom Sommer 2018 zeigt es eindringlich. Weltweite Rüstungskonzerne, – exporteure, -käufer, ihre Gegnerinnen und Gegner, Geheimdienste aus Europa oder den USA und immer wieder Menschen, die in unterschiedlichen Ländern zu Opfern werden, machen aus diesem Buch eine spannende und allzu realistische Geschichte. Da sein Kommissar de Bodt auch ein eigenwilliger und gebildeter Mensch ist, Hegel, Fichte oder Seneca zitiert, wird man auch lachen können und immer wieder in die Kunst gezogen werden.

Wenn ich vom kurzen Monat meines Lebens in diesem Dorf schrieb, könnte ich berichten, vielleicht beweisen, wie sehr selbst jahrhundertealte Geschichte und Entscheidungen es noch immer beeinflusst. Bleibe ich bei der Kunst, so sind es nicht nur Picassos Guernica oder die Lieder von Ernst Busch, es ist auch Kassandra aus der antiken griechischen Legende, die in meinem Monat und meinem Dorf weiterlebt. Ihre Warnung vor dem Krieg gegen Troja beschäftigte mich schon als Kind, wie auch, dass niemand auf sie hörte. Christa Wolf schrieb das Buch „Kassandra“. Eigentlich hätte ich auch über Christa Wolf in diesem Buch schreiben müssen. Sie wohnte nur zweihundert Meter entfernt von mir in Pankow, und ihr Grundstück in Mecklenburg war keine zwanzig Kilometer von meinem entfernt. Getroffen habe ich sie wohl dennoch nicht, wenn ich mich richtig erinnere, und meine Briefe an sie sind wie auch ihre Antworten schon im Archiv der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Kassandra aber war auch für die Malerin Heidrun Hegewald ein großes Thema, über das sie schrieb, aber nicht malte. Als ich in einem Brief der Bildhauerin Kathrin Wetzel eine Abbildung ihrer „Kassandra“Figur sah, war für mich klar, dass ich sie kaufen werde.

Kunst habe ich immer als Plural verstanden, und jene, die ich gut finde, kann auch gar nicht anders sein: Musik, Gedichte, Romane, Zirkus, Kabarett, Filme, Theater … Inhaltlich und künstlerisch  waren es alle, die ich mochte und traf: Mensching, Wenzel, Rio, Gundi, Rumpf, Barbara Thalheim sind nicht nur Musikerinnen, Musiker, Komponistinnen, Komponisten, auch begnadete Dichter oder Schriftsteller, Mensching sogar auch noch Theater-Intendant. Oft genug, nicht nur Heidrun Hegewald, haben Malerinnen und Maler auch geschrieben. Doch viele von ihnen sind auch Netzwerker für Kunst (und Politik) weit über ihre eigene hinaus. Barbara und Wenzel organisieren nicht nur andere Konzerte, sie holen ebenso wie beispielsweise Thomas Jastram, auch Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Bereichen zusammen. Wenn ich nur über jene Menschen spreche, die ich gut kenne und erlebe wie Dagmar Wendorff mit ihrem Kulturstall in Userin, der Verein in Mestlin, die Künstler- und Handwerkergemeinschaft in Rothen, Astrid Kloock und andere mit dem Kulturverein in Ludwigslust oder Roland Wehl mit seinem Kohlenkeller in Berlin-Zehlendorf – so organisieren sie beständig und intensiv Konzerte, Ausstellungen, Lesungen oder politische Diskussionen in einem Umfang und auf einen Niveau, wie ich es bei Parteien oder der öffentlichen Hand fast immer vermisse.